Drei Schwestern – Eine Erfolgsgeschichte

30 Jahre nach dem Tod der berühmten Jane Austen erschienen 1847 drei Klassiker von Charlotte, Emily und Anne Brontë unter ihren männlichen Pseudonymen Currer, Ellis und Acton Bell. Wie die Romane Jane Austens zählen auch diese Werke der drei Pfarrerstöchter aus Yorkshire längst zur Weltliteratur und werden stets aufs Neue entdeckt und gelesen.

Leben
Charlotte, Emily und Anne Brontë wuchsen in einem bescheidenen Pfarrhaus im idyllischen Städtchen Haworth im englischen Yorkshire auf. Ihr Vater war dort Hilfspfarrer. Selbst heute noch kann man in der Gegend um Haworth das Flair des viktorianischen Zeitalters spüren, das die Schwestern in ihren Romanen eingefangen haben.

Inspiriert von der malerischen Landschaft, entwarfen die drei bereits als Kinder sagenhafte Fantasiewelten. Besonders nach dem frühen Krebstod der Mutter und dem Verlust der beiden älteren Schwestern Maria und Elizabeth, die beide an Tuberkulose starben, träumten sie sich in fiktive Realitäten. Schon damals entstanden die ersten Manuskripte der begabten Mädchen. Aus ihrer Schulzeit sind zahlreiche Tagebucheinträge, Gedichte und Zeichnungen erhalten, durch welche die stark autobiographische Prägung einiger späterer Werke ersichtlich wird.

In ihrem Erfolgsroman ›Jane Eyre‹ verarbeitet Charlotte beispielsweise nachweislich ihre Internatszeit in Roe Head. Nach ihrem Schulabschluss arbeiteten Charlotte und Emily zunächst als Lehrerinnen, die jüngste Schwester Anne erhielt eine Anstellung als Gouvernante – eine Erfahrung, die sie ihrem ersten Roman ›Agnes Grey‹ zugrunde legte. Auch Charlotte war eine Zeit lang als Gouvernante bei verschiedenen Familien beschäftigt. Emily entschloss sich hingegen, ihrer Tante, die sich seit dem Tod der Mutter um den väterlichen Haushalt gekümmert hatte, zu Hause unter die Arme zu greifen.

Dort begann sie, wohl angeregt von der Geschichte eines ehemaligen Schülers, den heute weltberühmten Klassiker ›Sturmhöhe‹ zu schreiben. Die Figur des Heathcliff, die diesem angeblich nachempfunden sei, zählt bis heute zu den faszinierendsten Charakteren der Weltliteratur. Die Idee, eine eigene Schule in Haworth zu gründen, veranlasste Emily und Charlotte, ihre Sprachkenntnisse auf einem Brüsseler Internat aufzubessern, wo Emily bis zum Tod der Tante am 29. September 1842, Charlotte bis 1844 studierte. Wieder zurück in Haworth, mussten die drei Schwestern die Schulidee wegen zu geringer Nachfrage jedoch wieder verwerfen; sie widmeten sich nun fast ausschließlich der Schriftstellerei.

Erfolg
Der Weg zum Erfolg war jedoch steinig. Private Schicksalsschläge wie die Todesfälle in der Familie oder auch die Alkoholsucht ihres ebenfalls künstlerisch veranlagten Bruders Patrick lasteten schwer auf den Schultern der jungen Mädchen. Alle drei wurden immer wieder von Krankheiten, persönlichen Krisen und Anzeichen von Depressionen heimgesucht.

Hinzu kamen Absagen über Absagen von Verlegern, die sich weigerten, die literarischen Werke weiblicher Autorinnen herauszubringen. Poet Laureate Robert Southey schrieb an Charlotte: »Literatur kann nicht die Aufgabe im Leben einer Frau sein, und sie sollte es auch nicht.« So beschlossen die drei Schwestern, ihre Werke unter männlichen Pseudonymen zu veröffentlichen. Auf eigene Kosten publizierten sie 1846 den gemeinsam verfassten Gedichtband ›Poems by Currer, Ellis and Acton Bell‹.

Die Initialen der Pseudonyme stimmen mit denjenigen der jeweils dahinter verborgenen Brontë-Schwester überein. Der Name Bell ist wohl Charlottes späterem Ehemann Arthur Bell Nicholls, der 1845 an die Pfarrei ihres Vaters gekommen war, entlehnt, über die Quellen der Vornamen existieren zahlreiche Spekulationen. Trotz wohlwollender Rezensionen in den Literaturzeitschriften ›Athenaeum‹ und ›Critic‹ wurden nur zwei Exemplare ihres Gedichtbands verkauft.

Nach unzähligen weiteren Versuchen erklärten sich endlich Smith, Elder & Co bereit, Charlottes Roman ›Jane Eyre‹ zu verlegen. Er erschien 1847 und wurde umgehend als literarische Sensation gefeiert. Auch Emilys einziger Roman ›Sturmhöhe‹ und Annes ›Agnes Grey‹ wurden im selben Jahr noch publiziert; ihr Verleger war Thomas Cautley Newby. Schnell kursierten Gerüchte um die vermeintlichen Autoren: Man munkelte, dass es sich bei den drei Bells um ein und dieselbe Person handelte. Diese Fehleinschätzung konnten Charlotte und Emily jedoch bei einem Aufenthalt in London korrigieren, ohne sich selbst als die eigentlichen Autorinnen zu outen. 1848 wurde Annes zweiter Roman ›Die Herrin von Wildfell Hall‹ veröffentlicht, im Jahr danach erschien Charlottes ›Shirley‹.

Tod und Nachleben
Als Patrick infolge einer Tuberkuloseerkrankung 1848 starb, hatte sich Emily bereits bei ihm angesteckt. Sie starb 30-jährig am 19. Dezember 1848. Ein halbes Jahr später, am 28. Mai 1849, ereilte Anne dasselbe Schicksal. Mit nur 29 Jahren erlag auch sie der Tuberkulose.

1850 verfasste Charlotte ein Vorwort zur zweiten Auflage von Emilys ›Sturmhöhe‹. In diesem enthüllte sie die wahre Identität der drei Schwestern. Obwohl sie auch ihren dritten Roman ›Villette‹ 1853 weiterhin unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlichte, konnte Charlotte bis zu ihrem Tod am 31. März 1855 wenigstens eine, wenn auch kurze Zeit des Ruhms genießen.

Die Geschichte ihres Lebens wurde von ihrer langjährigen Freundin, der berühmten Schriftstellerin Elizabeth Gaskell, in der Biografie ›Das Leben von Charlotte Brontë‹ von 1857 für die Nachwelt festgehalten. Im selben Jahr gab Arthur Bell Nicholls posthum Charlottes ersten Roman ›Der Professor‹ heraus, der auf ihren Erlebnissen am Brüsseler Internat und der unerfüllten Liebe zu ihrem Lehrer M. Heger basiert.

Rezeption
Während Charlotte mit ›Jane Eyre‹ ihren literarischen Durchbruch schaffte, blieben Emilys und Annes Werke lange Zeit verkannt. Zwar war Annes ›Agnes Grey‹ bei Erscheinen des Romans ein großer Erfolg, den ›Die Herrin von Wildfell Hall‹ sogar noch weit übertraf, allerdings gerieten ihre Werke nach ihrem Tod langsam in Vergessenheit, bis sie erst im Laufe des 20. Jahrhunderts wiederentdeckt wurden.

Auch dem bei ihren Zeitgenossen umstrittenen Roman ihrer Schwester Emily war ein ähnliches Schicksal beschert. Erst mit dem Erscheinen von A. Mary F. Robinsons Biografie zu Emily Brontë 1883 wurde ›Sturmhöhe‹ langsam wieder ein breiteres Interesse zuteil. Der Kritiker Lord David Cecil stellte 1935 fest, dass die Autorin nicht so geschätzt würde, wie es ihr gebühre.

Mit der ersten Verfilmung des Romans 1939 – in der Hauptrolle: der begnadete Lawrence Olivier – rückte auch ›Sturmhöhe‹ wieder ins Licht der Öffentlichkeit; dies gab auch den Anstoß zu einer Reihe weiterer Filmadaptionen, zuletzt 2011. Einen besonderen Boom verdankt ›Sturmhöhe‹ auch der zwischen 2005 und 2008 erschienenen ›Twilight-Saga‹ von Stephenie Meyer, deren Protagonistin Bella immer wieder in ihrem Lieblingsbuch ›Sturmhöhe‹ liest. Auch ›Jane Eyre‹ wird von Meyer als Inspirationsquelle genannt.

Die Brontë-Schwestern gehören bis heute zu den meistgelesenen Autorinnen Englands.

Text: Sabrina Müller (Praktikantin Klassik-Lektorat)

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