Bonnie Nadzam im Interview

»Wir sollten achtsam sein, was wir sagen und wie wir es sagen, und uns, so weit wie möglich, bewusst sein, warum wir es sagen.« Im Interview spricht Bonnie Nadzam über die Komplexität von Beziehungen, das Gewaltpotential von Sprache ... und über unsere Fähigkeit zur Unschuld, und sei es nur beim Bohnenbraten.

 

Ein 50-jähriger Mann und ein 11-jähriges Mädchen machen sich zusammen auf gen Westen und man weiß nicht: Ist es eine Entführung, geht es um Kindesmissbrauch? Oder um den Aufbruch in ein besseres Leben, um Liebe und Freundschaft? Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?


B.N.: Das hat sich langsam Schritt für Schritt entwickelt, zum Teil durch die Reflexion über meine eigenen Beziehungen zu Menschen (romantische und unromantische gleichermaßen) und darüber, wie es kommt, dass keine Beziehung, egal ob gesund oder ungesund, so einfach charakterisiert werden kann. Hinzu kam, dass ich einen schrecklichen Artikel über einen Mann gelesen habe, der ein junges Mädchen missbraucht hat … das alles zusammen wurde zur Grundlage von ›Mr. Lamb‹.


David Lamb steckt in einer Krise: Sein Vater ist gestorben, seine Ehe ist gescheitert, Kinder hat er keine. Wie ein Besessener klammert er sich an dieses 11-jährige Mädchen, das weder besonders klug, noch besonders hübsch oder talentiert ist. Was fasziniert ihn?


B.N.: Was David Lamb fasziniert, ist, denke ich, ihr Blick: die Art, auf die sie ihn in seiner Vorstellung wahrnimmt. In allererster Linie ist er ein Schauspieler, ein Performer (wie alle Lügner und pathologischen Narzissten). In Tommie hat er ein neues Publikum gefunden, das ihn bewundert und zu ihm aufsieht … genau in dem Moment, in dem er wirklich eines braucht.
 

Tommie bleibt eigenartig gesichtslos, die Projektionsfläche für Lamb. Seine Gespräche mit ihr sind ein meisterhaftes Lehrstück über Manipulation und über die Macht von Geschichten. Wie gewalttätig ist Sprache?


B.N.: Wenn diese Frage beim Lesen von ›Mr. Lamb‹ irgendwie auftaucht, gibt mir das ein gutes Gefühl, was das Buch angeht. Sprache ist mächtig, wie wir alle wissen, und hat zudem das Potential, verletzend zu sein. Abfällige Kommentare, ein schmerzhafter Subtext, all die verborgenen Wege, über die sich unsere Egos in Gesprächen oder in den Social Media durchsetzen – all das gehört zum gewalttätigen Ende des Spektrums, denke ich … von der Kunst, zu lügen und zu manipulieren, die David Lamb beherrscht, gar nicht erst zu sprechen. Insofern als die menschliche Kultur samt ihren Effekten ein Gewebe aus Geschichten ist, erschaffen wir die Welt durch unsere Sprache. Wir sollten achtsam sein, was wir sagen und wie wir es sagen, und uns, so weit wie möglich, bewusst sein, warum wir es sagen.


Kindesmissbrauch ist eines der sensibelsten Themen, die man anschneiden kann. Wie sind Sie damit beim Schreiben umgegangen?


B.N.: Ich denke, der Aspekt des Kindesmissbrauchs im Roman ist eine fiktionale Übertreibung, die hoffentlich aufzeigt, wie missbräuchlich auch manche Beziehungen zwischen Erwachsenen sein können. Es gibt zum Beispiel eine Parallele zwischen Tommie und Linnie, und zwischen Linnie und Cathy, Davids Ex-Frau. Aber Letztere bekommen nicht in der Art unsere Aufmerksamkeit, wie wenn es ein Kind ist, das ausgenutzt wird. Und das ist auch richtig so.


Ihr Roman beginnt mit: »Sagen wir, alles hat irgendwo außerhalb von Chicago angefangen, …«. ›Mr. Lamb‹ spielt mit Ungewissheit und konfrontiert auf sehr intelligente Art mit unserem Bedürfnis, Dinge eindeutig  zu bewerten. Haben wir zu viel Angst vor Ambivalenzen?


B.N.: Wenn wir Ambivalenzen definieren als etwas, das in zwei Richtungen gleichzeitig geht, denke ich, sind wir eigentlich ziemlich angetan davon – oder zumindest viele von uns sind es. Ist es nicht das, was so viele von uns wollen (zumindest in Amerika)? Reichtum und ein bequemes Leben, aber dabei geistig lebendig sein, beneidenswert hinsichtlich unseres weltlichen Erfolgs, dabei aber bescheiden, sexy, aber puritanisch unberührt. Pure Unsicherheit hingegen oder Nicht-Wissen, das ist eine andere Sache. Und ja, vielleicht ist das Verwirrende, dass wir eine Beziehung zu Lamb herstellen können, obwohl wir nicht sicher sind, was er ist. Ist er ein guter oder ein schlechter Kerl?  Und was sagt es über uns aus, wenn wir mit ihm sympathisieren? Ich denke, das ist es, warum so viele Menschen ›Mr. Lamb‹ sofort mit ›Lolita‹ assoziieren. Wenn Lamb ein Pädophiler ist, können wir ihn als böse, als anders, kategorisieren. Wenn es hingegen schwierig ist, ihn zu fassen, ihn zu durchschauen, wenn er ein hauptsächlich von narzisstischen Impulsen geleiteter Mann ist, dann müssen wir, bis zu einem gewissen Grad, unserer Ähnlichkeit mit ihm ins Auge sehen.


Wo wir gerade dabei sind: Spielt Nabokovs ›Lolita‹ für ›Mr. Lamb‹ eine besondere Rolle? In welchem Verhältnis stehen die beiden Romane?


B.N.: Sie handeln beide von einem Mann und einem Mädchen.


Mit ihrer kindlichen Unschuld trifft Tommie auf Lamb, der genau das verloren zu haben scheint. Kommt das einfach mit dem Alter? Ist Unschuld ein Vorrecht der Kindheit?


B.N.: Überhaupt nicht. Ich glaube, Unschuld und Naivität unterscheiden sich sehr voneinander – und ich glaube, dass beide, David und Tommie, Momente von Unschuld haben.  Unschuld, in meinen Augen,  ist eine Art, das Leben zu erfahren ohne sich irgendein Urteil darüber zu bilden. Eine Art, dem Phänomen der Welt zu begegnen, als wäre es das erste Mal. Und wenn es nur darum geht, ein Lagerfeuer zu schüren oder Bohnen in der Pfanne zu braten. Ein unschuldiger Geist in diesem Sinn ist für uns alle immer möglich.


Ihr Roman ist auch ein Ausreißerroman, ein Road Novel über die Flucht in die Einfachheit des Landlebens und den Glauben an die heilsame Wirkung der Natur in einer zu komplexen Welt. Ist diese Sehnsucht berechtigt – oder eine Illusion?


B.N.: Für mich ist ›Mr. Lamb‹ ein Western – also fast per Definition Illusion und Täuschung. Der amerikanische Westen wurde von den Amerikanern nie als das wahrgenommen, was er ist – genauer gesagt ist er zu einem Pastiche aus Projektionen, Romantisierungen und der Zerstörung der Landschaft, wie sie einmal war, geworden.  Den Westen, den Lamb sucht, gibt es nicht, und er hat nie existiert.


Lamb und Tommie verfolgen die gemeinsame Phantasie eines möglichen Lebens, eine Geschichte, die Lamb Tommie erzählt. Sie selbst haben Kreatives Schreiben und Literatur studiert. Was geben Ihnen Geschichten – und was geben sie der Welt?


B.N.: Das ist eine sehr komplexe Frage für mich. Es gibt verschiedene Arten von Geschichten, und ich lese sie aus verschiedenen Gründen. Es gibt die einen – wie etwa Volkserzählungen, Märchen und wirklich herausragende zeitgenössische Geschichten und Romane, die mich zu neuer Erkenntnis bringen, die Wachstum und Einsicht von mir verlangen, ganz besonders hinsichtlich meiner Beziehung zu anderen Menschen und wie ich spreche, handle und denke. Und es gibt andere, die sind Fluchtwege – Geschichten, die mich völlig absorbieren, und das ist ihr Zweck: zu unterhalten und/oder abzulenken. Ich denke nicht, dass ich da eine Ausnahme bilde – wenn es für mich gilt, gilt es wahrscheinlich für viele Leser. Wenn die Grenzen zwischen diesen zwei Arten von Geschichten verschwimmen, wird es interessant. Und das ist es, was Tommie passiert: Lamb gibt ihr eine Art von Geschichte (eine ablenkende), aber verkauft sie so, als wäre es eine andere (eine bildende und erhellende).

 

Interview und Übersetzung: Veronika Pfleger / dtv

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