»Wenn wir den Willen verlieren, es besser zu machen, wird es zwangsläufig nur eines: Schlimmer.«

Ein Gespräch mit Rayk Anders


Nach dem großen Erfolg Ihres Blogs und dem Start einer eigenen Sendung im SWR erscheint jetzt auch ein Buch von Ihnen … mit dem schönen Titel: ›Eure Dummheit kotzt mich an‹. Wen meinen Sie denn damit?
Dieses Buch ist meine persönliche Brandrede gegen alle, die Fakten durch Gefühle ersetzen wollen. Etwa rechte Flüchtlingsgegner, die im Netz massiv Stimmung gegen Asylbewerber machen, oft mit frei erfundenen Horror-Geschichten. Doch es geht im Buch beileibe nicht nur um Vorurteile gegenüber Flüchtlingen: Genau so geht es um alte Energiekonzerne, die Panik vor neuer, grüner Energie verbreiten wollen oder Politiker, die versuchen, mit großen Posen von ihren eigenen Fehlern abzulenken. In diesem Buch finden Leser eine Menge. Der rote Faden, der sich durch alle Bereiche hindurchzieht, ist eine Rückbesinnung aufs Wesentliche: Harte Fakten statt schmollendes Bauchgefühl.

Erzählen Sie mal: Wie kam es zu „Armes Deutschland“, zu ihrer SWR-Sendung und jetzt zum Buch?
Meinen „Armes Deutschland“-Blog habe ich angefangen, weil ich journalistisch unabhängig sein wollte. Das soll nicht bedeuten, dass einem als Zeitungs- oder Fernsehredakteur der Chef vorschreibt, welche Meinung man zu haben hat. Stichwort: Lügenpresse! Aber natürlich muss man sich als Teil eines Teams anders verhalten, als wenn man sein eigenes Ding macht. Mit meinem Blog konnte ich viele unterschiedliche Dinge ausprobieren und neue Wege gehen. Natürlich war das auch ein Risiko. Aber die Reaktionen im Netz haben mir gezeigt, dass die Leser für etwas frisches bereit sind. Als dann Anfang des Jahres der SWR mit an Bord kam, hat sich gewissermaßen ein Kreis geschlossen: Die Akzeptanz der „alten“ Medien für meine eigene Herangehensweise. Das Buch ist jetzt das Sahnehäubchen oben drauf. Ich habe nie an etwas länger, detailversessener und überzeugter gearbeitet. Wer „Armes Deutschland“ in seiner besten Form erleben will, der braucht dieses Buch.

Man kann sich bei der Lektüre Ihres Buches hervorragend amüsieren und doch bleibt einem das Lachen immer wieder im Hals stecken. Wie gefährlich ist das, was aktuell im Netz verbreitet wird?
Es ist brandgefährlich und deswegen halte ich dieses Buch auch für so wichtig! Natürlich ist das neue „Wutbürgertum“ manchmal so haarsträubend widersprüchlich, dass man nur noch lachen kann. Andererseits machen diese Leute ja keinen Spaß, sondern meinen es ernst. Sogar todernst, wenn man sich die widerlichen Anschläge auf Asylbewerber und Morddrohungen gegen Politiker und Journalisten vor Augen führt. Dennoch sollten wir darüber nicht zu Zynikern werden. Wenn wir den Willen verlieren, es besser zu machen, wird es zwangsläufig nur eines: Schlimmer.

Welche Rolle spielt der Humor für Sie im Umgang damit?
Ohne Humor könnte man die heutige Zeit wohl kaum ertragen. Ich möchte auch nicht, dass man beim Lesen meines Buches in tiefe Depressionen verfällt und den Glauben an unsere Gesellschaft verliert. Ja, ›Eure Dummheit kotzt mich an‹ ist ein Buch, dass an mancher Stelle aufregen, schockieren und sogar frustrieren mag - aber das vor allem Spaß macht! Ein besseres Deutschland ist möglich und es gibt erstaunlich wenig, was uns daran hindert. Am meisten stehen wir uns tatsächlich selbst im Weg.

Man kann den Eindruck gewinnen, in der realen Welt ist man von einigermaßen verständigen Menschen umgeben, während man online nur noch auf Wahnsinnige trifft. Das kann ja irgendwie nicht sein. Was ist da los?
Also wenn ich mir anschaue, wer teilweise bei PEGIDA auf der Straße demonstriert oder bei der AfD Politiker wird, bin ich mir nicht so sicher, ob sich der Eindruck des zunehmenden Bullshits ausschließlich aufs Internet beschränkt. Klar, im Netz ist der Unsinn oft rauer, ungefilterter, härter. Aber er ist längst in unserem „echten“ Alltag angekommen. Fragen Sie mal Berliner Ärzte nach Impf-Gegnern. Vor kurzem hatten wir in der Hauptstadt einen der größten Masern-Ausbrüche seit mehr als einem Jahrzehnt. Weit über tausend Infizierte, jeder vierte von ihnen in klinischer Behandlung. Das kommt dabei raus, wenn Leute aufhören sich impfen zu lassen, weil sie auf Facebook gelesen haben, dass Impfungen sie angeblich umbringen. Hier geht es nicht nur ums Netz, dieser Bullshit ist real und gefährlich.

Wenn ich einen Kommentar unter einem Artikel entdecke, der offensichtlichen Blödsinn propagiert, sollte ich wohl darauf antworten, damit er nicht unkommentiert im Netz herumsteht. Wie viel Verantwortung hat hier jeder einzelne von uns?
Es freut mich immer, wenn ich sehe, wie Nutzer selbst aktiv werden und etwa Hass-Kommentare auf Facebook richtigstellen. In meinem Buch weise ich etwa darauf hin, dass Flüchtlingsgegner gerne behaupten, dass man in deutschen Städten heute unsicherer wäre, als je zuvor. Das Gegenteil ist der Fall: Statistisch haben wir in unserem Land die niedrigste Gewaltkriminalität seit gut 20 Jahren! Und das sagt nicht mein Bauchgefühl, sondern die Polizeiliche Kriminalstatistik. Mit solch eindeutigen Fakten kann man hetzerische Stimmungsmache leicht auflaufen lassen. Und von solchen Fakten findet man eine Menge in ›Eure Dummheit kotzt mich an‹.

Welche Reaktionen bekommen Sie auf Ihren Blog? Haben Sie selbst mit Anfeindungen zu kämpfen?
Oh ja, Beschimpfungen und Todeswünsche sind an der Tagesordnung. Das ist ja ein besonderes Merkmal vieler Wutbürger, die sich bei uns angeblich für die „Meinungsfreiheit“ einsetzen: Jeder, der nicht ihrer Meinung ist, soll zum Schweigen gebracht werden. Da läuft es der Logik eiskalt den Rücken runter. Wie es sich mit der vielfach beschworenen christlichen Nächstenliebe verträgt, wenn man Andersdenkende für ihre Haltung umbringen möchte, hat sich mir bis heute auch nicht erschlossen. Aber Hass-Postings und Online-Hetze waren in jedem Fall eine große Inspiration für das Buch.

Gibt es Reaktionen von Ihren Leser, die Ihnen besonders stark in Erinnerung geblieben sind und warum?
Was mir am stärksten im Gedächtnis bleibt, sind nicht die Beleidigungen und Drohungen. Die lesen sich immer gleich und haben keinerlei inhaltlichen Wert. Stattdessen beeindruckt mich, wenn meine Beiträge etwas Positives in den Menschen auslösen. Das kann eine junge Frau sein, die mir schreibt, dass sie sich nach einem Video von mir um ein Praktikum in einem Flüchtlingsheim bewirbt, weil sie helfen will. Oder ein Schüler, der mir eine Mail schickt, dass er sich nie für Politik interessiert hat, aber durch meine Beiträge angefangen hat, sich Nachrichten-Apps auf seinem Smartphone herunterzuladen. Es sind kleine Dinge, die im ersten Moment nicht viel erscheinen, aber die mir alles bedeuten. Ich wünsche mir, dass auch die Leser meines Buches - bei aller Konfrontation darin - am Ende das Beste in sich wiederfinden.

Interview: Veronika Pfleger / dtv

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