Interview mit Catarina Katzer

Sie gehören international zu den führenden Forschern auf dem Gebiet der Cyberpsychologie und haben jetzt ein gleichnamiges Buch darüber geschrieben. Was genau ist Cyberpsychologie?

Das Netz - der Cyberspace - ist mittlerweile fester Bestandteil  unseres Lebens und betrifft nahezu alle Bereiche unseres menschlichen Daseins - ob Familie, Freundschaft oder Liebe, Beruf und Business, Gesundheit, Vorsorge und vieles mehr. Nicht nur, dass wir immer mehr Dinge unseres Alltags online abwickeln, wir verbringen immer mehr Zeit mit persönlichen Lebensbereichen. Wir handeln also ständig online - nur mit dem feinen Unterschied, dass wir körperlich nicht direkt anwesend sind. Wir agieren in den Weiten des Internets nämlich bequem von unserem Bildschirm, dem Touchscreen, aus. Und diese Trennung von Handlung und physischer Teilnahme verändert unser Denken, Fühlen und auch konkretes Verhalten. Hinter die Veränderungen und Einflüsse unseres Netzverhaltens auf unseren realen Alltag, unsere Persönlichkeit, Identität und unsere gesamte Lebensweise möchte die Cyberpsychologie schauen, auch um Wechselwirkungen zwischen Real Life und Cyberspace aufzuzeigen.

Wie stark ist dieser Einfluss? Verändert uns das Internet grundlegend?

Eine große Herausforderung für uns ist es, dass wir nicht wie früher nur auf einer Wahrnehmungs- oder Bewusstseinsebene agieren müssen, nämlich dem Raum, der uns real, physisch umgibt, sondern durch die Vielfalt des Cyberspace, die sich auf unseren Smartphones in unzähligen Apps befindet, mit ganz vielen erlebbaren Räumen und das nahezu zeitgleich. Wir switchen also ständig zwischen ganz vielen Umfeldern, unterschiedlichster Art, hin und her, die alle unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. Die Gesellschaft erwartet das aber auch von uns, setzt uns unter einen »digitalen Druck«. Doch unser Gehirn ist dafür nicht gedacht - wir überfordern uns also. Gleichzeitig passen wir uns dem Google Rhythmus an: Wir versuchen alles schnell zu erledigen - und machen immer mehr Fehler. Wir werden auch ungeduldiger - uns selbst und anderen gegenüber: Warum geht das nicht so schnell, bei Google und Co passiert doch auch alles in Millisekunden. D.h. unsere Erwartungen werden immer stärker vom Rhythmus des Internets geprägt. Doch wir sind eben keine Computer - das vergessen wir leider immer öfter.

Zum anderen werden wir immer stärker geprägt durch das, was wir online erleben: Menschen, die wir kennenlernen, Meinungen, die wir hier wahrnehmen. Wir lernen also auch im Netz - dies gilt insbesondere für Kinder und Jugendliche. Doch was wir online sehen und erleben, muss ja nicht wahr sein - wir können auch einer Illusion erliegen und vor allem Fehleinschätzungen. Und auch Freunde sind manchmal Menschen, die man nicht persönlich kennt. Also auch der Freundschaftsbegriff verändert sich grundlegend. Außerdem sind Freundschaften heute oft kurzfristig angelegt - eine Momentaufnahme im Netz - auch auf den aktuellen Nutzen ausgerichtet. Was nicht mehr passt, wird auf dem Touchscreen einfach weggeswiped (weg-gewischt).

Sie zeigen u.a. auf, wie das Netz unsere kognitiven Strukturen wie Bewusstsein, Wahrnehmung, Gedächtnis oder Zeitgefühl beeinflusst. Inwiefern?

Die Entkopplung zwischen unserem Handeln im Cyberspace und unserer körperlichen »Draußenbleiben« führt dazu, dass wir uns selbst auch anders wahrnehmen. Wir trennen Bewusstseinstechnisch physische Handlung und Netzagieren - empfinden also nicht, dass wir z.B. eventuell etwas tun, was wir normalerweise nicht machen. Dateien z.B. einfach herunterladen: Im Laden nehme ich ja auch nicht einfach Produkte mit, ohne sie zu bezahlen (im Normalfall). Aber online sehen wir uns nicht und andere auch nicht - die Selbstbeobachtung fällt weg! Es ist ja nur ein Knopfdruck.

Gleiches gilt für unser Zeitgefühl, für ein mögliches Abdriften - alleine durch die Vielzahl an Fremdvorschlägen z.B. durch Google, Facebook und Co. binden wir mehr Zeit, als wir eigentlich eingeplant haben. Wir setzen uns auch selbst unter Druck, möglichst viele Vorschläge anzuschauen, denn niemand sagt uns, wann es genug ist: Könnte nicht noch ein passenderes Ergebnis auf der nächstes Seite stehen? Dadurch passen wir aber unseren Wahrnehmungsprozess an: Wir werden oberflächlicher, scannen vieles nur noch, ohne es richtig durchzulesen. Überhaupt lernen wir, dass mehr Text als eine Seite viel zu viel ist. Wir brechen einfach ab - ein knapper Absatz ist genug.

Mit dem Internet hat sich auch die Grenze von Privatheit und Öffentlichkeit verschoben. Was macht das mit uns?

Zum einen unterliegen wir nicht selten einer Illusion von Privatheit - einfach weil wir die Millionen anderer Teilnehmer auf Facebook oder Instagram ja nicht direkt physisch vor uns haben. Sie sitzen nicht auf unserem Sofa, da hätten sie auch keinen Platz. Dadurch aber sehen wir nicht, dass wir von vielen beobachtet werden können. Das führt dazu, dass wir Dinge schneller erzählen - vor allem jemandem, den wir kaum kennen.

Gleichzeitig wird aber auch von den Machern der Social Networks propagiert: Öffne dich, teile dein ganzes Leben anderen mit! Allerdings tun sie selbst das nicht: Gag-Order, Non-Disclosure-Agreement und vieles mehr lässt das tatsächliche private Leben der Supernerds wie Marc Zuckerberg im Verborgenen. Wir Normalos allerdings folgen ihrem Mantra. Ganze Lebenslinien werden öffentlich gemacht: der erste Sex, der erste Kuss und vieles mehr. Das Schamgefühl scheint einerseits zu sinken, andererseits: Wird man zum Opfer von Hating, Cybermobbing oder Shitstorms dann fühlt man sich extrem bloßgestellt - obwohl wir das durch unsere verstärkte digitale Sebstöffnungstendenz auch selber tun.

Zuviel Offenheit kann klar schaden: Ob meine Kinder oder mein Chef wissen müssen, dass ich bei Sexparties mitmache? Fraglich. Vieles sollte eben lieber doch unter vier Augen geschehen. Vor allem, da wir die Folgen nicht überblicken können - weder privat noch beruflich. Ein kleiner Fehler kann heute große Auswirkungen haben - das war früher nicht so.

Ebenfalls ein großes Thema sind die zum Teil erschreckenden Auswirkungen auf unser Sozialverhalten. Was hat sich verändert?

Es ist natürlich immer ein Wechselspiel. Zum einen können wir online feststellen, dass Hating, Hasskampagnen, Shitstorms und vieles mehr an der Tagesordnung stehen. Denken wir nur an die Flüchtlingsproblematik und die aktuellen Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Zum anderen können wir auch eine starke Tendenz zu Unterstützung, Hilfeverhalten und Solidarität im Netz festellen. Menschen verabreden sich zu friedlichen Kundgebungen oder gründen ehrenamtliche Netzwerke für Flüchtlingshilfe vor Ort, um nur ein paar Beispiele zu nennen.

Beide Tendenzen sind auch Folgen des Handelns im virtuellen Raum, das vom Körper getrennt ist, sowie der De-Individuation - des Loslösens der Selbstaufmerksamkeit, das Abtauchen in eine Masse, die Auflösung unserer individuellen Identität und das Einswerden mit der virtuellen Netzgemeinde. Man traut sich mehr zu, denn man ist ja nicht alleine und vor allem geht man als Teil im Ganzen auf - im Bösen wie im Guten! Dadurch können wir den Rückgang bzw. zum Teil das völlige Fehlen digitaler Empathie feststellen, für das was im Cyberspace passiert.

Das Netz verstärkt somit gute wie schlechte Tendenzen unseres Sozialverhaltens. Allerdings haben wir durch den virtuellen Raum gerade für Kriminelles und aggressives Verhalten einen neuen, sehr bequemen Tatort bekommen - das ist bedenklich. Das Netz darf kein rechtsfreier Raum sein, doch leider ist die Handhabe der deutschen Justiz nur auf unser Territorium begrenzt. In andere Länder darf sie nicht eingreifen. Hierzu müssen wir internationale Regelungen entwickeln. Und auch die Anbieter, die Plattformen - vor allem die Big Five - sollten hier den Rechtsstaat unterstützen und gezielt gegen Hass im Netz vorgehen. Sogar Eric Schmidt hat ja vor ein paar Wochen ein Filtersystem gegen Hass gefordert. Darüber sollten wir nachdenken.

Auch auf unsere Identität hat das Internet Einfluss. Inwiefern?

Durch die Tools des Internets - ob soziale Netzwerke oder Video- und Fotoportale - haben wir zum ersten Mal die Möglichkeit, aus unserer realen physischen Existenz, also unserer Körperlichkeit und wahren Identität zu schlüpfen. Das heißt nicht, dass das jeder nutzen muss, aber die Möglichkeit kann dazu führen, dass wir anfangen, Dinge auszublenden, die uns augenblicklich stören oder von denen wir glauben, dass sie bei anderen nicht gut ankommen. Das können Äußerlichkeiten sein, indem wir ein geschöntes Foto posten oder anfangen, bei Körpergröße, Gewicht u.s.w. zu schwindeln, aber auch weggelassene oder geschönte Tatsachen, z.B. bei aktuellem Beruf, Status, Vermögen, Hobbies oder überhaupt unsere gesamte Persönlichkeit betreffend. Dies kann den Blick für die Realität durchaus eintrüben und vor allem Menschen online auf uns aufmerksam machen, zu denen wir im Alltag gar keinen Kontakt bekämen. Das kann zu Enttäuschungen führen - auf beiden Seiten.

Gleichzeitig verändert die Möglichkeit der Selbstdarstellung unsere eigene Selbstwahrnehmung entscheidend: Wer immer nur schöne, erfolgreiche Menschen im Netz sieht, der kann schneller deprimiert und frustriert werden, und er gerät in eine Spirale, dieser positiven Selbstdarstellung zu folgen. Das kann auf Dauer sehr anstrengend sein - ein Bild aufrecht zu erhalten, das eventuell gar nicht der Wirklichkeit entspricht. Auch das Gefühl, mithilfe digitaler Möglichkeiten die eigenen Fähigkeiten zu überprüfen, zu dokumentieren oder gar zu verbessern, kann uns in eine Ich-zentrierte, narzisstische Optimierungsspirale führen.

Welche Gefahren bergen all diese Veränderungen?

All diese Veränderungen können dazu führen, dass wir immer stärker in digitale Netzfallen geraten, aus denen wir nicht mehr herauskommen: ob virtuelle Zeitfalle, Privacy-Paradoxon, digitale Denk- und Wissensfehler oder emotionale Be-Happy-Falle. Deshalb müssen wir wissen, warum wir handeln, wie wir handeln. Welche psychologischen Prozesse uns online verführen, Ökonomisierungs- oder Optimierungszwänge entstehen lassen, uns auf falsche Fährten führen - ob durch gefakte Tatsachen oder getrübte Wahrheiten, die den globalen Wissenpool einengen, statt ihn auszuweiten ... eben durch digitale Fremdbestimmung, die Anpassung der virtuellen Suchmaschinen an unsere Nutzung und vieles mehr.

Am Ende Ihres Buches geben Sie Anregungen, wie wir uns in Zukunft kompetent im Internet bewegen können. Was müssen wir lernen?

Wir müssen vor allem unseren digitalen Blick schärfen und uns selbst online besser erkennen und verstehen. Eine gute Portion Kritikfähigkeit und auch Skepsis bei den ständig neuen Tools und Anwendungen, die tagtäglich auf den Markt kommen, und vor allem gegenüber den möglichen Auswirkungen, die deren Nutzung haben kann, ist wichtig. Wir sollten bei unserer »Umsonst-Mentalität« nicht vergessen, dass wir im Netz immer bezahlen müssen - nämlich mit unseren Daten. Wer Nacktfotos verschicken möchte, sollte dies ohne erkennbare Gesichtszüge tun. Wer Versicherungsprämien sparen will, muss sich im Klaren darüber sein, dass der Versicherer weiß, wie er fährt, in welche Länder er reist, wo er sein Auto parkt, ob er einen Unfall hatte und vieles mehr. Dies kann Auswirkungen auf unsere Prämien haben - zunächst günstig, dann teurer oder sogar ganz abgelehnt, wenn hinter dem braven Autofahrer tatsächlich ein tempoliebender Raser steckt. Lügen macht dann keinen Sinn mehr.

Wir sollten auch lernen, leaner im Netz zu werden - zu erkennen: Was tut mir gut und was nicht? Den Mut zu haben, sich dem Druck nicht zu beugen, denn klar ist: Immer mehr Menschen fühlen sich gehetzt und unter Druck gesetzt Wir sind nicht die einzigen. Und wir sollten auch unser Gehirn nicht durch die Googlerianisierung unterfordern. Denn das kann dazu führen, dass wir uns mentaler Fähigkeit berauben und dann tatsächlich Roboter und Computersysteme benötigen, die schwierige, komplexe Aufgaben lösen - weil wir es nicht mehr können!

Das Interview führte Veronika Pfleger / dtv

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