Epilog zu ›Maybe Someday‹

MAGGIE

Ich lege den Stift auf das Papier. Meine Hand zittert so sehr, dass ich das Formular nicht ausfüllen kann. Ich hole ein paar Mal tief Luft, um mich zu beruhigen.
Du schaffst das, Maggie.
Ich nehme den Stift wieder in die Hand, aber ich glaube, meine Hand zittert jetzt sogar noch mehr als zuvor.

»Komm, ich helfe dir«, sagt eine Stimme. Ich blicke auf und sehe den Tandem-Lehrer, der auf mich hinab lächelt. Er nimmt mir den Stift aus der Hand und greift nach dem Clipboard, bevor er sich auf dem Stuhl zu meiner Rechten niederlässt.
»Leute, die das zum ersten Mal machen, sind oft ziemlich aufgeregt. Es ist wahrscheinlich einfacher, wenn du mich den Papierkram ausfüllen lässt, weil man deine Handschrift vermutlich sowieso nicht lesen kann«, meint er. »Du tust ja fast so, als müsstest du dich gleich aus einem Flugzeug stürzen.« Er zwinkert mir zu und lacht.

Ich atme erleichtert auf, werde dann aber gleich wieder nervös, als mir einfällt, was für eine schlechte Lügnerin ich bin. Bei den medizinischen Angaben würde mir das Schwindeln viel leichter fallen, wenn ich es selber ausfülle. Ich weiß nicht, ob ich diesem Typen direkt ins Gesicht lügen kann.
»Danke, aber ich schaffe das schon.« Ich versuche, ihm das Clipboard wieder aus der Hand zu nehmen, doch er hält es außerhalb meiner Reichweite.
»Nicht so schnell ...«, dann wirft er einen raschen Blick auf mein Formular, »... Maggie Carson.«
Er streckt mir die Hand entgegen, während mit der anderen Hand noch immer das Clipboard von mir weg hält. »Ich bin Jake und falls du gleich vorhast, in 10.000 Fuß Höhe aus einem Flugzeug zu springen und dich dabei in meine Hände zu begeben, dann werde ich doch zumindest mal den Papierkram für dich hier erledigen können.«

Ich schüttele ihm die Hand und bin beeindruckt von der Kraft, die in seinem Händedruck steckt. Zu wissen, dass es diese Hände sind, denen ich gleich mein Leben anvertrauen werde, beruhigt mich wenigstens ein winziges Bisschen.
»Wie viele Sprünge hast du schon durchgeführt?«, frage ich ihn.
Er grinst und wendet dann seine Aufmerksamkeit wieder meinen Formularen zu. Er blättert durch die Seiten. »Du wirst mein fünfhundertster sein.«
»Echt? 500, das klingt viel. Solltest du das nicht irgendwie feiern? Kriegt man da irgendeine Auszeichnung?«
Er blickt auf und sieht mir in die Augen, während das Lächeln auf seinem Gesicht schwindet. »Du hast gefragt, wie viele Sprünge ich durchgeführt habe. Ich feiere nicht gerne im Voraus, bevor ich den Sprung nicht auch tatsächlich überlebt habe.«
Ich schlucke.
Er lacht und gibt mir einen Schubs gegen die Schulter. »Das war ein Scherz, Maggie. Entspann dich. Du bist in guten Händen.«

Ich lächele und hole zugleich noch einmal tief Luft. Er fängt an, das Formular durchzugehen.
»Irgendwelche medizinischen Besonderheiten?«, fragt er und  hält bereits den Stift an das Kästchen mit der Antwort Nein.
Ich antworte nicht. Mein Schweigen veranlasst ihn, den Blick zu heben und seine Frage zu wiederholen. »Medizinische Besonderheiten? Vorerkrankungen? Irgendwelche verrückten Ex-Freunde, von denen ich wissen sollte?«
Ich lächele über seinen letzten Kommentar und schüttelte sanft den Kopf. »Keine verrückten Ex-Freunde. Nur einer und der ist echt großartig.«
Er lächelt. »Und was ist mit dem anderen Teil der Frage? Irgendwelche Vorerkrankungen?« Er wartet auf meine Antwort, aber von mir kommt nicht mehr als ein nervöses Schweigen. Er kneift die Augen zusammen, beugt sich vor und mustert mich eindringlich. »Ist es lebensbedrohend?«
Ich schüttele den Kopf. »Noch nicht.«
Seine Lippen bilden eine dünne Linie und er hält inne, während er mich weiterhin nicht aus den Augen lässt. »Was ist es denn, Maggie Carson?«
Ich blicke auf meine Hände, die zusammengefaltet in meinem Schoß liegen. »Du lässt mich vielleicht nicht springen, wenn ich es dir erzähle.«

Er beugt sich zu mir, bis sein Ohr ganz nah an meinem Mund ist. Ein Hauch seines Atems streichelt über mein Schlüsselbein und lässt mich erschauern. »Wenn du es leise genug sagst, halte ich es für gut möglich, dass ich es nicht einmal höre«, sagt er mit gedämpfter Stimme.
Er weicht ein wenig zurück und wartet auf meine Antwort.
»Ich hab CF«, sage ich. Dabei bin ich mir nicht sicher, dass er mit der Abkürzung CF überhaupt etwas anzufangen weiß. Aber wenn ich mich kurz fasse, fragt er vielleicht nicht allzu viel nach.
»Wie sind deine Sauerstoffwerte?«
Vielleicht weiß er doch, was es bedeutet.
»Momentan ganz gut.«
»Hast du eine ärztliche Erlaubnis?«
Ich schüttele den Kopf. »Das war ein sehr spontaner Entschluss. Ich bin manchmal ziemlich impulsiv.«
Er grinst, schaut wieder auf das Formular und macht unter Vorerkrankungen ein Häkchen bei ›Nein‹. Dann schaut er wieder mich an. »Du hast Glück, weil ich zufällig selber Arzt bin. Aber falls du heute sterben solltest, werde ich allen erzählen, du hättest bei dieser Frage gelogen.«
Ich lache und nicke zustimmend, froh, dass er bereit ist, diesen Punkt zu übergehen. Ich weiß, dass das eine große Sache ist. »Danke.«
»Wofür?«, sagt er, ohne mich anzusehen.

Dann geht er weiter die Liste mit Fragen durch und ich antworte wahrheitsgemäß, bis wir schließlich auf der letzten Seite angekommen sind. »Okay, die letzte Frage«, sagt er. »Warum willst du Fallschirmspringen?«
Ich beuge mich zu ihm, um einen Blick auf das Formular zu erhaschen. »Ist das wirklich eine Frage?«
Er hält das Papier hoch, damit ich es sehen kann. »Yep. Da steht es.«
Ich lese die Frage und antworte dann ehrlich und unverblümt. »Ich glaube, weil ich sterben werde. Ich habe eine lange Liste von Dingen, die ich noch tun will.«

Sein Blick wird ernst, so als würde ihn meine Antwort in irgendeiner Weise bekümmern. Er wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem Formular zu, während ich den Kopf schief lege, um über seine Schulter hinweg lesen zu können, dass er eine ganz andere Antwort aufschreibt als die, die ich ihm gegeben habe.
»Ich will Fallschirmspringen, weil ich das Leben in seiner ganzen Fülle auskosten möchte.«
Dann reicht er mir die Papiere und den Stift. »Unterschreib hier«, sagt er und deutet unten auf die Seite. Nachdem ich meine Unterschrift gegeben und ihm das Formular zurück gereicht habe, steht er auf und reicht mir die Hand. »Komm, lass uns jetzt unsere Fallschirme packen, Fünfhundert.«

»Bist du wirklich Arzt?«, brülle ich über den Motorenlärm hinweg.
Wir sitzen uns direkt gegenüber. Er lächelt breit und zeigt dabei eine Reihe von Zähnen, die so gerade und weiß sind, dass ich wetten könnte, dass er eigentlich Zahnarzt ist.
»Kardiologe«, brüllt er. Er macht eine Handbewegung, die das Innere des Flugzeugs umfasst. »Das hier mache ich nur zum Spaß!«
Beeindruckend.
»Und stört es deine Frau nicht, dass du immer so beschäftigt bist?«
Oh Gott.
Was für eine offensichtliche, alberne Frage. Ich winde mich innerlich, dass ich das tatsächlich laut ausgesprochen habe. Flirten war noch nie meine Stärke.
Er beugt sich vor. »Was?«, brüllt er.
Oh je. Soll ich das jetzt wirklich wiederholen? »Ich habe gefragt, ob deine Frau nichts dagegen hat, dass du immer so beschäftigt bist!«
Er schüttelt den Kopf und löst seinen Sicherheitsgurt, um sich neben mich setzen zu können. »Es ist zu laut hier drin!«, brüllt er. »Kannst du es noch einmal sagen?«
Ich verdrehe die Augen und setze erneut an. »Ob deine Frau ...«
Er lacht, hält mir einen Finger an die Lippen und beugt sich zu mir. Mein Herz reagiert mehr auf diese rasche Bewegung von ihm als darauf, dass ich kurz davor stehe, aus einem Flugzeug zu springen. Unsicher blicke ich ihn an.
»Das war ein Scherz«, sagt er und nimmt den Finger von meinen Lippen. »Es schien dir die beim ersten Mal so peinlich zu sein, deswegen wollte ich es unbedingt noch einmal von dir hören.«
Ich boxe ihn gegen den Arm. »Du Arsch!«

Er lacht und steht auf. Dann streckt er die Hand nach meinem Sicherheitsgurt aus und drückt auf den Auslöseknopf. Er zieht mich hoch. »Bist du bereit?«
Ich nicke, aber das ist gelogen. Ich habe entsetzliche Angst und wenn dieser Typ kein Arzt wäre und das hier zum Spaß machen würde und nicht so heiß wäre, dann würde ich jetzt vermutlich einen Rückzieher machen.
Er dreht mich um, sodass mein Rücken an seiner Brust ist und er unsere Sicherheitsgurte miteinander verbinden kann und ich fest an ihn geschnallt bin. Meine Augen sind geschlossen, aber ich fühle, wie er mir die Fliegerbrille aufzieht. Es dauert noch ein paar Minuten, bis er seine Vorbereitungen beendet hat, dann schiebt er mich vor sich her zu der Öffnung des Flugzeugs. Als ich mich zu ihm umdrehe, sagt er: »Ich habe keine Frau, Maggie. Das Einzige, was ich liebe, ist mein Leben.«

Ich lächele, denn diese Antwort gefällt mir. Das war es wert, dass er mich meine Frage dreimal hat wiederholen lassen.
Ich klammere mich an meine Gurte. Er greift um mich herum, nimmt meine Hände und legt sie an meine Seite. Ich blicke zu ihm auf und bemerke zum ersten Mal, dass seine Augen genau denselben Farbton haben wie der Himmel unter uns. »Noch 60 Sekunden«, sagt er. »Kannst du mir einen Gefallen tun?«
Ich nicke, weil ich ohnehin nicht wagen würde, ihm jetzt etwas zu verweigern, wo doch mein Schicksal in seinen Händen liegt.
»Wenn wir lebend unten ankommen, darf ich dich dann zum Essen einladen? Um mein 500. Mal zu feiern?«
Ich lache über die ungewollte sexuelle Anspielung in seiner Frage. »Dürfen Lehrer sich denn mit ihren Schülern verabreden?«, brülle ich.
Er lächelt. »Keine Ahnung«, sagt er und zuckt die Schultern. »Die meisten von meinen Schülern sind Männer und ich hatte bislang noch nie das Bedürfnis, einen von ihnen zum Essen einzuladen.«

Seine blauen Augen lächeln auf mich hinab und warten auf ein Ja. »Ich lasse dich meine Antwort wissen, wenn wir sicher gelandet sind«, sage ich.
»Einverstanden.« Er schiebt mich noch einen Schritt nach vorne und verschränkt dann seine Finger mit meinen, bevor er unsere Arme ausbreitet.

»Jetzt geht’s los, Maggie. Bereit?«
Ich nicke, während mein Herz noch schneller schlägt als zuvor und sich mir die Brust zusammenkrampft aus Angst vor dem, was ich gleich willentlich tun werde. Ich spüre seinen Atem an meinem Hals, während er uns Stück für Stück auf die Öffnung des Flugzeugs zubewegt. »Ich weiß, dass du gesagt hast, du wolltest Fallschirmspringen, weil du sterben musst, Maggie. Aber ich muss dich darüber in Kenntnis setzen, wie vollkommen falsch du damit liegst. Das hier hat nichts mit dem Tod zu tun, Maggie! Das hier ist Leben!«

Und damit schiebt er uns beide vorwärts … und wir springen.


Aus dem amerikanischen Englisch von Kattrin Stier

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