»Unendlich gutmütige Charaktere interessieren mich nicht.«
Interview mit Lori Ostlund

© Bettina Strauss
Es hat 15 Jahre gedauert, bis das Buch fertig war. Welche Hindernisse stellten sich Ihnen in den Weg? Und sind die Figuren im Buch in dieser langen Zeit mit Ihrem Leben verwachsen? Denn es gibt ja einige Parallelen zwischen Ihnen und Aaron: Sie beide haben die Kindheit in Minnesota verbracht, lebten eine Zeit in New Mexiko, später in San Francisco, unterrichten Englisch.  

Lori Ostlund: Es dauerte 15 Jahre von meinen ersten Wörtern der Geschichte von Aaron Englund bis zur Veröffentlichung des Buches hier in den USA. Das größte Hindernis war herauszufinden, wie man überhaupt einen Roman schreibt – obwohl ich denke, dass man das bei jedem Buch noch einmal neu lernen muss. Als ich mit dem Schreiben anfing wusste ich, dass ich über einen kleinen femininen Jungen, Aaron, schreiben wollte, der in einem kleinen Ort im Minnesota der 70er-Jahre aufwächst. Ich fing mit dem Sommer an, als er fünf Jahre alt war und sein Vater starb, merkte aber schließlich, dass ich keine Ahnung hatte, worum es in dem Buch überhaupt gehen sollte. Ich hatte in etwa 400 Seiten geschrieben und er war erst acht Jahre alt.

Ich arbeite immer an mehreren Dingen gleichzeitig, damit ich, wenn ich einen Durchhänger habe, zu einem anderen Projekt übergehen kann. Somit habe ich in dieser Zeit auch die Geschichten geschrieben, die als der Erzählungsband ›The Bigness of the World‹ 2008 erschienen. Ich war auch damit beschäftigt, mein Leben zu leben, das mich von Albuquerque nach San Francisco verschlug. Aber anstatt ein Hindernis zu sein, hat mir dieser Umzug die Augen geöffnet: Aarons Geschichte musste aus der Perspektive eines Erwachsenen erzählt werden. Mein Leben und mein Schreiben haben meist eine osmotische Beziehung zueinander. Aaron und ich haben gewisse Dinge gemein – die geografische Bewegung unserer Leben, unser Alter, unser Beruf – aber wir unterscheiden uns in unseren Lebenserfahrungen und unserem Temperament.

Zu Beginn des Buchs verlässt Aaron, Anfang 40, seinen signifikant älteren Partner Walter und zieht Hals über Kopf von Albuquerque  nach San Francisco. Er beendet damit eine 20 Jahre lange Beziehung, die damit angefangen hatte, dass Walter den verwaisten  Aaron rettete. Warum braucht Aaron diesen Bruch?

In der Essenz verlässt Aaron ihn, weil er 41 Jahre alt ist und noch nie allein gelebt hat. Und sich trotzdem die meiste Zeit seines Lebens allein gefühlt hat. Seine Eltern verschwanden aus seinem Leben, als er sehr jung war. Als ihm Walter also über den Weg lief und ihm die Möglichkeiten eröffnete, zum College zu gehen und seinen kleinen Heimatort zu verlassen, stimmte er zu. Später führten Walter und er eine Liebesbeziehung und waren 20 Jahre lang zusammen. Aber er erkennt, zu Beginn des Buchs, dass er aus Schuldgefühlen und Dankbarkeit mit Walter zusammen ist. Er realisiert, dass er erst damit klarkommen muss, alleine zu sein, sonst wird er in seinem Leben niemals vorankommen.

Ich (persönlich und aus der Sicht der Autorin) bin fasziniert von dem Prozess des Abreisens. Aus der erzählerischen Sicht ist das Abreisen oft mit Konflikten behaftet. Wenn wir einen Ort verlassen, gehen wir entweder weg von etwas (einer gescheiteren Beziehung oder Karriere, Tod, Enttäuschung) oder wir gehen auf etwas zu (ein Überdenken eines alten Konflikts oder auf einen neuen Konflikt zu). In Aarons Fall passiert beides. Er lässt eine 20-jährige Beziehung hinter sich weil er akzeptiert hat, dass er nicht mehr verliebt ist. Aber seine Ankunft in San Francisco zwingt ihn dazu, sich mit allem, was er hinter sich gelassen hat, zu beschäftigen, um sein Weggehen zu begründen: nämlich ein Leben zu leben, dass sich frei, ehrlich und unabhängig anfühlt.

In Rückblenden erzählt Aaron von seiner Kindheit, seinem gewalttätigen Vater, seiner Rolle als Außenseiter unter Gleichaltrigen, von seiner Mutter, die ihn eines Nachts zurücklässt und sich 20 Jahre lang nicht mehr meldet. Als Walter Aaron das erste Mal trifft, empfindet er ihn als einen reizenden Jungen, der höflich und voller Sehnsucht ist. Wie schafft es Aaron, diese traumatische Kindheit zu überwinden?

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Aaron sein Trauma überwunden hat. Er hat es eher nach Innen gekehrt. Er verlässt Walter, ohne sich zu verabschieden – immerhin waren sie 20 Jahre lang ein Paar. Trotzdem denke ich, dass er im Herzen eine liebenswürdige Person ist. Er kümmert sich zum Beispiel sehr um seine Schüler, obwohl das Unterrichten für ihn wahrscheinlich gerade deshalb interessant ist, weil die Schüler ihn mehr brauchen als er sie. Während ich das Buch schrieb, habe ich auch an eine Sache gedacht, die mir eine gute Freundin einmal sagte. Sie litt jahrelang unter einer schwerwiegenden psychischen Störung und war lange Zeit im Krankenhaus. Wenn sie im Krankenhaus war, versuchte sie immer, sich auf die anderen Patienten und ihre Bedürfnisse zu konzentrieren, weil ihr Vater ihr beigebracht hatte, dass man zum Überleben in dieser Welt “nach Außen blicken“ solle. Aaron versucht genau das, vor allem in Bezug auf die Bedürfnisse seiner Schüler. Auch Clarence und Bernice waren (wenn auch auf andere Weise) Aaron behilflich, vorwärts zu kommen. Sie wurden vom Leben schlecht behandelt, aber sie spenden ihm Trost in wichtigen Momenten.

Durch viele Episoden erfährt der Leser von allerlei kuriosen (und einsamen) Menschen aus Aarons Leben, zu denen er durch seine außergewöhnlich zurückhaltende und geduldige Art eine Beziehung aufgebaut hat. Ist das Buch auch eine Geschichte über Freundschaft?

Es ist sogar ziemlich sicher ein Buch über Freundschaften. Winnie, Walters Schwester, ist Aarons engste Freundin. Sie hat eine solide Art und führt eine gute Beziehung zu ihrem Mann. Trotzdem ist sie nicht langweilig oder selbstzufrieden oder selbstgefällig – Eigenschaften, denen man leicht erliegen kann, wenn das eigene Leben glatt und ohne große Tragödien verläuft. Abgesehen von Winnie hat Aaron einen Hang zu Außenseitern, besonders Menschen, die durch ihr Äußeres Aufmerksamkeit auf sich ziehen (obwohl er selbst ziemlich durchschnittlich aussieht). Tief in sich fühlt er sich ebenfalls als ein Außenseiter und das macht ihn nachdenklich und wertfrei und offen für die Geschichten anderer. Bernice zum Beispiel, eine Misanthropin und Eremitin, die ihren Glauben an die Menschen aufgegeben hat, nimmt Aaron auf, als er auf der Straße sitzt. Bill, der Detektiv, wird ein ungleicher Freund. Ungleich, weil er gerne leicht homophobe Kommentare ablässt.

Clarence ist wahrscheinlich mein liebster von Aarons Freunden. Auf alle Fälle war er beim Schreiben mein liebster Charakter. Die Idee kam mir durch eine kleine Begegnung mit einem Kleinwüchsigen in meiner Kindheit. Er saß in einem Rollstuhl und hatte, in meiner Wahrnehmung, Stoßzähne. Ich weiß nichts über diesen Mann – ich habe nicht mit ihm gesprochen, aber ich habe die Erinnerung daran, dass er mich missmutig anblickte, weil ich starrte. Clarence war zunächst also nur eine verschwommene Erinnerung, aber wer er ist und wie er spricht, hatte ich genau im Kopf. Ich fing an, diese Szenen zu schreiben, und er nahm auf dem Papier Gestalt an. Ich stellte schnell fest, dass er amüsant und verbittert und sprachgewandt und durch sein leidvolles Leben geformt war. Obwohl Aaron erst sieben Jahre alt ist, als er Clarence trifft, versteht er intuitiv, dass Clarence nur auf seiner Farm existieren kann, abgeschieden von der Welt. Ich begann zu verstehen, dass er einer der Helden der Geschichte ist: Einerseits, weil er so freundlich zu Aaron ist wie sonst niemand, andererseits weil er auch seine Ecken hat. Er trickst Aaron aus. Er sagt grausame Dinge zu ihm. Er manipuliert ihn. Gleichzeitig behandelt er Aaron wie einen Ebenbürtigen und interessiert sich für ihn in einer Zeit, in der Aaron sehr einsam ist. Unendlich gutmütige Charaktere interessieren mich nicht.

Interview und Übersetzung: Patricia Breu

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