Michelle Latiolais über ›Butcher's Crossing‹

Michelle Latiolais war ab 1981 Studentin an der University of Denver, wo sie von John Williams unterrichtet wurde.


Ein junger Mann auf dem Weg in den Westen... doch dann beginnt für den Leser etwas Neues: John Williams nimmt sich diese romantische Geschichte vor, diese ungestüme Energie, die dem Drang nach dem Westen zugrunde liegt, und die schicksalsprägend ist. Sie formt den Geist Amerikas und sorgt für die Entstehung eines Individualismus, der sich nur in den unbesiedelten offenen Prärien des Wilden Westens verwirklichen kann.

Die Suche nach unberührter Natur

Und damit beginnt auch Williams´ zugespitzte Auseinandersetzung mit dem Transzendentalismus von Emerson und dem Versprechen, dass das Gute, Schöne und die Wahrheit nur in der Natur zu finden seien. Noch schärfer ist seine Betrachtung der intuitiven Spiritualität, die der Natur innewohnen soll und den Menschen in tiefen Austausch mit einer göttlichen Seele, mit Gott, bringt. Will Andrews ist der Grünschnabel, eine klassische Figur des Westerns, und Williams´ Zwecke erfüllt er perfekt: Er ist ein Grünschnabel auf der Suche nach Bestätigung dessen, was er über unberührte Natur gelesen hat. ›Butcher's Crossing‹ ist reich an Ironie, doch ist diese nicht von der komischen, sondern beißenden Sorte.

Der Western und der amerikanische Patriotismus

Es gibt eine lange Liste von ausgezeichneten Gegenwartsautoren, die Western verfasst haben, weil sie es als wichtiges und typisch amerikanisches Genre ansehen. Doch die meisten haben es – komisch – parodiert. Man denke nur an ›The Hawkline Monster: A Gothic Western‹ (1974) von Richard Brautigan, oder ›God´s Country‹ (1994) von Percival Everett – wunderbare Beispiele – oder ›Ghost Town‹ (1998) von Robert Voover mit seinem Witz. John Williams nahm den Western als Genre indes ernst, und vor allem nahm er die Gründe für die Entstehung dieses Genre ernst. Selbst ein abgedroschener Billigwestern befriedigte bei unzähligen amerikanischen Lesern einen Drang, einen Trieb und Hunger – und dem wollte er nach und auf den Grund gehen.

Der Western – was auch immer sein Medium – traf bei Amerikanern ins Schwarze, es ist der reinste Kitsch, und trotzdem kommen wir bis heute nicht davon los. Der Western ist eines der wichtigsten amerikanisches Genres, und er trifft mitten in unsere patriotischen Herzen. »Wir sind bereit«, tönt es aus dem Weißen Haus in Bezug auf den Irak. Es ist der Schlachtruf beim Viehtrieb, der Schlachtruf des Scharfschützen zwischen Felsspalten und unten lauern die Indianer – es ist die Sehnsucht nach dem Feind, nach einer Herausforderung, durch die wir unsere nationale Identität bestätigen.

Ein Nationalcharakter zwischen Stärke und Wahnsinn

Ich glaube, es ist noch wichtig zu erwähnen, dass Williams ›Butcher's Crossing‹ schrieb, während sein Land Ngho Dinh Diem, Präsident von Vietnam, beriet und zur Seite stand, und dass bei Erscheinen des Romans die ersten amerikanischen Truppen auf vietnamesischem Grund und Boden landeten. Williams konnte nicht wissen, dass bald Millionen in Laos und Kambodscha ihr Leben verlieren würden – und dass ihr Blut ohne irgendeinen guten Grund an den Händen von Amerikanern kleben würde.

›Butcher's Crossing‹ ist ein Roman über einen jungen Mann, der auszieht, um zu sich selbst zu finden, doch es ist auch die Geschichte eines jungen Landes, das gewaltsam auf seiner Existenz besteht und sich nicht um die Folgen schert. Will Andrews, der sich im hohen Gras des Tales übergibt, in dem fast eine gesamte Büffelherde von mehr als fünftausend Tieren abgeschlachtet worden ist, verkörpert ein historisches Amerika. Anfangs ist es jung und dynamisch, und diese neue Bewährungsprobe ist nichts als eine Gelegenheit, um die starken und hart erprobten Seiten des Nationalcharakters zu bestätigen, doch wie beim Büffelschlachten in einem Tal in Colorado, wie in Vietnam und vielleicht im Irak tritt hier auch die widerliche Seite dieses Charakters zutage. Oder vielmehr Charakterlosigkeit. John Williams‘ unbeirrte Schilderung des gefühllosen Wahnsinns im menschlichen Handeln legt nahe, dass die Einheit von Mensch und Natur – der menschlichen Natur – eine schreckenerregende Aussicht darstellt.

Aus dem Vorwort

 

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