Dora Heldt: Meine erste Freundin

1968 war das Jahr, das mein Leben veränderte. Es hatte nichts mit dem Attentat auf Dutschke zu tun und nichts mit den Olympischen Spielen in Mexiko. Das Wichtigste war etwas anderes: Ich wurde eingeschult und meine drei größten Wünsche erfüllten sich. 

Der erste Wunsch war ein Paar rote Lackschuhe, vorne mit kleinen Löchern, hinten mit Riemchen. Der zweite Wunsch war eine kleine Schwester. Und: Ich wünschte mir eine Freundin, eine ganz für mich allein. Meine Mutter hatte so eine. Auf ihrem Einschulungsbild sahen sie genau gleich aus und hielten sich an den Händen. Das wollte ich auch. 

Am Abend vor der Einschulung war mir schlecht. Als ich am nächsten Morgen all die anderen Kinder sah, starrte ich auf den Boden, damit niemand meine Tränen sah, und bemerkte, dass alle anderen Mädchen schwarze oder dunkelblaue Schuhe trugen, ohne Lack. Und plötzlich sah ich sie. Ein zweites Paar roter Lackschuhe. Mein Herz schlug schneller. Über den Schuhen weiße Kniestrümpfe, weißer Faltenrock und eine dunkelblaue Clubjacke. Wir sahen genau gleich aus! Das Mädchen sah mich an, lächelte und wartete auf mich. 

Sie war einen halben Kopf kleiner und gelbblond. Aber sonst sahen wir gleich aus, fand ich. Im Klassenraum setzten wir uns zusammen in die dritte Reihe. Sie hieß Linda Liebe, ich hatte noch nie jemanden mit einem so schönen Namen kennen gelernt. Ich war sehr glücklich. Lindas Vater war Schlachter, sie sagte Metzger, sie kam aus dem Rheinland und redete anders als ich, was sich sehr schön anhörte. Mein Schulweg führte an dem Laden vorbei, Linda saß jeden Morgen auf der Treppe und wartete auf mich. Wir erzählten uns alles. In den Ferien fuhr ich zu meiner Oma, Linda blieb zu Hause, ich dachte, ich müsste sterben. 

Nach den Ferien gingen wir den Schulweg wieder jeden Tag zusammen, manchmal Hand in Hand. Irgendwann schob Linda ihre Hände in ihre Anoraktasche, sie sagte, wir seien doch keine Babys mehr. 

Ein halbes Jahr später wurde mein Vater nach Hamburg versetzt. Ich war sehr traurig und hatte Angst, es Linda zu erzählen. Schließlich begleitete mich meine Mutter zu Familie Liebe. Linda und ich setzten uns auf die Stufen vor dem Ladeneingang. Ich fing an zu weinen. Irgendwann stieß ich Worte wie Umziehen, Hamburg und andere Schule hervor. Mir brach dabei das Herz, Linda pulte am Schorf auf ihren Knien.

Auf dem Nachhauseweg stand Linda plötzlich vor mir, in der Hand ein Würstchen. »Da«, sagte sie. »Und wenn ich in der zweiten Klasse bin, schreibe ich dir.« 

Einen Brief von Linda Liebe habe ich nie bekommen. Dafür denke ich bei jedem kalten Würstchen an meine roten Lackschuhe. Und an meine erste Freundin.

Aus: Dora Heldt, Unzertrennlich

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