Nachwort der Autorin

Als ich vor einigen Jahren begann, mich mit der Sociedad Benefactora y Educacional Dignidad auseinanderzusetzen, wollte ich zunächst nur klären, ob ich genügend Material für einen Roman finden würde. Zu meiner Überraschung gewann ich bald den Eindruck, dass die Thematik – obwohl eine deutsche – in Deutschland relativ unbekannt ist. Eine intensivere Recherche zeigte jedoch bald, dass es in Presse und Sachliteratur eine Unmenge an Einzelinformationen dazu gibt. Nachdem ich das Ganze in mir hin und her gewälzt hatte, schob ich es erst einmal beiseite. Zu furchtbar waren die Vorkommnisse in dieser totalitären Sekte.
Doch das Thema ließ mich nicht los. Immer wieder fragte ich mich, wie um Himmels willen es möglich war, dass eine erwachsene Person sich ohne Not einer derartigen Gehorsamsstruktur unterordnet. Sicher, die Suche nach einem höheren Sinn, die Sehnsucht nach Geborgenheit, nach Nähe und Identität führen Menschen immer wieder in die Arme von selbst ernannten Heilsbringern. Doch was ein Erwachsener für sich selbst beschließt, ist eine Sache. Was ich bis heute nur schwer begreife, ist die Entscheidung der Sektenmitglieder, die Verantwortung für die eigenen Kinder an andere abzugeben, wie dies bei den Eltern in der Colonia Dignidad der Fall war.
Als ich den Entschluss fasste, das Buchprojekt nun ganz konkret anzugehen, wurde mir eines ziemlich schnell klar: Informationen aus zweiter Hand hatte ich genug gesammelt. Um mich dem Thema auf eine persönliche Weise nähern zu können, musste ich selbst dorthin reisen, musste alles mit eigenen Augen sehen und versuchen, mit Menschen zu sprechen, die all das wirklich erlebt haben. Auch suchte ich nach einer Antwort auf die Frage: Wie überlebt ein Mensch so etwas? Welche Strategien legt er sich zurecht, legt er sich überhaupt irgendetwas zurecht oder reagiert er immer nur auf die jeweilige Situation, in der Hoffnung, dieses Mal ungeschoren davonzukommen? Wie kommt er zurecht in einem sozialen System, in dem er niemandes Freund sein darf, umgeben von Spitzeln und Verrätern, die jedoch – so seltsam das auch klingen mag – nicht aus Bosheit handeln, sondern, wie Rita Albers mir erklärte, aus einer Art selbstgerechter Härte heraus, getrieben von einer überheblichen Frömmigkeit.
Im März 2014 flog ich, begleitet von meiner Tochter Marlene, nach Chile. Im Laufe unseres Aufenthaltes in der Villa Baviera hatten wir Gelegenheit, mit acht ehemaligen Sektenmitgliedern zu sprechen.
Mein Dank gilt diesen Menschen, die mich freundlich empfangen und mir von ihrem schweren Leben berichtet haben. Aus Rücksicht werde ich ihre Namen hier nicht nennen. Besonders danken möchte ich Rita Albers (deren Namen ich geändert habe). Noch Monate nach unserem Besuch hat sie viel Zeit für die Beantwortung meiner Fragen aufgewendet. Am Ende hat sie sich sogar die Mühe gemacht, Christas Geschichte ganz zu lesen und zu kommentieren.
Zur Größe des Areals der Villa Baviera bin ich auf unterschiedliche Angaben gestoßen. Mal ist die Rede von 13 000 Hektar, mal von 15 000 Hektar, 17 000 Hektar, dann wieder von 30 000 Hektar. Um sich eine Vorstellung von den Größenverhältnissen zu machen, wird die Flächenausdehnung des Gebiets oft mit der Größe des Saarlands verglichen.
Was Paul Schäfers Aufenthaltsorte in seinen frühen Jahren in Deutschland angeht, widersprechen sich einige Angaben im Detail. So schreibt der Journalist Gero Gemballa in seinem 1998 erschienenen Buch Colonia Dignidad. Ein Reporter auf den Spuren eines deutschen Skandals, dass der Jugendpfleger Paul Schäfer zum Jahreswechsel 1949/50 von der Siegburger Gemeinde entlassen worden sei, weil seit 1947 gegen ihn mehrere Anzeigen vorgelegen hätten, er habe sich an seinen Schützlingen vergangen. Er soll daraufhin ein Jahr bei der Paketpost in Siegburg gearbeitet haben. Friedrich Paul Heller schreibt, Paul Schäfer sei 1948 Jugendpfleger in der Baptistengemeinde in Gartow in Niedersachsen gewesen, wo ihm 1951 wegen seiner Homosexualität gekündigt worden sei. In Gero Gemballas erstem, 1988 erschienenem Werk Colonia Dignidad. Ein deutsches Lager in Chile schreibt dieser, Paul Schäfer habe in Pirvitsheide bei Lüchow- Dannenberg als Jugendpfleger in einem evangelischen Kinderheim gearbeitet, wo er 1952 entlassen worden sei. Die Journalistin Ulla Fröhling spricht in ihrem Buch Unser geraubtes Leben davon, der Jugendpfleger Paul Schäfer sei als 26-Jähriger wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch an Minderjährigen von der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern entlassen worden. Der Spiegel berichtet in seinem Artikel Colonia Dignidad- Gründer: Ein Onkel aus Deutschland, dass Paul Schäfer als Jugendpfleger der evangelischen Kirche Ende der vierziger Jahre entlassen worden sei, weil sich Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Schutzbefohlenen in evangelischen Zeltlagern verdichtet hätten.
Auch war nicht mit Sicherheit festzustellen, wann und wo genau »der Weihnachtsmann versenkt wurde« – ob bereits Anfang der sechziger Jahre oder Mitte der siebziger, ob in einem kleinen See oder im Fluss Perquilauquén.
Zudem sei erwähnt, dass ich mir im Sinne der literarischen Gestaltung einige Freiheiten zeitlicher und örtlicher Art herausgenommen habe. Der Ort Grösitz beispielsweise ist fiktiv. Der Hühnerstall, in dem Christa arbeitete, wurde erst 1965 gebaut, das Zippelhaus 1963. Das Hotel wurde erst 2012 eröffnet, nicht bereits 2010.
Abschließen möchte ich mit den Worten Gero Gemballas, den das Thema bis zu seinem frühen Tod 2002 nie losgelassen hat: »Es ist erstaunlich, dass die Colonia Dignidad anders als andere Sekten in der internationalen Berichterstattung so nah am Tatsächlichen beschrieben wurde, so wenig Übertreibung, Phantasie und Gruseliges hinzugefügt wurde. Vielleicht lag das daran, dass die Realität eigentlich nur noch schwer zu übertreffen ist.«

merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel

warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand

My dtv


Jetzt registrieren