Interview mit Maggie Shipstead

© Michelle Legro
Dich tanzen zu sehen handelt von den großen Fragen des Lebens, von Liebe, Scheitern, Träumen und Wünschen. Wieso haben Sie die Welt des Balletts als Kulisse dafür gewählt?

Dieser Roman ist aus einer Kurzgeschichte hervorgegangen. Ich habe damals eine Menge Short Stories geschrieben, immer auf der Suche nach neuen Themen, Motiven oder Kulissen, die mich reizten. Ballett war so ein Thema. Meine Mutter ist ihr ganzes Leben ein großer Ballett-Fan gewesen und nahm mich, seit ich fünf Jahre alt war, regelmäßig zu Ballettaufführungen mit. Ich habe zwar selbst nie getanzt, habe jedoch eine Menge Aufführungen von Ballettkompanien aus aller Welt gesehen und war  immer fasziniert vom Leben der Tänzer, das schon an sich dramatisch wirkt. Ihre Kunst ist so dynamisch und körperlich so auf den anderen ausgerichtet  −  ihre Karrieren sind so kurz und zerbrechlich. Sie sind auf gewisse Weise schön und geheimnisvoll. Ich werde nie wissen, wie es ist, sich so zu bewegen, seinen Körper so vollständig im Griff zu haben. Ich arbeite stillsitzend und alleine in einem Raum.
 Über das Tanzen zu schreiben, war für mich auch  ein Weg, um meine eigenen Erfahrungen mit dem Künstlerdasein darzustellen. Wie man nach Perfektion strebt, sie aber immer unerreichbar bleibt. Wie schmerzlich es ist, die Grenzen des eigenen Talents zu entdecken.

Eine authentische Darstellung bedarf einer Menge Recherche. Dazu kommt, dass der Roman an vielen verschiedenen Orten von Paris bis New York spielt. Wie und wo haben Sie für das Buch recherchiert?

Ich habe diesen Roman sehr konzentriert geschrieben. Währenddessen bin ich alleine gereist und habe einen Monat auf Bali verbracht, drei Monate in Paris und einen weiteren Monat in Edinburgh. Da ich unterwegs war, habe ich viel im Internet recherchiert. Ich habe mir viele Dokumentationen angesehen, Interviews mit Tänzern, einzelne Tänze und ganze Ballettaufführungen, Unterrichtsstunden und Proben, die das Royal Ballet und das New York City Ballet im Internet bereitstellen. Ich habe auch ein dickes Fachbuch mitgeschleppt, das zusätzlich half, mir die Welt des Tanzens zu erschließen. Der Aufenthalt in Paris war sehr hilfreich für die Kapitel, die dort spielen. Wenn ich wissen wollte, wie der Blick vom Pont des Arts aussieht, konnte ich einfach schnell dorthin gehen und es mir selbst ansehen. Ich habe sehr intensiv recherchiert, faktisch und atmosphärisch – den Rest habe ich meiner Vorstellungskraft überlassen.

Dich tanzen zu sehen  lebt auch von den schillernden Figuren und ihren Sehnsüchten, Gefühlen und Hoffnungen. Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Über Arslan Rusakow zu schreiben, war faszinierend. Er ist künstlerisch vielschichtig, aber auch einfach strukturiert, wie ein Kind. Er erlaubt sich zu glauben, dass sein immenses Talent ihm das Recht verleiht, selbstsüchtig zu handeln. Er lebt von einer Laune zur nächsten, ohne sich um die Anderen zu sorgen. Sein Leben ist dramatisch, fast episch.
 Ich habe mich schon lange für das Leben von Abtrünnigen wie Mikhail Baryshnikov interessiert, der mich auch zu  Arslan inspiriert hat. Baryshnikov hat so viel geopfert, um die Sowjetunion zu verlassen. Er landete in einem fremden Land, dessen Sprache er nicht beherrschte, und wurde sofort in ein Leben voller Privilegien und Prominenz getaucht. Arslans Methode diesen Wandel zu verarbeiten ist, nur den eigenen Präferenzen und Wünschen in seinem Bewusstsein Raum zu geben.

Für Joan ist Arslan die große Liebe, hier erlebt sie große Höhen, aber vor allem Tiefen. Jacob ist zunächst ein Platzhalter, doch hier entwickelt sich die Liebe, weniger aufregend zwar, aber dafür beständig. Was sagt uns das über die Protagonistin und über die Liebe im Allgemeinen?

Ein Grund für Joans innige Liebe gegenüber Arslan ist, dass er das Talent verkörpert, von dem sie sich wünscht, es selbst zu besitzen. Er lebt das kunstgesättigte Leben, dass sie sich ersehnt und deshalb klammert sie sich an ihn, sie möchte an seinem Glanz teilhaben. Ihre Liebe hat etwas Vampirhaftes. Sie denkt, wenn er ihre Liebe erwiderte, würde das ihrer Existenz einen Sinn geben. Gegen Jacob verschließt sie sich, ihr Herz öffnet sich mit der Zeit, ohne dass sie es wirklich mitbekommt. In Wahrheit hat sie viel mehr Glück als sie verdient. Ich denke, in dieser Geschichte zeigt sich, dass Liebe weder in einer reinen Form existiert, noch dass sie festgelegt und statisch ist. Sie kann ihre Form verändern, in völlig unerwarteter Weise.

In Joans Leben bleiben bedeutende Dinge unerfüllt, zum einen ihre große Liebe, zum anderen ihre Berufung als Tänzerin…

Leider haben wir im Leben keine Garantie dafür, dass sich unsere Träume erfüllen oder dass unsere Liebe immer erwidert wird. Leben heißt auch Lernen mit der Realität umzugehen und offen für Neues und Unerwartetes zu bleiben. Joans Enttäuschung lässt sie andere Menschen von oben herab behandeln, sie ist gekränkt, übergeht einige Jahre ihres Lebens einfach. Befänden wir uns nicht in einem Roman, ich würde Joan raten, sich aufzuraffen und neu anzufangen. Ihr Leben hat sich anders entwickelt als von ihr gehofft, aber es ist immer noch ein gutes Leben.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, von dem Sie sagen würden, dass es Sie als allererstes zum Schreiben inspiriert hat?

Als Kind hatte ich noch nicht den Wunsch zu schreiben, aber ich war eine leidenschaftliche Leserin. Ich habe im College an einem creative-writing-Kurs teilgenommen, zunächst nur als Experiment. Während ich mit dem Handwerklichen erst haderte, fesselte mich dieser Puzzle-Aspekt am Geschichten schreiben, das Konstruieren von Welten. Das, was ich am meisten am Lesen liebe ist, in ein Buch hineingesogen und von ihm weitergetragen zu werden. – Das ist es, was ich meinen Lesern gern ermöglichen möchte.

»Welche Bücher lieben die Menschen, deren Bücher wir lieben?« – Eine Frage, die sich der Leser fast immer stellt. Haben Sie Lieblingsbücher, die Sie immer wieder lesen?

Stolz und Vorurteil lese ich ungefähr einmal im Jahr. Jane Austens Scharfsinnigkeit ist das  reinste Vergnügen, und die Liebesgeschichte natürlich auch. Auf meinem Tisch stehen Bücher, von denen ich oft ein paar Seiten zur Inspiration beim Arbeiten lese, zum Beispiel Alice Munros Selected Stories. Seit kurzem lese ich auch wieder aktuelle Romane, wie Life after Life von Kate Atkinson oder The Signature of All Things von Elizabeth Gilbert.
 

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