»Seine Art des Reisens war meiner eigenen fast schon gespenstisch ähnlich.«

Jahrelang ist Michael Hugentobler durch die Welt gereist, hat dabei Dutzende Notizbücher gefüllt und die Hauptfigur für seinen ersten Roman gefunden: Louis de Rougemont. Ein Gespräch über gelebte Kindheitsträume, das Reisen als Schule des Schreibens und den Wert von Wahrheit in Kunst und Alltag.
Herr Hugentobler, Sie beschlossen im Alter von elf Jahren, Ihr Leben lang durch die Welt zu reisen. Wieso?

Meine Kindheit war voll von Erzählungen über Leute, die weggegangen waren. Grosstante Mary hatte einen Sohn in Brasilien geboren und lebte mittlerweile in Tasmanien. Ein ferner Cousin namens Ron war Pilot und hatte Einsätze in Vietnam gehabt. Meine Grossmutter zeigte mir einmal ein Foto von einem Mann mit Schnauz und Turban, der in einem indischen Kanu saß, und sie sagte, das sei mein Onkel. Mit elf Jahren las ich eine Kinderausgabe des Buches ›Reise um die Erde in 80 Tagen‹ von Jules Verne. Der Hauptprotagonist war der leicht schrullige aber höchst charismatische Phileas Fogg. Ich beschloss, so zu werden wie er. Nicht nur für 80 Tage, sondern ein ganzes Leben lang. Und ich würde derweil vom Schreiben leben.

Zehn Jahre mussten Sie noch verharren, aber mit einundzwanzig konnten Sie endlich aufbrechen … und waren dreizehn Jahre lang unterwegs. War es so, wie Sie es sich als Elfjähriger vorgestellt hatten?

Ich wurde nie wie Fogg, nicht einmal annähernd. Meine erste Reise führte nach Indien, ich erinnere mich an die Taxifahrt vom Flughafen Mumbai in die Stadt, die quer durch einen Slum führte. Als ich ausstieg, kroch ein Mann auf mich zu, der keine Beine hatte. Ich dachte: Ist das wahr? Ich hatte nicht gewusst, wie viel Elend in der Welt ist. Ich hatte ein bisschen USA gesehen, ein bisschen Europa, aber den grossen Teil der Welt nicht. Mir kam es vor, als hätte ich zuvor in einem Traum gelebt, und ich brauchte ziemlich lange, um mich an diese Wahrheit zu gewöhnen. Und mir wurde schnell klar, dass eine Reise nicht eine endlose Aneinanderreihung von fabelhaften Abenteuern ist, sondern hauptsächlich daraus besteht, auf Busse und Züge zu warten und nächtelang die vorbeiziehende Landschaft zu betrachten.

Ging der Plan auf, das Reisen durch Schreiben zu finanzieren?

Auch das war ein Irrtum. Ich wollte zwar schreiben, aber ich konnte es nicht. Für meine Texte interessierte sich niemand, sie waren zu schlecht, ich hatte schlicht zu wenig gelesen und zu wenig geschrieben. Ich begann dann alles zu lesen, was ich finden konnte. Und täglich Tagebuch zu schreiben. Die Tagebücher führte ich im Kamera-Stil. Ich schrieb alles auf, was um mich herum geschah. Den Mann auf seinem Fahrrad in China, der die Straße hinunterfährt, und bei jedem Schlagloch dringt eine Wolke von Federn aus dem Käfig auf seinem Gepäckträger. Oder wie sich die Wellen des Amazonas kräuseln und wie der Fluss duftet. Oder wie sich zwei Argentinier wegen der Qualität eines Stücks Fleisch in die Haare geraten. Erst allmählich konnte ich Texte verkaufen, die allerdings die Reisen nicht finanzierten. Mein Geld verdiente ich, indem ich monateweise zurück in die Schweiz ging, um dort in Fabriken zu arbeiten, oder in Lagern, oder als Postbote. Als ich mit dem Reisen aufhörte, machte ich Mitte dreißig meine erste richtige Ausbildung. Ich ging an die Journalistenschule und wurde Reporter.

Es geht das Gerücht, dass Sie ›Ulysses‹ von James Joyce komplett gelesen haben … dank einem teils trägen Zugverkehr in der Fremde und vielen Tagen Wartezeit. Etwas, das Sie bei einem 40-Stunden-Job vielleicht nicht getan hätten. Wie wichtig ist die Erfahrung des Reisens für Ihre Entwicklung als Autor?

Ich las ›Ulysses‹, und ›Auf der Suche nach der verlorenen Zeit‹ und viele andere Bücher. Ich hatte ja alle Zeit der Welt dafür, wenn ich etwa in Uganda unendlich lange auf ein Visum für Ruanda wartete. Einmal strandete ich in einem Grenzort namens Guayaramerin in Bolivien, ich wollte den Amazonas hinunter, aber während mehreren Wochen kamen keine Schiffe mehr durch, da die brasilianischen Grenzbehörden streikten. Das kam mir sehr gelegen, ich konnte in aller Ruhe lesen und alles beschreiben, was in diesem Dorf passierte. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich ohne solche Erfahrungen nie Autor geworden wäre. Es mag Leute geben, die weniger Zeit dafür brauchen, ihr Auge für die Sonderbarkeiten der Welt zu schulen. Aber ich brauchte diese Zeit. In einem geregelten Schweizer Leben mit seinen starren Strukturen hätte ich diese Zeit weder bekommen, noch hätte ich den Mut gehabt, sie mir zu nehmen.

Eigentlich hatten Sie vor, die Lebensgeschichte Ihrer Großtante Mary in einem Roman zu verarbeiten, aber dann durchkreuzte ein exzentrischer Schweizer den Plan: Louis de Rougement. Was hat Sie so an ihm so fasziniert, dass er zur Inspiration für Ihren ersten Roman wurde?

Als ich den ersten kurzen Text über Louis de Rougemont las, sah ich darin einen sehr untypischen Schweizer: exzentrisch, wagemutig und ein wenig verrückt. Ich las, dass er 1898 in London aufgetaucht sei und dort eine absurde und bizarre Geschichte erzählte, wie er dreißig Jahre lang unter Aborigines in Australien gelebt habe. Sein Reisebericht wurde unter dem Titel ›Adventures of Louis de Rougement‹ sogar zum Bestseller. Ich schloss den Mann sofort ins Herz. Nicht weil er ein Lügner war, lügen kann jeder, aber nicht jeder kann mit so viel Phantasie lügen. Die Geschichte war ein Sammelsurium an höchst kuriosen Ideen. Je mehr ich recherchierte, desto mehr fand ich über sein wahres Leben heraus, das voller Reisen gewesen war und letztlich fast so farbig wie seine erfundenen Abenteuer. Ich bekam zudem den Eindruck, dass seine Art des Reisens meiner eigenen fast schon gespenstisch ähnlich war. Genauso wie ich im 20. und 21. Jahrhundert schien er im 19. Jahrhundert keinen Plan gehabt zu haben, wohin er unterwegs war. Er ließ sich treiben und nutzte Gelegenheiten, wenn sie daherkamen. Ich dachte, das wäre doch ein tolles Lebensmotiv eines Protagonisten in einem Roman.

Sie selbst beteuern, dass Ihre Reisen tatsächlich stattgefunden haben, und bisher ist nichts Gegenteiliges bekannt. Bei Louis liegen die Dinge anders. Als er als Hochstapler aufflog, waren seine Zeitgenossen wenig erfreut. An einer Stelle im Roman heißt es jedoch: 
»Das Problem war, … dass der Grat zwischen Fakt und Fiktion schmal und verwirrend und unnötig sei. Die einzig zulässige Version der Wahrheit sei jene, die … auf die Sehnsüchte der Menschen abziele – nach Größe, Humor und Stärke in diesem tristen Leben.«
Ist die Lüge einfach die beste Version der Wahrheit? Verachten wir sie zu Unrecht?


Das ist Louis’ Sicht der Dinge, aber ich sehe das ein wenig anders. Natürlich kann man ein Kunstwerk erschaffen, das die Realität zwar symbolisiert aber nicht direkt abbildet. Das Gemälde ›Das Floss der Medusa‹ zum Beispiel zeigt einen tatsächlichen Schiffsbruch, ohne dass sich die Szene genau so abgespielt hätte. Der Zweck ist, uns das Grauen vor Augen zu führen. Oder Robinson Crusoe: Den gab es wirklich, der Roman aber ist eine überhöhte Version der realen Begebenheiten. Das funktioniert in der Kunst, aber im Alltag nicht. Im Alltag wollen wir uns verlassen können auf die Dinge, die uns der Partner oder die Freundin oder der Chef sagt. Ich stelle mir ein Zusammenleben ohne Wahrheit als sehr schwierig vor. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Louis den Unterschied zwischen der überhöhten Wahrheit in der Kunst und der Wahrheit im Alltag nie verstanden hat.

Interview: Veronika Pfleger / dtv, Februar 2018

 

Michael Hugentobler
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Louis (1899) und Louis (2018)
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»Nicht nur für 80 Tage«
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Ein Teil der Reise-Tagebücher
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»Wann hast du den letzten Weißen hier durchgeführt?«
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Louis de Rougement / Quelle: State Library New South Wales
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»Inhalt des Bauchs ist grün wie Gras (logischerweise)«
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Illustration aus ›The Adventures of Louis de Rougement‹
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In Sikkim
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Historischer Artikel in ›The Australian‹
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»Wer heiraten will, wird von der Schwiegermutter geschlagen, 4x«
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