Im Gespräch mit Muriel Barbery über ›Das Leben der Elfen‹


›Das Leben der Elfen‹ beginnt mit zwei Märchen, den Geschichten von Maria und Clara. Kann man die Gesamtheit des Romans als Märchen lesen – oder als Parabel?

Ich glaube nicht, dass der Roman über diese beiden einleitenden Märchen hinaus als solches zu verstehen ist, obwohl er sich bestimmter Elemente des Genres wie auch der Welt des Wunderbaren und einer gewissen Art von Naturdichtung bedient. Ich glaube auch nicht, dass er als Parabel zu verstehen ist. Im Grunde genommen weiß ich nicht, was es für ein Text ist, der Leser wird darüber entscheiden.

Die Elfen gleichen so gar nicht den Elfen aus den Märchen …

Lange Zeit wusste ich nicht, ob sie wirklich sind oder nur geträumt, und letztlich bleibt das auch  nicht entscheidbar. Aber sie haben die Form angenommen, die der Roman ihnen ganz selbstverständlich gegeben hat; es sind Wesen in Übereinstimmung mit der Natur und mit der tierischen Seite des Lebenden, daher ihre seltsamen Formen.

Der Roman wird vom Thema der Harmonie durchzogen, vor allem der Harmonie mit der Natur …

Einer der Auslöser für das Schreiben des Romans ist ein Satz aus Okakura Kakuzos ›Buch vom Tee‹ von 1906, in dem er voller Nostalgie vom alten China spricht, das der japanischen Kunst seine schönsten Werke geschenkt hat. Aber er bedauert, dass die chinesische Welt „modern, d.h. alt und entzaubert“ wurde. Ich finde diese Charakterisierung der modernen Welt faszinierend, von einer extremen Prägnanz und Klarheit: Die moderne Welt ist ihrer Verzauberung beraubt und daher auch ihrer poetischen Illusionen. Und es ist diese Verzauberung, ob nun poetischer oder natürlicher Art, die sowohl den Ausgangspunkt als auch den roten Faden des Romans bildet.

Ein anderer Satz oder vielmehr ein Wahlspruch scheint genauso wichtig: „Ich werde bewahren“ …

Dieser Wahlspruch, ursprünglich derjenige der Prinzen von Oranien, hat mich aufgrund seiner rätselhaften Form schon immer beschäftigt. Er scheint fast grammatikalisch unkorrekt, weil man ein Objekt erwarten würde. Im Roman ist es vor allem die Welt der Elfen, in der man sich darum bemüht, die Kräfte der Natur und der Kunst in einer Einheit aufrechtzuerhalten. Aber im ersten Band bleibt der Wahlspruch absichtlich rätselhaft.

Die Welt der Elfen wäre also die Welt der Kunst, im Gegensatz zur Welt der Technik, die von dem beängstigenden Gouverneur verkörpert wird?

In Wirklichkeit sind es die gleichen Verwerfungen und die gleiche Entzauberung, die die menschliche und die elfische Welt bedrohen.

Auch Blumen und Gärten nehmen einen prominenten Platz ein …

Ja, der Weißdorn, das Veilchen und vor allem die Schwertlilie, die man in Japan findet, die Iris japonica, sind meine Lieblingsblumen, seit ich sie kenne. Ein anderer Auslöser für das Schreiben von ›Das Leben der Elfen‹ ist ein Gespräch mit einem Freund über japanische Gärten und die französische Vorstellung von natürlicher Schönheit. Ich sagte ihm, dass japanische Gärten elfisch seien, während die französische Ästhetik der Natur menschlich sei – so wurde ein Teil des Romans an jenem Tag geboren. Aber ich finde auch – und ich denke, dass das durchaus miteinander vereinbar ist – Geschmack an Enzyklopädien und Abhandlungen über Heilpflanzen, an den Zeiten, als die Menschen in der Natur das Prinzip und das Zeitmaß der Heilmittel suchten und in einer symbolischen Sprache über Pflanzen und Blumen sprachen, die besonders poetisch ist.

In diesem Roman verwenden Sie eine ganz besondere Sprache, reich und gleichzeitig sehr einfach …

Diese Sprache hat sich ganz natürlich ergeben, als ich das ursprüngliche Märchen schrieb, und sie bestimmte dann auch die Erzählung. Sie ist zeitlos, obwohl durchaus archaisierend, sodass man sie nicht einer Epoche oder einem literarischen Stil zuordnen kann, und dasselbe gilt auch für die Geschichte, die der Roman erzählt.

Diese Schreibweise erfordert auch einen ganz eigenen Leserhythmus …

Ich glaube, dass man sich nicht auf die Erzählung einlassen kann, wenn man sich nicht dieser Schreibweise verpflichtet. Das erste Mal in der dritten Person zu schreiben hat mir eine ganz neue sprachliche Bandbreite und eine Vielzahl an erzählerischen Möglichkeiten eröffnet. Das war eine Heidenarbeit, ich habe den Text mehrmals überarbeitet und der Schreibprozess war oft schwierig, kompliziert und frustrierend, aber er war leidenschaftlich und ich habe ihn letztendlich mit Freuden durchlebt.

Erschienen in ›Le bulletin Gallimard‹, Nummer 507, März-April 2015

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