Die besten Eiskunstläufer sind die, die am häufigsten stürzen.

Ein Gespräch mit Matthew Syed


Fehler sind normalerweise etwas, worüber niemand gerne spricht. Sie schon … Sie haben sogar ein Buch darüber geschrieben. Warum?
Menschen tendieren dazu, vor Fehlern zurückzuschrecken. Sie zu vertuschen. Andere dafür verantwortlich zu machen. Dabei sollten wir unsere Fehler mit anderen Augen betrachten und sie als eine Chance sehen. Eine Chance, daraus zu lernen und es beim nächsten Mal besser zu machen. Das ist es, was besonders erfolgreichen Organisationen, Teams und Individuen gemein ist: die Fähigkeit zur Iteration und zum Lernen.

Sie sagen, wir sollten Black-Box-Denker werden, um zu mehr Erfolg in Gesellschaft, Berufswelt und Privatleben zu gelangen. Was ist ein Black-Box-Denker?
Ein Black-Box-Denker ist jemand, der einen offenen Geist hat, bereit ist, ehrlich mit seinen Fehlern umzugehen, und sie als eine Chance zum Lernen ansieht. Jemand, der sich ständig darum bemüht, sich in dem, was er tut, zu verbessern.

Der Begriff der Black Box stammt aus der Luftfahrt – für Sie ein positives Beispiel für den Umgang mit Fehlern. In Ihrem Buch erwähnen Sie einige negative Beispiele, wie etwa das Gesundheitswesen oder das Strafrecht. Was war die schockierendste Erkenntnis für Sie während Ihrer Recherche?
Die vermeidbaren medizinischen Behandlungsfehler sind die dritthäufigste Todesursache in den USA (und vielen anderen westlichen Ländern) nach Herzkrankheiten und Krebs. Das ist eine erschütternde Statistik und es liegt nicht daran, dass Ärzte und Krankenpfleger schlecht ausgebildet oder nicht intelligent sind. Der Grund ist eine Kultur, in der man nicht versucht zu lernen und zu forschen, wie man es eigentlich könnte.

Sie zeigen u.a. auf, dass Firmen und Institutionen von der Wissenschaft lernen können. Inwiefern?
Die Wissenschaft ist ein wunderbares Beispiel für angewandte Falsifikation. Theorien werden getestet und die Notwendigkeit zu Wandel, Iteration und Anpassung erkannt, wenn die Theorien nicht länger realistisch erscheinen. Denken Sie zurück an die Vorstellung, dass die Erde der Mittelpunkt des Universums sei. Die damaligen Gelehrten wollten Galileos widersprechende Erkenntnisse nicht akzeptieren und zwangen ihn, seine Sichtweise unter Androhung der Todesstrafe zu widerrufen. Das ist es, was passiert, wenn wir in starrem Denken verharren und nicht offen dafür sind, aus Fehlern zu lernen.
Zum Glück hat sich die Wissenschaft weiterentwickelt und bezieht Irrtümer jetzt mit ein als den Motor für Innovation. Als Newtons Aktionsprinzip sich nicht unter allen beobachteten Umständen zu bestätigen schien, realisierte Einstein die Notwendigkeit, die Theorie weiterzuentwickeln … und die Relativitätstheorie war geboren.
Es gibt viele Firmen, die nach dem gleichen Prinzip handeln. Google ist ein großartiges Beispiel. Sie experimentieren und testen ständig, um innovativ zu bleiben und die Führung im Wettbewerb zu behalten.

Wie kann uns Black-Box-Denken auch im Privatleben helfen?
Auf viele Weisen! Wir neigen alle zur Selbstrechtfertigung. Stellen Sie sich vor, wir wären fähig dazu, dieses Verhalten zu durchbrechen, zuzugeben, wenn wir falsch liegen, und daraus zu lernen. Es könnte so viele Beziehungen einfacher machen! Außerdem: Eine Geisteshaltung zu haben, die für ständige Verbesserung offen ist, führt generell dazu, dass wir das Beste sind, was wir sein können … egal worauf wir unseren Geist dabei ausrichten.

Sie sagen, Fehler zu analysieren ist der wichtigste Faktor für Erfolg. Ist das etwas, dass Sie auch in Ihrer aktiven Zeit als Tischtennisprofi festgestellt haben? Sogar wichtiger als die Faktoren, die wir normalerweise damit assoziieren? Wie Training oder Talent zum Beispiel …
Training sollte eine Art des Lernens aus Fehlern sein, wenn man es richtig macht. Wenn man effektiv trainiert, sieht man sich die Dinge an, die man schlecht gemacht hat, und versucht, sie zu verbessern. Es bringt nicht viel, Dinge, in denen wir schon gut sind, weiter zu trainieren. Es geht darum, sich selbst herauszufordern, aus der Komfortzone herauszukommen. Deshalb sind die besten Eiskunstläufer (zum Beispiel) auch diejenigen, die am häufigsten stürzen. Sie fordern sich im Training heraus, wagen schwierigere Sprünge … und fallen öfter auf das kalte harte Eis. Aber so werden sie besser.

»Man lernt aus Fehlern« – eine gängige Redewendung. Aber offensichtlich ist es nicht so leicht. Warum lernen die einen daraus und die anderen nicht? Oder sind wir am Ende alle schlecht darin, weil es ein kulturelles Problem ist … ein Problem unserer Zeit?
Menschen tun sich schwer damit, ihre Fehler zuzugeben. Gegenüber sich selbst genauso wie gegenüber anderen. Es ist einfach, sich selbst zu rechtfertigen oder andere zu beschuldigen. Dabei liegt es oft auch an der Kultur, in der sich Menschen wiederfinden, ja. Wenn eine Organisation oder Firma ihre Mitarbeiter für Fehler anklagt, dann ist es unwahrscheinlich, dass sie dazu bereit sein werden, Fehler zuzugeben. Die Folge einer solchen Anklage-Kultur kann sehr schädlich sein und wertvolle Chancen können verloren gehen.

Seit einigen Jahren greift ein weltweiter Trend um sich, genannt ›Fuck-up-Nights‹ oder ›Fail-Nights‹: Leute treffen sich und sprechen über ihren Misserfolg. Woher kommt dieses Bedürfnis, was denken Sie?
Ich glaube, es entsteht aus einem Bewusstsein dafür, wie Erfolg tatsächlich zustandekommt. Zusammenzukommen und offen und ehrlich bzgl. unserer Schwächen zu sein schafft die Basis für Verbesserungen und Fortschritt.

Sagen wir, jemand liest Ihr Buch und will etwas verändern, ist aber gefangen in einem System, in dem jeder andere seine Fehler versteckt. Kann eine einzelne Person etwas verändern?
Ja, man kann kleine Veränderungen etablieren, die zu größeren Veränderungen führen. Es geht um die Geisteshaltung! Ein Kapitel in meinem Buch befasst sich mit der Vorgehensweise der marginalen Zugewinne/›Marginal Gains‹. Da können wir zum Beispiel Einiges vom Trainer des britischen ›Tour de France‹-Teams (›Team Sky‹) lernen.

Interview und Übersetzung: Veronika Pfleger / dtv

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