»Wenn die Ideologie dahinter nicht bezwungen wird, wird es immer einen neuen IS geben«

Im Gespräch mit Tim Marshall über ›Die Macht der Geopgraphie‹


Wie sind Sie auf das Thema von ›Die Macht der Geographie‹ – den Zusammenhang zwischen Weltpolitik und Geopolitik – gekommen?
Ich habe diese Idee schon seit vielen Jahren. Erstmals kam ich darauf, als ich in den 1990er Jahren über die Balkankriege berichtete und die Kommandeure genau erklärten, wieso sie dieses oder jenes Stück Land brauchten. Es gab normalerweise eine kalte geographische Logik, wie militärische und politische Entscheidungen getroffen wurden. So war es schon immer, aber in der Berichterstattung kann dies nicht oft genug erwähnt werden.

Gibt es ein Land, dessen Geschehnisse Sie mit besonderem Interesse verfolgen?
Ich habe nach wie vor großes Interesse an Serbien, wo ich viel Zeit verbracht und immer noch Freunde habe. Ich verfolge auch die furchtbaren Ereignisse in Syrien. Ich war viele Male dort und für mich war es immer das interessanteste und freundlichste der arabischen Länder. Als ehemaliger Nahost- und Paris-Korrespondent habe ich die Entwicklungen in Frankreich und Israel immer genau im Blick.

Wie hat sich Ihre Arbeit als Journalist in Bezug auf Digitalisierung und Social Media verändert?
Im Kern ist die Arbeit immer noch dieselbe: herausfinden was passiert, es in einen Sinnzusammenhang bringen, darüber berichten, es analysieren. Doch  der Druck ist gewachsen. Die Ausstattung für Übertragungen wurde kleiner, damit wir alles überallhin  mitnehmen und mehr live berichten konnten. Dann kam das Bloggen und Twittern als neue Verpflichtung hinzu. Ich musste einen Weg finden, Prioritäten zu setzen und alles zu Organisieren. Das ist nicht leicht. Medienunternehmen müssen das wissen und eigene, klare Prioritäten setzen, wenn sie von Korrespondenten hören, wie sich der gestiegene Druck auf die Qualität und Klarheit ihrer Arbeit auswirkt.

Was sind Ihrer Meinung nach die drei größten Herausforderungen, vor denen die Welt(politik) momentan steht?
Die Spannungen im Südchinesischen Meer zwischen China, den USA und den Verbündeten der USA sind das größte politische Problem. Dann das Chaos im Nahen Osten und das Problem mit dem extremistischen Islamismus, der in der ganzen Welt um sich greift. Jede einzelne Dschihadistengruppe kann geschlagen werden, aber wenn die Ideologie dahinter nicht bezwungen wird, wird es immer einen neuen IS geben.

Es heißt immer wieder, die dritte Intifada steht bevor. Warum gibt es aus Ihrer Sicht keine Lösung des Problems zwischen Israel und Palästina?
Ich glaube nicht, dass dies die dritte Intifada ist, zumindest hat sie nicht die Dimension der letzten beiden. Aber sie wird vermutlich eines Tages kommen. Es wird keine Lösung geben so lange Außenstehende weiterhin mitmischen und so lange die Mitspieler selbst nicht bereit sind, Kompromisse zu machen.

Was ist aus Ihrer Sicht der Grund für Putins Unterstützung von Assad?
Putin unterstützt nicht Assad. Er unterstützt jeden, der den russischen Marinestützpunkt in Tartus garantiert und ihm Unterstützung im Mittelmeer und dem Nahen Osten zusichert. Indem er sich selbst zum Teil des Problems gemacht hat, hat er sich auch zum Teil der Lösung gemacht. Indem er zugesichert hat, dass Assads Regime nicht verlieren kann, werden die anderen Gruppierungen innerhalb eines Jahres realisieren, dass sie nicht gewinnen können. Sie werden also auf ihre Unterstützer hören müssen, und wenn der Wille dazu in Katar, Riad, Teheran, Berlin, Moskau, Paris, London und Washington da ist, ist ein Friedensschluss 2017 möglich, wenn auch schwierig.

Welche Themen interessieren Sie noch?
Da fallen mir Vergleichende Religionswissenschaften und Kochen ein, aber ich habe eine Leidenschaft im Leben, an die die meisten Menschen keinen einzigen Gedanken verschwenden: der Leeds United Football Club. Als ich Deutschland gelebt habe, habe ich immer gerne die Spiele von Borussia Mönchengladbach gesehen.

Dezember 2015
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