Cover: Black Rabbit Summer


Kevin Brooks über ›Black Rabbit Summer‹

Der Starkult des Mords

Einer der Haupthandlungsstränge meines neuen Romans ›Black Rabbit Summer‹ erzählt von dem plötzlichen Verschwinden zweier völlig unterschiedlicher Sechzehnjähriger: Stella Ross, dem attraktiven Teenie-Star, und Raymond Daggett, einem etwas strange aussehenden, irgendwie gequälten Jungen. Der Erzähler der Geschichte (Pete Boland) kennt beide, und als sie zeitgleich vermisst werden, wird Pete in die polizeilichen Ermittlungen hineingezogen – er ist untrennbar in ihr Verschwinden verwickelt.

 

Der sowohl physische als auch soziale Unterschied zwischen den beiden verschwundenen Teenagern ermöglichte es mir, mich mit bestimmten kulturellen Aspekten auseinanderzusetzen, die mir im Zusammenhang mit prominenten Fällen in der Realität interessant erscheinen. Ich wollte verstehen, warum manche Verbrechen in der Öffentlichkeit viel Beachtung finden, andere dagegen nicht, obwohl sie in ihrer Anlage fast identisch sind. Und ich wollte begreifen, in welchem Maß dieser Prozess von der öffentlichen Wahrnehmung des Opfers und/oder des Verdächtigen beeinflusst wird.

 

Einer dieser prominenten Realfälle – der Mord an der englischen Fernsehmoderatorin Jill Dando – war für mich die Initialzündung für dieses Buch. Es waren vor allem zwei Dinge im Fall Jill Dando, die mich nachdenklich stimmten. Das eine war die Frage, welchen unleugbaren Einfluss der Prominentenstatus und die physische Erscheinung des Opfers auf alle Bereiche des Falls hatten – auf die Medien, auf die Reaktion der Öffentlichkeit, auf die polizeiliche Ermittlungsarbeit, auf die allgemeine Empfindung von Schrecken und Empörung. Die Tatsache selbst war natürlich nicht wirklich überraschend (wobei mich wenig interessiert, ob es nun gut oder schlecht ist). Ich fand nur erstaunlich, dass unsere emotionale und praktische Reaktion auf das Töten menschlichen Lebens offenbar mit davon abhängt, wie das Opfer sein Geld verdient hat und wie es aussah. Oder schlicht und einfach davon, ob wir diese Person sympathisch finden.

 

Warum ist der Mord an einem attraktiven Fernsehstar abstoßender als der an jemand anderem? Warum löst die Ermordung eines solchen Opfers mehr Mitleid und einen stärkeren Polizeieinsatz aus als die eines ganz gewöhnlich aussehenden und womöglich eher unsympathischen Niemand?

 

Ob es uns gefällt oder nicht, unsere Vorurteile in Bezug auf das physische Erscheinungsbild ist häufig ein Faktor, wenn es um Fälle vermisster und eventuell ermordeter Kinder und Jugendlicher geht. Das ist ein sehr emotionsgeladenes Thema, und wer es wagt, öffentlich über Hintergründe dieser Art zu sprechen, riskiert entrüstete Reaktionen der Öffentlichkeit und verletzt allzu leicht die Gefühle der Angehörigen. Doch es ist offensichtlich, dass immer dann eine größere Medienberichterstattung stattfindet, wenn das Opfer gutaussehend und fotogen ist, und eine geringere, wenn das nicht zutrifft. Dadurch entsteht der Eindruck, dass in den Fällen äußerlich einnehmender Opfer mehr zur Lösung unternommen wird als in anderen. Diese öffentliche Einschätzung erzeugt wiederum einen starken Druck auf die Polizei, solche Fälle zu lösen. So wird unsere medial beeinflusste Wahrnehmung (dass diese Fälle irgendwie eine stärkere polizeiliche Aufmerksamkeit erfahren) gewissermaßen zur Realität: Die Polizei tut tatsächlich mehr, um diese Fälle zu lösen.

 

Wir müssen nur die übertriebene Medienbeachtung anschauen, die bestimmten prominenten Fällen entgegengebracht wird, um zu begreifen, dass das Gesagte stimmt: der tödlichen Messerattacke gegen Damilola Taylor, den Soham-Morden, dem Verschwinden der kleinen Madeleine McCann. Natürlich sind alle diese Fälle tragisch, sie sind schrecklich ... doch sind sie schrecklicher als die unzähligen anderen Tragödien, die keine flächendeckende Medienbeachtung finden? Und liege ich falsch in der Annahme, dass diese »geringeren« Tragödien einfach nur deshalb nicht die gleiche Aufmerksamkeit erfahren, weil die Opfer das falsche Gesicht, das falsche Lächeln, das falsche Foto haben, um es in den Nachrichten zu präsentieren?

 

Vielleicht habe ich ja unrecht. Aber ich finde, es lohnt sich, darüber nachzudenken.

 

Der andere Aspekt des Jill-Dando-Falls, der mich fasziniert hat, war die Verhaftung und Verurteilung von Barry George als Mörder. Die Überführung des Täters basierte auf nichts als der Tatsache, dass der Verdächtigte in derselben Gegend wohnte wie Jill Dando, sowie auf der weit verbreiteten Überzeugung, dass er ein »komischer Kauz« sei. Barry George war ein Sonderling, ein Einzelgänger, ein sozialer Außenseiter. Und das, so scheint es, reichte aus, um Polizei, Medien, Öffentlichkeit und Richter von seiner Schuld zu überzeugen.

 

Auch in diesem Punkt kann ich mich irren. Vielleicht stimmt ja alles nicht, was ich über den Fall gelesen habe. Vielleicht weiß die Polizei Dinge, die wir nicht wissen. Und vielleicht hat Barry George tatsächlich geschossen. Alles absolut möglich, und vielleicht erfahren wir, wenn das Wiederaufnahmenverfahren läuft, endlich die Wahrheit. Doch was immer geschieht, Fakt bleibt, dass Barry Georges soziale und physische Absonderlichkeit von den Medien – und in geringerem Maße auch von der Polizei – als durchaus einleuchtende Basis für seine Schuld dargestellt wurde.

 

Und noch ein letzter Gedanke zum Thema Medienbeachtung bei prominenten Fällen. Während ich den Roman ›Black Rabbit Summer‹ schrieb, geschahen in und um Ipswich eine Reihe von Morden. Ich wohnte zu dieser Zeit in Manningtree, was weniger als zwanzig Kilometer von Ipswich entfernt liegt, deshalb habe ich sehr aufmerksam verfolgt, was in beiden, der Medienwelt und der Realwelt, passierte. Und irgendwie machte mir dieses Gefühl von Nähe noch einmal bewusst, welchen Einfluss die modernen Medien bei prominenten Fällen haben. Es gab vor allem zwei Aspekte, die mich beschäftigten: der Faktor Mord als Unterhaltung und die symbiotische Verbindung, die sich zwischen Medien und Polizei entwickelt.

 

Der Faktor Mord als Unterhaltung ist nichts Neues. Es gibt ihn seit Jahrhunderten. Seit jeher lieben wir Menschen den grausamen Mord. Was sich jedoch in den letzten paar Jahren verändert hat, ist die schiere Menge an verfügbaren Nachrichten darüber. Das Entscheidende an einer Nachrichtenversorgung rund um die Uhr ist, dass sie ihrem Namen gerecht werden muss: Es müssen 24 Stunden lang immerzu Nachrichten produziert werden. Anders als früher, als wir unsere Nachrichten zum unterhaltsamen Mord in Zusammenfassungen abends im Fernsehen um 18.00 oder 21.00 Uhr oder am nächsten Morgen in der Zeitung erhielten, bekommen wir heute in jeder Sekunde eines jeden Tages jeden möglichen Blickwinkel der Geschichte geboten, während sie gleichzeitig weiterläuft (oder eben auch nicht).

 

Wir erfahren absolut alles: die ständigen Spekulationen, die täglichen Pressekonferenzen, die Expertenmeinungen, die Interviews mit Anwohnern, Profilern, Bekannten ... und wir wissen, dass das alles absolut sinnlos ist. Aber wir gucken trotzdem. Und die Polizei weiß, dass wir gucken, was heißt, dass eventuell auch der Mörder gucken könnte, also nutzt die Polizei die Medien als Teil ihrer Ermittlung, was in der Folge bedeutet, dass wir, die Zuschauer, selbst Teil der Ermittlung werden. Was die Sache für uns nur umso unterhaltsamer macht. Also schauen wir noch interessierter zu ...

 

Aber dann, am Ende, wird der Mörder gefasst und plötzlich gibt es keine Nachrichten mehr. Keine Polizeikonferenzen. Keine weiteren Informationen. In dem Moment begreifen wir, dass nichts real war. Das Ganze war nur etwas, was wir im Fernsehen gesehen haben. Und wir vergessen alles.

 

Bis zum nächsten Mal.


Kevin Brooks, Januar 2008
(Deutsch von Uwe-Michael Gutzschhahn)

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