Cover: Martyn Pig

Über den Roman ›Martyn Pig‹, Krimis, das Schreiben und diverse Nebenjobs - Ein Interview mit Kevin Brooks

 

Hat alles mit dem Schluss angefangen? Haben Sie »Martyn Pig« sozusagen rückwärts erzählt?
Nein, aber ich kannte das Ende, bevor ich begonnen habe zu schreiben. Allerdings weiß ich immer, wie Geschichten ausgehen, bevor ich loslege. Das ist eine sehr gute Zusammenfassung dessen, was ich unter anderem mit der Geschichte wollte – es ging mir zum Beispiel um den Unterschied zwischen echtem und fiktiven Verbrechen. Das Zitat ist übrigens aus einem Artikel von Raymond Chandler mit dem Titel »Die Kunst des Tötens«. Ich hatte nicht alle Details im Voraus ausgearbeitet, doch ich wusste, worauf ich hinauswollte. Auch wer und wie die Figuren sein würden, war mir vorher klar, wobei sie sich im Lauf der Geschichte natürlich immer weiter entwickeln und mich manchmal in der Tat überraschen – aber alles in allem habe ich das Sagen.

 

Was halten Sie von Martyn und Alex? Sind sie unschuldig? Schuldig?
Sie sind all das. Zumindest sollten sie all das sein. Was mich unter anderem beschäftigt hat, ist die Vorstellung, dass nichts schwarz oder weiß ist. Niemand von uns ist entweder gut oder schlecht, Jäger oder Gejagter, schuldig oder unschuldig – wir alle sind ein Mix aus alldem. Ich bin Martyn und Alex nahe, ich weiß, wie sie sich fühlen, aber es ist nicht so, dass ich Mitleid mit ihnen hätte. Ich bedaure sie nicht. Jedenfalls mag ich sie sehr! Inzwischen sind sie wie Freunde für mich.

 

Wie finden Sie diese ganz verschiedenen Figuren und Stimmen in sich?
In das Denken, das Herz, die Seele einer Figur einzusteigen ist sehr wichtig für mich. Ich kann keine Geschichte schreiben, bevor ich nicht weiß, um wen es dabei geht. Deshalb denke ich, bevor ich überhaupt anfange, lange Zeit über die Personen nach, und wenn ich dann über jemanden schreibe, verwandle ich mich in diese Figur. Oder sie sich in mich. Darum brauche ich mir nicht vorzustellen, was die Figur denkt oder tun, weil ich schon sie bin – ich weiß, was sie denkt und tut.

 

Wie fühlt sich ein Autor, der seine eigenen Figuren voll ins offene Messer laufen lässt?
Es macht Spaß!

 

  »Schlechtsein«, sagt Martyn einmal, »ist etwas Relatives.« Gibt es für Sie persönlich richtig und falsch oder ist alles bloß Glaubenssache?
Ich denke, alles ist relativ, die meisten Wertungen sind willkürlich. In der Natur (der wir Menschen immer noch angehören, egal wie sehr wir vorgeben, es sei anders), gibt es kein richtig oder falsch. Sogar in der Welt der Menschen ist der Unterschied zwischen richtig und falsch durch Gesetze, Strafen und kulturelle Werte festgelegt, die sich je nach Zeit, Ort und Umständen ändern. Darüber könnte ich Stunden sprechen ...

 

Der Krimi gibt da erst mal Klarheit vor – Martyn ist mehr als ein Krimi-Fan, er ist schon richtiger Profi! Wie ist es mit Ihnen – lesen Sie gerne Krimis?
Ja, sehr gerne. Ich bin mir nur nicht ganz sicher, warum ich gerade Krimis so mag. Sie sind ja ein eher einfaches Genre: schlecht/gut, richtig/falsch, Held/Verbrecher – vielleicht funktioniert ja genau dieses Einfache am besten. Ein bisschen wie beim Blues in der Musik: ein ganz schlichtes Schema, aber du kannst wahnsinnig viel damit machen. Und dann spielt natürlich auch die primitive Anziehungskraft des Verbrechens eine Rolle – das Gesetz zu missachten, Verbotenes zu tun.

 

Was ist Gerechtigkeit?
Wenn ich das wüsste, wäre ich ein Genie.

 

Was ist erlaubt beim Schreiben?
Sehr schwierige Frage. Ich denke, die Antwort hängt davon ab, was mit erlaubt gemeint ist. Wenn ich ganz allein von mir ausgehe, fällt mir kein Thema ein, das ich als Tabu empfinden würde. Aber als Autor, speziell als jemand, der für ein jüngeres Publikum schreibt, bin ich mir bewusst, dass andere Leute das anders empfinden, und ich diese Gefühle in meine Überlegungen einbeziehen muss, wenn ich ein Buch schreibe, das verlegt werden soll. Andererseits glaube ich nicht, dass Jugendliche weniger gut mit schwierigen Themen umgehen können als Erwachsene – in einigen Fällen sind sie sogar besser darin.

 

Studium in Birmingham und London, Jobs als Tankwart, Schreibkraft, Getränkeverkäufer im Londoner Zoo, Handlanger im Krematorium, Postbeamter, Bahnticketverkäufer – sind das (Um)-Wege eines Autors?
Ich hatte Dutzende Jobs und ich habe sie alle gehasst! Die meiste Zeit meines Lebens habe ich versucht von dem zu leben, was mir Spaß macht. Lange war das die Musik – spielen, schreiben, aufführen, aufnehmen –, dann einige Jahre die Malerei, aber bei all dem wusste ich, dass ich am Ende Autor werden würde. Denn egal, was ich sonst gemacht habe: Geschrieben habe ich immer. Meine ganzen persönlichen Erfahrungen spielen da sicher mit rein. Es gibt einfach ziemlich viel, worauf ich zurückschauen kann. Nicht immer alles angenehm, aber jetzt sehr nützlich! Trotzdem – noch mal würde ich diese Erfahrungen nicht machen wollen!

 

Was ist – außer Schreiben – noch wichtig in Ihrem Leben?
Meine Frau Susan Williams, die für mich alles ist, und meine beiden Hunde, Jess und Shaky. Ansonsten ist mein Leben Schreiben. Ich danke Ihnen!


Interview: Christine Knödler für dtv junior
Übersetzung: Beate Schäfer/Anke Thiemann

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