Gemma und Kartik

Text: Libba Bray, 2007


Nachdem ›Kartiks Schicksal‹ so gut wie fertig ist (ich warte nur noch darauf, dass der Text vom Satz zurückkommt), dachte ich, dass ich mein Versprechen, einige Streichungen zu veröffentlichen, einhalten sollte. Es sind Ab- und Umwege, die es nicht ins endgültige Buch geschafft haben. Ich kommentiere sie ein bisschen, damit der Zusammenhang klar wird.

Das meiste davon sind unfertige erste Entwürfe. Manchmal entscheidet man sich, sie weiterzuverfolgen, und manchmal entscheidet man sich für einen anderen Aspekt darin. Aber manchmal schmeißt man das Ganze auch mit einem vernehmbaren Stöhnen in den Kamin. Hm, falls man einen Kamin hat. Auf jeden Fall in den metaphorischen Kamin, in meinem Fall die Mikrowelle.

Egal, hier sind jetzt – ohne weiteres Trara – einige gestrichene Szenen aus ›Kartiks Schicksal‹, die sich um die Beziehung zwischen Gemma und Kartik drehen.

Das Schwert

Anfangs hatte ich die Idee, dass Kartik Gemma im Schwertkampf unterrichten sollte. Ich liebe dieses Schwerterklirren und ich wollte wirklich gerne, dass Gemma es einigen Typen so richtig zeigt. Außerdem war die Vorstellung, dass Kartik Gemma beibringt, wie man ein Schwert schwingt, irgendwie ... heiß. Aber dann wurde mir klar, dass Gemmas Macht nichts mit Schwertkampf zu tun hat, und dieser Entwurf landete im Feuer.
 

Er steht hinter mir, seinen Arm um meinen gelegt, und dirigiert das Schwert. Wenn er es schwingt, zerschneidet er die Luft in eleganten Bögen. In meiner Hand fühlt es sich schwer an. Ich mache einen unrühmlichen Versuch und das Schwert zieht mich nach rechts. Beinahe falle ich hin.
»Ruhig«, sagt er.
Ich streiche eine lose Locke aus meiner Stirn. Sie landet direkt in meinen Augen. Prima. Das fängt wirklich gut an.
Ich hebe das Schwert noch einmal. Sein Gewicht lässt mich taumeln und gegen Kartik stolpern. Er muss mehrere Schritte zurückspringen, damit ich ihn nicht aufspieße.
Er grinst: »Hab ich das so erklärt?«
»Oh, das ist sinnlos. Ich kann es nicht.«
»Sie müssen.« Er drückt mir das Schwert wieder in meine schmerzenden Hände.
Mit einem Seufzer hebe ich die lange Klinge und lasse sie ein bisschen zu schnell hinabsausen. Das Schwert steckt fest im Boden, wie Excalibur, und lässt sich nicht bewegen, egal wie intensiv ich daraufstarre.
Kartik zieht es heraus und schleudert es beiseite. »Vielleicht versuchen wir es lieber mit dem Messer«, sagt er.



Der vereitelte Kuss
Jawohl, dies war der Entwurf für eine Schlüsselszene zwischen Kartik und Gemma, die anderen Schlüsselszenen folgen sollte, die schließlich gestrichen wurden. Wie es aussieht, waren sie also doch nicht so schlüsselmäßig. Ich wollte diesen Kuss sowohl leidenschaftlich als auch tollpatschig gestalten. In späteren Fassungen war die vorausgehende Szene intensiv genug, sodass mir klar wurde, dass es keinen Kuss geben würde ... zumindest nicht an dieser Stelle. (Hihi, lasst mich euch mit Hinweisen foltern. Ich liebe es, gemein zu sein.) Sorry. Das war mein gemeiner Zwilling Skippy. Egal, die Szene war eine Simulation. Die endgültige(n) Kuss-Szene(n) sind weniger ... tollpatschig.


Er zieht mich schnell zu sich. Sein Kuss ist nicht sanft, aber das will ich auch gar nicht. Ich will, dass er mich küsst, bis ich Pippas schreckliches Grinsen, Aschas Körper und die Menge, die nach Blut – meinem Blut – schreit, nicht länger vor mir sehe. Ich will leben und das macht mich mutig. Meine Hand greift nach seinem Nacken. Seine Haut ist warm und weich. Er stöhnt leise und das macht mir gleichzeitig Angst und erregt mich. Wir bewegen uns rückwärts, bis ich gegen die Wand stoße. Ich sollte aufhören. Ich sollte ... Seine Zunge schlüpft schnell in meinen Mund. Es erschreckt mich so, dass ich meinen Kopf zurückreiße und er gegen die Wand knallt. Die Öllampe rutscht von ihrem Haken und zerschellt auf dem Boden des Bootshauses.
»Ich bin ... ich sollte ...« Ich reibe mir den Hinterkopf.
Kartik dreht mein Gesicht zu seinem. »Bist du ... Hast du dich verletzt?«
»Alles in Ordnung, wirklich«, sage ich mit einem Lachen, das klingt, als wäre ich nicht ganz bei Trost.
Seine Augen sind so dunkel, dass ich mich darin verlieren könnte. Ich möchte mich in den Hintern beißen für meine Ungeschicklichkeit. Ich will, dass er mich wieder küsst.



Die Überredung
An einer Stelle habe ich Gemma eine unvernünftige Entscheidung treffen lassen. Und ich wollte, dass Kartik sie ihr ausredet. Das beinhaltete gleichzeitig eine Auseinandersetzung über Simon Middleton. Eigentlich waren es also zwei Szenen in einer. Aber nachdem ich Kartiks Vorgeschichte geändert hatte – und Simons Vorgeschichte und Gemmas Vorgeschichte -, ja nachdem ich den ganzen Roman geändert hatte ... war sie irrelevant. Knurr. Heul. Stöhn. Was soll’s, hier ist sie:


»Gemma«, flüstert er. Es überläuft meinen Rücken wie bei einem Kuss. »Warum tun Sie das? Sie sind für Höheres erwählt.«
Ich schüttle den Kopf. Tränen brennen in meinen Augen. »Nein.«
»Doch. Schauen Sie mich an. Bitte schauen Sie mich an.«
Ich kann nicht. Wenn ich ihn ansehe, werde ich zweifeln, und wenn ich zweifle, werde ich zusammenfallen wie ein Kartenhaus. Ich werde verloren sein. Ich muss diesem Weg folgen. Es ist der einzig sichere Weg.
Seine Hand bleibt in meinem Nacken. Ich möchte, dass sie bleibt, und ich möchte, dass er geht. Ich weiß nicht länger, was ich will. Irgendjemand muss es mir sagen. Andere sollen Entscheidungen für mich treffen, damit ich mich ausruhen kann.
»Ich will sie nicht mehr«, sage ich und versuche, die Tränen zurückzuhalten.
»Sie ist ein großes Geschenk«, sagt Kartik.
»Nein, Sie irren dich. Sie ist eine Bürde. Wenn ich die anderen Mädchen ansehe ... sie fühlen nicht, was ich fühle. Sie scheinen zufrieden zu sein. Was ist los mit mir? Warum ist nichts jemals genug? Warum bin ich immer auf der Suche nach etwas, das ich nicht habe?«
Ich weine jetzt. Keine Möglichkeit, die Tränen zurückzuhalten, also lasse ich es geschehen.
Kartik versucht, mich an sich zu ziehen, aber ich reiße mich los.
»Sind diese Mädchen glücklich? Sind Sie sich sicher?«
»Ja. Sehen Sie sie an. Sie haben keine Sorgen.«
»Wie schlimm für sie.«
»Was meinen Sie damit?«, sage ich schluchzend. Meine Stimme ist rau.
»Keine Sorgen haben, das ist als würde man gar nicht lebendig sein, oder?«


(2. Teil)


»Sehen Sie ihren Gesichtsausdruck? Wie würden Sie den beschreiben?«
Ich weiß es nicht. Ihre Gesichter scheinen ausdruckslos, ohne Angst oder Freude.
»Gelangweilt.«
Kartik schüttelt den Kopf. »Fordernd. Sie fordern Dinge und sie bekommen sie.«
»N-Nein«, sage ich, aber es fühlt sich wie eine Lüge an.
Kartik sieht zu den Lichtern von Spence, dem Ball, hinüber.
»Ich habe gesehen, wie Sie Denby anschauen. Sie wissen, dass Sie ihn nicht glücklich machen können. Sie sind nicht die Richtige für ihn.«
»Das ist grausam.«
Seine Stimme ist weich. »Nein. Das ist ehrlich.«
»Vielleicht würde ich ihn sehr glücklich machen. Das können Sie nicht wissen.«
»Ich weiß, dass er Sie nicht glücklich machen kann«, sagt er fast flüsternd.
»Sie wissen überhaupt nichts über diese Dinge.«
»Weiß er, dass Sie, wenn Sie nachdenken, auf Ihrer Unterlippe herumbeißen? Dass Sie Orangen mögen und Porridge hassen? Interessiert es ihn, dass Sie mit Ihrem Spiegelbild sprechen? Ich weiß das alles, Gemma.«
Wie kann er das alles bemerkt haben?



Okay, so viel aus der Grabkammer für heute. Viel Spaß beim Lesen.
 
Übersetzung: Anke Thiemann

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