Die Charaktere in ›Die Unperfekten‹

»Sie alle enthalten Teile von mir, die in Figuren verwandelt wurden. Es ist wie dieser Satz von Flaubert: »Madame Bovary, c’est moi.« Das klingt absurd, denn ganz offensichtlich kann man sich diesen schnurrbärtigen Franzosen nicht als diese wunderbar charismatische, reizbare, komplizierte Frau vorstellen. Und viele der Figuren sind ebenso offensichtlich nicht ich. Aber im Prozess des Schreibens ist es so, dass man, wenn man wirklich versucht, eine Figur zu verstehen und sie ganz menschlich zu machen, oft ein Fragment der eigenen Persönlichkeit nimmt, es ausweitet und in einen anderen Kontext versetzt, in eine andere Person, und es beobachtet. Ich empfinde Sympathie und eine große Gemeinsamkeit mit meinen Figuren – sie ähneln mir alle, aber keiner ist ganz ich.« Tom Rachman

Ruby Zaga: Der Wahn hat Uran

46 Jahre alt und alleinstehend – In der Arbeit besessen von Hygienewahn – Die Kollegen hassen sie und sie hasst die Kollegen – Verwandelt sich an Sylvester in eine geschäftstüchtige Businessfrau – Die große Liebe ist seit jeher unerreichbar – Bei der Familie in den USA gibt sie vor, die Person zu sein, die sie im Alltag nicht sein kann – Wie sehr man an etwas hängt, merkt man erst, wenn man es zu verlieren droht.

»Das Taxi setzt sie vor dem Hotel Nettuno ab, einem Dreisternehotel gleich außerhalb der Vatikanmauern, dessen pfirsichgelbe Fassade schon seit 1999 hinter einem Gerüst verborgen ist, als den Besitzern Geld wie Ehrgeiz ausgingen, mitten in der Sandstrahlreinigung. Wieder kracht ein Böller, Ruby macht vor Schreck einen Satz. Der Mann an der Rezeption begrüßt sie auf Italienisch, sie antwortet auf Englisch und reicht ihm ihren amerikanischen Pass. »Fliege gar nicht gern an Feiertagen«, sagt sie. »Bin gar nicht gern ...«

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Ornella de Monterecchi: Der Kalte Krieg ist aus, ein heißer fängt an

Um die 70 Jahre alt, Italienerin und verwitwete Diplomatengattin – Strikte Hausherrin, die ihre häufig wechselnden Putzfrauen schikaniert – Seit 1976 sammelt sie die Zeitung und liest jede einzelne Ausgabe von vorne bis hinten – Im Jahre 2009 hinkt sie daher ihrer Zeit 15 Jahre hinterher – Vor dem 24. April graut es ihr, seit sie ihn zum ersten Mal erlebt hat – Das Leben in der Vergangenheit macht das Leben mit ihr nicht immer leichter ...

»Marta sammelt die Putzlappen in der Wohnung zusammen, wäscht sie, wringt sie aus und stopft sie unter die Küchenspüle. Als letzte Dienstpflicht heute trägt sie die Trittleiter in den Flur und steigt auf den obersten Tritt, um an den Hängeboden zu kommen. Er ist bis oben hin voll mit alten Ausgaben der Zeitung. Alle, die Ornella schon gelesen hat, werden links abgelegt, die ungelesenen liegen rechts. Marta greift nach der Ausgabe von morgen, dem 24. April 1994. »Nein!«, kreischt Ornella und ...«

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Winston Cheung: Das Sexleben islamistischer Extremisten

24 Jahre jung und sieht aus wie 17, was für einen angehenden Auslandskorrespondenten nicht immer leicht ist – Spricht arabisch, was für einen angehenden Auslandskorrespondenten in Kairo durchaus hilfreich ist – Spricht nicht die Sprache des Business, was für einen angehenden Auslandskorrespondenten in Kairo, der Konkurrenz bekommt, keinesfalls hilfreich ist - Mut heißt auch aufgeben können und sein Glück woanders zu suchen ...

»Schnapp sie dir, Großer. Wir brauchen noch ’n paar Mann-auf-der-Straße-Dinger.« »Das ist aber eine Frau mit Burka. Kann ich Mann-aufder- Straße nicht mit einem Mann auf der Straße machen?« »Bist du rassistisch.« Synder geht einfach weiter und macht sich investigativ an einem Gewürzstand zu schaffen. Winston sagt sich ein paarmal lautlos den arabischen Satz vor, in dem er die meiste Übung hat: »Verzeihung, sprechen Sie Englisch?« Der Schweiß juckt ihn unterm Arm. Er nimmt all seinen Mut zusammen und geht auf die verhüllte Frau zu ...«

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Herman Cohen: Globale Erwärmung ist gut für Eiscreme

Korrektor und Macher des hauseigenen Stilführers – Unerbittlich auf der Jagd nach Fehlern und Unstimmigkeiten – In den 30 Jahren seiner Tätigkeit bei der Zeitung haben ihn die Kollegen fürchten und lieben gelernt – Hat bereits alle Blattmacherpositionen besetzt, außer die des Reporters – Leidenschaftlicher Koch, liebevoller Ehemann, Vater und Großvater –Eine besondere Freundschaft ist ihm wichtig – Manchmal zeigt die Vergangenheit das Glück der Gegenwart ...

»Herman Cohen steht am Produktionstisch. Wirft lodernde Blicke auf die drei tippenden Textredakteure. Die erstarren mitten im Anschlag. »Dabei habe ich bis jetzt noch niemandem persönlich einen Vorwurf gemacht«, sagt er düster und faltet die Morgenausgabe auseinander, als steckte eine Mordwaffe darin. Tatsächlich steckt etwas viel Schlimmeres darin: ein Fehler. Verächtlich legt Herman den Finger darauf, schabt an dem widerwärtigen Wort herum, als wollte er es von der Seite wischen, am besten in irgendein anderes Presseerzeugnis, und sagt: »GWOT.« Dann haut er auf die Seite ...«

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