Zwei Gespräche mit Muriel Barbery über ›Die Eleganz des Igels‹


Über das Buch

Die Hauptpersonen in Ihrem Roman sind die vierundfünfzigjährige Concierge Renée und Paloma, ein zwölfjähriges Mädchen. Wie sind Sie zu diesen Figuren gekommen?

Wenn ich das wüßte … wäre mein Leben als Schriftstellerin einfacher! Die plötzliche Entstehung der Figuren hat immer etwas Geheimnisvolles. Wenn man mir eines Tages gesagt hätte, ich werde einen Roman schreiben, dessen Heldin eine Concierge ist, hätte ich es vermutlich nicht geglaubt … Diese Concierge hatte schon einen kurzen Auftritt in meinem ersten Roman: zwei Seiten, auf denen sie klagt, wie sehr sie darunter leidet, von den reichen Bewohnern des Hauses verachtet zu werden – des gleichen Hauses wie das in ›Die Eleganz des Igels‹. Eines Tages habe ich diese Passage wieder gelesen und mich dabei plötzlich daran erinnert, was mein Verleger zu mir gesagt hatte. Im Manuskript hatte ich Renée ziemlich vulgär und stereotyp sprechen lassen. Mein Verleger sagte: »Das ist eine Karikatur; Sie sind doch Romanautorin, Sie können sich alles erlauben, Ihre Concierge kann genauso gut wie die Duchesse von Guermantes reden«. Als ich mich an diesen Satz erinnerte, hatte ich plötzlich Lust, einer gebildeten Concierge eine Stimme zu geben, einer Concierge, die sich für Literatur, Philosophie und Kunst begeistert und sich in der Sprache Voltaires ausdrückt. Ich habe mich an den Schreibtisch gesetzt und die ersten zehn Seiten des neuen Romans geschrieben. Was Paloma betrifft, so ist sie erst spät in Renées Geschichte aufgetaucht. Ich hatte schon gut zweihundert Seiten geschrieben. Als mein Mann die Szene las, in der dieses ein bißchen seltsame Mädchen ein für seine Schwester bestimmtes Paket in der Loge abholt, hat er mir gesagt, ich solle aus ihm eine Hauptfigur machen. So ist Paloma entstanden – ich habe mir den ganzen Text wieder vorgenommen und ihre Monologe eingebaut.

Der Roman spielt in einem grossbürgerlichen Haus in der Rue de Grenelle 7, im 6. Arrondissement von Paris. Könnten Sie dieses Haus und dieses Stadtviertel etwas näher beschreiben?

Aber nein, ich kenne es doch gar nicht! Ich war kurz dort, nachdem der Roman erschienen ist, weil Journalisten mich vor der Fassade des Hauses fotografieren wollten – aber ich habe diese Straße und diese Hausnummer rein zufällig gewählt. Wie jedermann wußte ich vom Hörensagen, daß es sich um ein schickes Pariser Viertel handelt, und das reichte, mehr brauchte ich nicht zu wissen. Ein Roman, das bedeutet Freiheit; von winzigen Krümeln Wirklichkeit ausgehend, kann man sich eine ganze Welt und verschiedenste Leben ausdenken. Ich wußte, daß die Rue de Grenelle 7 eine bürgerliche, vornehme Adresse ist. Alles andere habe ich erfunden.

Renée und Paloma beobachten aufmerksam, was sich in ihrem Haus abspielt. Warum betrachten sie das Leben ihrer Nachbarn so skeptisch?

Sie wohnen beide in einem luxuriösen Pariser Haus. Wenn man seine Bewohner charakterisiert, dann durchläuft man das gesamte soziale und politische Spektrum der französischen Bourgeoisie, von den Salonsozialisten bis hin zu den sehr konservativen Rechten. Ich hatte meinen Spaß daran, diese kleine Welt satirisch zu beschreiben. Gleichzeitig ist dies jedoch nur ein nebensächlicher Aspekt des Romans. Doch auch wenn er nebensächlich ist, so ist er deswegen nicht unbedeutend: Die Verachtung, mit der gewisse Reichen die Armen behandeln, ist keine Erfindung, sondern eine Realität.

Renée führt ein Doppelleben – einerseits spielt sie die häßliche, naive und einfältige Concierge, andererseits ist sie innerhalb ihrer Loge eine gebildete Frau und eine wahre Kennerin von Literatur, Philosophie, Malerei und Film. Was gefällt ihr in der Kunst, und was gefällt ihr im wirklichen Leben?

Man bräuchte einen ganzen Roman, um diese Frage zu beantworten. Renée ist vor allem eine einsame Frau, die sich für die Schönheit begeistert und auf der Suche nach Sinn und Weisheit ist. Das Buch ist die Geschichte vom Ende dieser Einsamkeit, aber auch die Geschichte von dieser Liebe zur Schönheit und diesem Hang, über den Sinn des Lebens zu sinnieren. Zu Beginn des Buches läßt sich Renée stets für das begeistern, was ihr Kunstwerke und Literatur vermitteln - die Filme von Ozu, die Romane von Tolstoi, die Stilleben holländischer Maler …

Paloma schreibt ein »Tagebuch der Bewegung der Welt«. Was ist das für ein Tagebuch?

Paloma schreibt zwei Tagebücher: ihre »Tiefgründigen Gedanken« und ihr »Tagebuch der Bewegung der Welt«. Das erste ist den geistigen Dingen gewidmet, das zweite der Schönheit der Dinge. In beiden Fällen geht es darum, festzuhalten, was im Leben Wert und Bedeutung hat. Paloma ist zwölf Jahre alt, aber sie ist schon eine Ästhetin und eine Philosophin. Eine, die sich unermüdlich die gleiche Frage stellt: Welchen Sinn hat unser Leben? Ist es wert, gelebt zu werden? Sie sucht Antworten auf diese Fragen in den Büchern – aber auch in der Beobachtung der »Bewegungen der Welt«, in den anmutigen Bewegungen, in denen die Körper und die Dinge ästhetische Perfektion erreichen.

Monsieur Ozu, ein wohlhabender und gebildeter Japaner, zieht im Haus in der Rue de Grenelle ein, und sofort richtet sich die ganze Aufmerksamkeit seiner neuen Nachbarn auf ihn. Warum erscheint er den Bewohnern so interessant und außergewöhnlich?

Weil er Japaner ist, und weil er sehr reich ist, zwei gewichtige Gründe, die Neugierde und Begehrlichkeit wecken.

Monsieur Ozu ist ein Kenner sowohl der japanischen als auch der europäischen Kultur. Und er scheint sehr weise zu sein. Rührt seine Intelligenz und sein aufmerksames Verhalten daher, dass er in zwei Kulturen lebt?

Als ich ›Die Eleganz des Igels‹ schrieb, hatte ich noch nie einen Fuß auf japanischen Boden gesetzt und auch keine japanischen Freunde. Gleichzeitig hatte ich jedoch Lust, über meine Faszination für dieses Land zu schreiben – und so habe ich die Figur eines frankophilen und frankophonen Japaners erfunden, der lange in Frankreich gelebt hat, und ich hoffte, dass dieser Kunstgriff über die Tatsache hinwegtäuschen würde, dass ich von den Verhaltensweisen und der Haltung der Japaner keine Ahnung hatte. Genau wie Renée und Paloma ist auch diese Figur rein fiktiv – doch kürzlich haben mir Japankenner versichert, Kakuro Ozu sei höchst glaubwürdig, wenn auch eher aussergewöhnlich.

Sie erzählen mit einer erstaunlichen Eleganz und viel Charme und Witz. Sie haben unvergessliche Figuren geschaffen. Gibt es Schriftsteller, die Sie bewundern und die Ihnen vielleicht geholfen haben, Ihren eigenen Stil zu finden?

Wenn ich schreibe, so sind für mich nicht so sehr die Geschichte, die Figuren und der Sinn der Wörter wichtig, sondern die Sprache und der Stil. Ich bin immer mehr davon überzeugt, daß der Inhalt immer eine Folge der Form ist. Für den Leser ist es umgekehrt, er geht an den Inhalt heran, bevor er sich der Form bewußt wird – und zum Glück ist das so, denn wenn ihn die Geschichte und die Figuren nicht packen würden, würde er schon nach der dritten Seite aufgeben. Doch wenn man schreibt, beginnt man, unabhängig von der Geschichte, der Botschaft, den Personen und den Handlungsabläufen, die man darstellen möchte, immer mit der Sprache, mit den Wörtern und den Sätzen, der Syntax und der Zeichensetzung. Ich schreibe aus Liebe zu meiner Sprache, zur französischen Sprache – natürlich schreibe ich nicht, um nichts zu sagen, doch was ich sage, ist nur eine Folge des Stils und der Sprachebenen, derer ich mich bediene. Renée wäre nicht Renée, wenn sich gewisse Wörter nicht gleich zu Beginn durchgesetzt hätten – genau wie eine gewisse Sprachpalette, und eine gewisse stilistische Klangfarbe … Ich möchte bei dieser Gelegenheit die hervorragende Übersetzung des Romans ins Deutsche von Gabriela Zehnder erwähnen, die mit viel Feingefühl die verschiedenen Stilfärbungen des Romans wiedergegeben hat. Schriftsteller, die ich bewundere, ohne mir auch nur einen Augenblick einzubilden, mich je ihrem Genie nähern zu können, sind: Laclos in Bezug auf das Französisch des 18. Jahrhunderts, Stendhal und Tolstoi aufgrund ihrer großen Romane, Proust in Bezug auf den Stil – aber auch Orson Scott Card, ein großer Schriftsteller, trotz des Sciencefiction-Etiketts, das ihm anhaftet.
 

Zur Erfolgsgeschichte in Frankreich

 

›Die Eleganz des Igels‹ gelangte in Frankreich im September 2006 in die Buchhandlungen und war eine der großen Überraschungen unter den Neuerscheinungen. 2007 stand der Roman immer ganz oben auf der Bestsellerliste. Und der Erfolg hält weiter an. Könnten Sie etwas mehr darüber sagen, wie Ihr Buch in Frankreich aufgenommen wurde?

Tatsächlich war ›Die Eleganz des Igels‹ 2007 der meist verkaufte Roman in Frankreich! Ich kann es noch immer kaum glauben … Als das Buch im September 2006 in einer Auflage von 4000 Exemplaren erschien, war ich völlig unbekannt, und ich und mein Mann dachten, es würde ein totaler kommerzieller Misserfolg werden. Ich zweifle immer sehr an dem, was ich schreibe, so dass es mir nicht in den Sinn kam, meine Texte könnten den geringsten Erfolg haben. Ich war schon sehr glücklich, daß mein Buch überhaupt veröffentlicht wurde.
Die Kritik in der Presse fiel ziemlich spärlich aus – jedenfalls spärlicher als bei meinem ersten Buch. Die zweiten Romane interessieren die Journalisten im Allgemeinen wenig. Und dann ist der Verkauf ganz schnell angelaufen, man meldete mir die neuen Auflagen … und es riß nicht mehr ab. Die Kurve stieg stetig an, und erst jetzt fällt sie ab, aber langsam, sehr langsam. Es ist unglaublich!

Wie erklären Sie sich den riesigen Erfolg Ihres Romans?

Auf der Ebene der objektiven Faktoren ist die wunderbare Arbeit der Buchhändler zu erwähnen, die schon im Sommer auf den Roman aufmerksam wurden und ihn ihren Lesern empfohlen haben. Und dann ist die Mundpropaganda losgegangen … Doch am Erstaunlichsten sind, und dies könnte eine Erklärung für den Erfolg sein, die unglaublich vielen Leser, die mir gesagt oder geschrieben haben, dass sie das Buch mehrmals ihren Angehörigen oder Freunden geschenkt haben. Ein französischer Journalist hat dafür sogar den Ausdruck gift-seller erfunden.
Doch warum das alles? Ich habe keine Ahnung! Ich bin am meisten erstaunt, und dann steht es mir am wenigsten zu, mich dazu zu äußern. Und der Zweifel, der stetige Zweifel, der mich nie verlassen wird, macht es auch nicht einfacher …

Wer sind Ihrer Meinung nach die Leser Ihres Buches? Junge Menschen, Ältere, Frauen, Männer … ?

Ich weiß es nicht! Der Erfolg in Italien oder in Korea zum Beispiel scheint der These zu widersprechen, dass es eine typisch französische Geschichte ist – oder vermag sie ein anderssprachiges Publikum vielleicht gerade deshalb zu interessieren, weil sie typisch französisch ist? Man müßte die ausländischen Leser befragen. Doch die Einsamkeit, die Fragen nach dem Sinn des Lebens, die Lust, etwas gleichzeitig Leichtes, Trauriges und Lustiges zu lesen, die Freude an der Sprache, das sind vielleicht universelle Gegebenheiten, die sich über Grenzen hinwegsetzen.

Erzählen Sie in Ihrem Roman eine typisch französische Geschichte?

Ich weiß es nicht! Der Erfolg in Italien oder in Korea zum Beispiel scheint der These zu widersprechen, dass es eine typisch französische Geschichte ist – oder vermag sie ein anderssprachiges Publikum vielleicht gerade deshalb zu interessieren, weil sie typisch französisch ist? Man müßte die ausländischen Leser befragen. Doch die Einsamkeit, die Fragen nach dem Sinn des Lebens, die Lust, etwas gleichzeitig Leichtes, Trauriges und Lustiges zu lesen, die Freude an der Sprache, das sind vielleicht universelle Gegebenheiten, die sich über Grenzen hinwegsetzen.

›Die Eleganz des Igels‹ ist Ihr zweites Buch. Im Jahr 2000 haben Sie Ihren Erstlingsroman, ›Die letzte Delikatesse‹, veröffentlicht. Schon dieser erste Roman hat einen beachtlichen Erfolg verbucht und wurde in viele Sprachen übersetzt. Welche Geschichte haben Sie in Ihrem Debüt erzählt?

Es ist die Geschichte von Pierre Arthens, dem Gastronomiekritiker, der in ›Die Eleganz des Igels‹ nur eine Nebenrolle spielt, in diesem ersten Roman jedoch die Hauptperson ist. Er liegt auf dem Sterbebett, wenige Stunden vor seinem Tod, und sucht in seinem Gedächtnis wie besessen nach einem vergessenen Geschmack, an den er sich unbedingt erinnern möchte, bevor er stirbt … Das Buch war kein Erfolg bei den Buchhändlern, kein Vergleich mit "Die Eleganz des Igels"! Aber es wurde in 14 Ländern übersetzt … ich war sehr stolz darauf.

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