Ein Gespräch mit Frank Günther

Vor über 40 Jahren übersetzte Frank Günther sein erstes Shakespeare-Werk, heute ist es fast zu seiner Lebensaufgabe geworden. Im Interview erzählt er, wie es dazu kam, was ihn antrieb weiterzumachen und was er tun wird, wenn er das Gesamtwerk als Erster vollständig übersetzt hat.

Sie übersetzen seit über 40 Jahren Shakespeare und werden bald der Erste sein, der das Gesamtwerk komplett ins Deutsche übertragen hat – eine Lebensaufgabe. Knapp gefragt: Wieso Shakespeare?
Ach, das war eigentlich Zufall,  wie so manches im Leben, das dann überraschend lebensbestimmend wird. Wie zum Beispiel sich verlieben, das widerfährt einem eben so. So war’s bei mir mit Shakespeare. Ich wurde von meinem Theaterverlag dazu aufgefordert, nachdem ich ein paar Shakespeare-Zeitgenossen übersetzt hatte. Und ich wollte gar nicht – wurde doch schon so oft übersetzt, kann man eh nicht übersetzen, und wieso ich… Dann hab ich’s doch mit einem ersten Stück probiert, das wurde gleich mehrmals gespielt, dann hatte ich Feuer gefangen, dann kam ein anderes Theater… tja, und jetzt, bald vierzig Jahre später, bin ich durch fast das ganze dramatische Werk durch.

Wie ist es, sich jahrzehntelang mit dem Werk eines Dichters zu beschäftigen? Finden Sie Ihre Arbeit immer noch spannend?
Keine zwei Stücke Shakespeares gleichen sich, in jedem versucht er fast experimentell, dem, was die Welt im Innersten zusammenhält, auf neuen Wegen auf die Spur zu kommen. Das wird nie langweilig, was dieser seltsame Kopf sich da mal ausgedacht hat. Aber anstrengend bleibt es.

Das Englisch Shakespeares hat es ja wirklich in sich. Ist es überhaupt möglich, den Text in ein heute nachvollziehbares Deutsch zu übersetzen, ohne völlig vom Original abzukommen? Was ist generell die größte Herausforderung bei einer Shakespeare-Übersetzung?
Die größte Herausforderung ist, nicht schreiend davonzulaufen, wenn man wiedermal an einem Felsen der Shakespeareschen Sprache aufläuft. Sondern so lange sitzen zu bleiben, bis einem endlich die Lösung einfällt. Bis einem einfällt, wie man die deutsche Sprache biegen und dehnen und ausweiten und manchmal auch würgen muss, um Shakespeares Sprachwunderblumen näher zu kommen: Stellen Sie sich nur mal vor, was der nur mit seinen englischen Vokalen »o« und »u« alles angestellt hat! Das klingt englisch [ou] und [ju:] – und schon kann man den harmlosen Vokalen die Bedeutung oh, you! oh, du! unterschieben. Aber das ist nicht alles – man muss [ju:] nur in Form von e-w-e verstehen – und schon hat man den Sinn oh ewe! – [ou ju:], o Mutterschaf! Und wenn der Gesprächspartner sich empört, als Schaf bezeichnet zu werden, so verwahre man sich, man habe nicht oh, ewe gemeint sondern o yew! – geschrieben y-e-w, und schon hat man mit [ou ju:], nur o Eibenbaum gemeint, während man o und u sagte: o u [ou ju:], [ou ju:], [ou ju:]… Und das sollen Sie nun irgendwie ins Deutsche bringen,  wenn dort »o« und »u«  einfach nur o und u bedeuten können…

Sie haben es mit prominenten Vorgängern zu tun. Wo liegen die größten Unterschiede Ihrer Übersetzungen zu denen Wielands, Schlegels oder Tiecks? Liegen die alten Übersetzungen bei Ihnen auf dem Tisch, wenn Sie sich ans Werk machen, und werfen Sie ab und an einen Blick hinein?
Da liegt nur der alte Schlegel. Der hat seinerzeit die Maßstäbe für Übersetzungen gesetzt und manch eine Prägung gefunden, die selbst in die deutsche Literatur eingegangen ist: »Es ist was faul im Staate Dänemark« heißt nun eben so, daran ist nichts zu verändern. Aber vieles andere ist bei mir schon sehr anders: Der gemessene maßvolle Ton der Goethezeit, in der der Schlegel übersetzt hat, ist verschwunden; die Vielfalt der Sprachen und Stimmen, die Shakespeare so hart gegeneinandersetzt, und die Schlegel eingeebnet und geglättet hat, ist in meinen Texten wiederzufinden; die Derbheit der Gossensprache, die Shakespeare oftmals benutzt, seine Kalauer und Wortverdrehereien gibt es in meinem Text auch dort, wo Schlegel sie ausgelassen oder abgemildert hat.

Sie haben lange als Regisseur am Theater gearbeitet. Haben Sie immer schon die Inszenierung im Blick, wenn Sie übersetzen?
Nicht eine konkrete Inszenierung – aber es ist immer der Schauspieler, der mir vorschwebt, der diese Texte einmal sprechen wird. Denn Shakespeare schrieb nie Literatursprache, seine Werke waren nicht als Lesedramen gedacht, sondern immer in Hinblick auf die Erfordernisse des Theaters gedacht und geschrieben – also der Gestus der gesprochenen Sprache auch dann, wenn sie über das Blankversmetrum gleitet wie eine Melodie über den Takt. Shakespeares Sprache ist immer auf Wirkung gesprochene Sprachmusik.

Jetzt im Jubiläumsjahr haben Sie zwei Bücher über den Dichter herausgebracht. In ›Unser Shakespeare‹ schöpfen Sie aus Ihrer langjährigen Beschäftigung mit Werk und Leben des Dichters und geben Einblicke in das ›Phänomen Shakespeare‹. Welches Anliegen steht hinter dem Buch?
Das Buch versammelt alle möglichen Themen zum großen Thema »Shakespeare« – z.B., wie Shakespeare, der Engländer, im 18. Jahrhundert zu »unserem« deutschen frank guenther1nationalen Klassiker umgemodelt wurde, in einer Reihe wunderbar fruchtbarer Missverständnisse; wie Shakespeares ferne, alte Zeit seltsamerweise für unsere so andere Welt immer noch als Spiegel unserer eigenen Befindlichkeiten dienen kann; wie die vielen Bilder und Vorstellungen, die man sich über Shakespeare im Lauf der Geschichte machte, entstanden sind – kurz, ein Buch, historisch und heutig, - über die Nähe und Ferne, über das Fremde und das Verwandte, das wir bei Shakespeare erleben, und die möglichen Brückenschläge zwischen beidem.

Von Shakespeares äußerer Biografie ist viel bekannt, umso weniger von seiner inneren. Haben Sie persönlich eine Vorstellung davon, wie er war?
Keinen blassen Schimmer. Und wozu auch? Sein privates Leben und seine Werke sind zwei paar Stiefel. Mich interessiert das Werk, nicht die Biografie – so, wie es auch seine Zeitgenossen gehalten haben, denen der »Mensch« Shakespeare als Autor ziemlich egal war, wenn sie seine Menschheitsdramen auf den Brettern der Jahrmarktsbudentheater sahen.

Welche ist die haltloseste Legende über Shakespeare?
Dass er nicht Shakespeare war.

Ebenfalls zum 450. Geburtstag erschienen ist ›Shakespeares Wort-Schätze‹, ein Geschenk- und Liebhaberband, in dem Sie die besten Zitate und Auszüge aus dem Werk gesammelt haben. Haben Sie einen persönlichen Favoriten?
Eigentlich nicht, dazu sind Shakespeares Texte zu reichhaltig und vielfältig, und mit jeder Wahl täte man andern Unrecht. Aber ganz gern mag ich den: »Man reiche ihm einen neuen Witz, sein letzter war faul«.

Was machen Sie, wenn Sie alle Stücke übersetzt haben? Drei Kreuze? Oder wird der Abschied schwerfallen?
Oh, dann nehme ich mir eine große, große Kiste und packe alles von Shakespeare da rein und schaffe es auf den Dachboden – und dann lege ich mich in die Sonne und höre dem Wind und den Vögeln zu, wenn sie neue Shakespeare-Geschichten erzählen.

Das Interview führte Veronika Pfleger, dtv Onlineredaktion.

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