Cover: Über Land

Interview mit Hannah Dübgen zu ›Über Land‹

Berlin, Bagdad, Kolkata: In ihrem zweiten Roman bewegt sich Hannah Dübgen zwischen zwei Kontinenten. Im Interview spricht die Autorin über Formen des Ankommens, Sehnsucht nach Gerechtigkeit und die Nähe zwischen Menschen – ungeachtet ihrer Herkunft oder geografischen Entfernung.

Frau Dübgen, wie ist Ihnen der zweite Roman von der Hand gegangen?
Oft heißt es, der zweite Roman sei besonders schwer. Das habe ich nicht so erlebt. Am Anfang stand die Idee, Berlin aus zwei Perspektiven wahrzunehmen, aus den Augen der irakischen Asylsuchenden Amal und der deutschen Clara, zwei junge Frauen, die sich aufgrund ihrer unterschiedlichen Temperamente anziehen und sich doch in vielem ähneln; nur stammen sie aus Ländern, die sich in den letzten Jahrzehnten sehr unterschiedlich entwickelt haben.
Aus diesem ›Kern‹ hat sich alles andere ergeben, auch die Geschichte von Tarun, Claras in Kolkata aufgewachsenem Freund, der vieles von dem, was Amal umtreibt, auf andere Art erfährt und lebt: das Weggehen und Ankommen in der Fremde, das Gefühl von Verantwortung der zurückgelassenen Familie und dem Geburtsort gegenüber.

›Über Land‹ spielt 2013. Im selben Jahr ist Ihr Debüt ›Strom‹ erschienen. Haben Sie da schon an diesem Buch gearbeitet?
Ich befand mich bereits in Gesprächen mit einem befreundeten, jungen Iraker, der mir viel von seiner Flucht nach Deutschland und seiner Heimatstadt Bagdad erzählt hat, an dem Romanmanuskript begann ich jedoch erst Anfang 2014 zu arbeiten. Als im Laufe jenes Jahres der sogenannte Islamische Staat Teile des Iraks besetzte, entschied ich, dass der Roman kurz davor spielt.

Hatten Sie während des Schreibens das Gefühl, von realen Ereignissen ein- oder gar überholt zu werden?
Tatsächlich schien es mitunter fraglich, ob der Irak in den Grenzen, wie wir ihn kennen und wie er vor knapp einhundert Jahren gegründet worden ist, bei Erscheinen des Buches noch existieren würde. Auch deshalb habe ich die Handlung ins Jahr 2013 verlegt. Überrollt haben mich oder den Text die jüngsten Ereignisse im Irak aber nicht, denn leider hat sich an der Situation in Bagdad seit 2013 nicht viel geändert, das Leben der Bewohner ist damals wie heute geprägt von Unsicherheit und Instabilität, von der Angst vor Gewalt und der Wut über die Abwesenheit eines funktionierenden Rechtsstaates.
Das zweite reale Ereignis, das in mein Schreiben hineinleuchtete, war der Sommer 2015, in dem mehr Menschen als zuvor nach Europa flohen, Flucht und Migration in Deutschland sehr präsent wurden. Das Wissen über manches, das im Roman vorkommt, wie die Fluchtrouten oder der Alltag in deutschen Asylbewerberheimen, erhöhte sich; die Geschichte von Amal und Clara hat sich dadurch aber nicht verändert.

Sie erwähnten eingangs, dass Ihre Hauptfiguren einiges verbindet. Was genau?
Amal ist sehr unmittelbar, schlagfertig und stolz, sie zeichnet ihre Mitmenschen als Affen oder gehäutete Schafe; ihre Energie, ihr klarer Blick und auch ihr Mut beeindrucken Clara, die wesentlich bedächtiger, beherrscht ist, wenn auch ebenso entschlossen. Claras achtsame Verlässlichkeit schätzt wiederum Amal, sie fühlt sich von Clara gehört und verstanden.
Mir war wichtig, dass sich die beiden auf Augenhöhe begegnen, auch deshalb kommen sie aus ähnlichen Familien: Beide sind Einzelkinder, beide haben gut ausgebildete, liberale Eltern, vor allem starke Mütter.

Amals Mutter Rauya ist Archäologin …
Ja, und Rauya hat ihre Liebe zur reichen Kulturgeschichte ihrer Heimat an Amal weitergegeben. Amal tritt aufgrund ebendieser Liebe, ihres Stolzes auf die alte Geschichte ihrer Heimat den Europäern selbstbewusst entgegen; sie fühlt sich den Bewohnern des Landes, in dem sie Asyl beantragt hat, nicht unterlegen, Amal wollte nicht zuletzt deshalb nach Deutschland, weil in Berlin ein bedeutsames Relikt aus ihrer Heimatregion zu finden ist: das aus Originalziegeln rekonstruierte, babylonische Ischtar-Tor. (lacht.) Eine Tatsache, die an sich voller Ambivalenz und Geschichte ist und die zeigt, dass beide Länder mehr verbindet, als hierzulande allgemein bekannt ist.

Amal hat sich für ihre Anhörung im Amt eine offizielle Version ihrer Flucht zurechtgelegt. Clara erzählt sie die wahre Geschichte, um »ihre Spur in der Vergangenheit zu verankern«. Was genau ist damit gemeint?
Das hat mit Amals Sehnsucht nach Gerechtigkeit und ihrem Wunsch, gehört zu werden, zu tun. Sie will nicht die Einzige sein, der die wahre Geschichte mit all ihren Gefahren und unangenehmen Momenten bekannt ist. Amal hielt die Wahrheit zwar vor dem Beamten im Amt zurück, sie will das, was geschehen ist, aber nicht dauerhaft unterdrücken, ihre Flucht soll ›in der Welt‹, soll bekannt sein, und dafür muss sie geteilt, erzählt und von jemandem gehört und geglaubt werden. Solange die Wahrheit nur in Amals Kopf existiert, wirkt sie auf Amal wie ein schlechter Traum, sie scheint rein subjektiv und droht, mit ihr zu verschwinden.

Während sich Clara und Amal einander annähern, driften Clara und Tarun auseinander. Ist diese Parallelität Zufall oder bedingt das eine das andere?
Die beiden Entwicklungen geschehen gleichzeitig und eine Zeit lang bedingt das eine das andere, jedoch nur bis zu Claras Entscheidung, für Amal in den Irak zu reisen. Dieser Moment wird zum Wendepunkt in der Beziehung zwischen Tarun und Clara, beide werden wieder freier und offener für den Blick des anderen, sie sehen wieder das Gemeinsame in ihrem unterschiedlichen Tun; auch wenn das wiederum unerwartete Konsequenzen hat …

Ja, am Ende überschlagen sich die Ereignisse – Einschneidendes passiert, und einiges bleibt offen …
(lächelt.) Das Ende einer Geschichte ist oft der Beginn einer neuen. Und das, was am Ende des Romans passiert, wirft sicherlich neue Fragen auf, wie die Figuren, die wir im Laufe der Geschichte kennengelernt haben, mit der Situation umgehen werden. Ich mag es – auch als Leserin – sehr, wenn mich Romanfiguren nicht sofort loslassen, sie mich weiterhin beschäftigen, ich mich frage, was sie als Nächstes tun werden.
Dass es in ›Über Land‹ ein Ende mit Paukenschlag geben würde, dass die Geschichte darauf zuläuft – auch wenn man das Ende so sicherlich nicht erwartet –, wurde mir während des Schreibens, gegen Ende des ersten Teils klar.

»Viele Fragen stellen wir doch gar nicht, um unbedingt eine Antwort zu erhalten, sondern um zu begreifen, was mit uns geschieht«, heißt es im Roman. Ist das nicht der Hauptgrund, warum wir Bücher lesen und/oder schreiben?
Ein Grund ist das bestimmt, ob es der Hauptgrund ist, entscheidet jeder für sich.

Interview: Tina Rausch

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