Madeleine Prahs im Interview

Bereits vor Erscheinen wurde der erste Roman von Madeleine Prahs zweimal nominiert: für den Hallertauer Debütpreis und für den Klaus-Michael-Kühne-Preis 2014. Ein Gespräch über Zeit – im Roman, im Leben und beim Schreiben.  
 
Frau Prahs, Sie begleiten in Ihrem Roman ›Nachbarn‹ sechs Menschen durch 17 Jahre. Wie lange hat das Buch Sie begleitet?

Die Figuren haben mich lange begleitet, irgendwann sind sie tatsächlich zu so etwas wie einer kleinen Familie geworden. Schreiben braucht Zeit, das Erlernen des Handwerks braucht Zeit, und heute ich bin nicht traurig darüber, dass der Text und die Figuren diese Zeit hatten zu reifen, sich zu entwickeln.
 
Anne wird erwachsen und bekommt eine Tochter, Marie. Dann gibt es noch Hanna, ihren Exmann Hans und dessen Freund Matthias sowie den alten Fritzsche. Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Nein, ich habe versucht, alle gleich zu behandeln. Wenn beim Lesen der Eindruck entsteht, dass eine Figur bevorzugt werden würde, würde ich das bedauern, aber der Leser vollendet das Buch durch den Akt des Lesens. Ich müsste das dann so hinnehmen.
 
Hanna ist froh, der geistigen Enge der DDR entflohen zu sein, hat aber doch das Bedürfnis, ihre Heimat zu verteidigen, »sich nicht die wenigen Erinnerungen, die weiß waren und farbig, schwarz malen zu lassen von denen, die ihre Geschichte begutachteten wie Restauratoren ein altes, hässliches Möbelstück«. Ist Ihre Arbeit an dem Roman einem ähnlichen Impuls geschuldet?

Natürlich hat jede Geschichte immer auch ein autobiografisches Moment, aber welcher das ist, das lässt sich nicht oder nicht mehr sagen. Ich weiß nur, dass ich als Jugendliche in Bayern oft Freunde beneidete, die ein starkes Band zu dem Ort ihrer Kindheit hatten, so eine Verwurzelung. Vielleicht ist es dieser Bruch in meiner Biografie, das Gefühl der Heimatlosigkeit, vielleicht ist das der Konflikt, aus dem heraus ich schreibe.
 
Sie haben Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in München und St. Petersburg studiert. Gab es hier etwas, das Ihr Schreiben besonders beeinflusst hat?

Ich habe sehr gerne studiert und habe während meines Studiums wunderbare Entdeckungen gemacht – von Büchern über Kunstwerke bis hin zu Filmen. Das hat mich als Person sicherlich geprägt und daher wahrscheinlich auch mein Schreiben.
 
Haben Sie eigentlich über die Jahre hinweg ähnlich intensiv an dem Roman gearbeitet oder geschah das in Phasen?

Nach meinem Studium begann ich als Lektorin und Journalistin zu arbeiten. In der wenigen freien Zeit, die ich hatte, habe ich nicht nur geschrieben, sondern vor allem gelesen, systematisch gelesen. Schreiben ist ja ein Prozess und die Auseinandersetzung mit dem Handwerk war und ist für mich ein wesentlicher Bestandteil. Eine intensive Auseinandersetzung war also immer da, egal in welcher Form.
 
Zum Beispiel auch als Stipendiatin der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin.

Ja, Autorenwerkstätten waren sehr wichtig für mich. Das Schreiben ist ja erstmal recht einsam, und das muss es auch sein. Umso wichtiger ist es, dass man sich mit seinem Text der Kritik stellt. Außerdem ist das oft noch ein geschützter Raum, in dem man die Fragen, die man an den eigenen Text hat, ehrlich mit anderen diskutieren kann. Man muss sich aber auch immer klar darüber sein, dass man einen eigenen Ton hat und dass man ihn in gewisser Weise auch schützt. Was dem einen gefällt, findet der andere stark überarbeitungswürdig ­– hier gilt es einen Mittelweg zu finden und die empfangene Kritik sinnvoll mit dem eigenen Schreiben abzugleichen.
 
Und hat sich Ihre Ursprungsidee über all dem verändert?

Ich beleuchte ja einen langen Zeitraum, von der Wendezeit bis ins Jahr 2006 – das kann man nur schlaglichtartig und elliptisch erzählen. Die Figuren in ›Nachbarn‹ – vom Rentner bis zum kleinen Kind – habe ich mir im Grunde Stück für Stück erschrieben. Das war ein langer, aber auch sehr wichtiger Prozess. Hemingway hat das als »Eisbergmodell« definiert: Von jedem bisschen, das sichtbar ist, liegen sieben Achtel unter Wasser. Alles, von dem man weiß, und das man eliminieren kann, festigt den Eisberg nur. Ich wusste, ich muss diese Leben nicht bis ins kleinste Detail auserzählen, aber ich muss die Figuren kennen, und zwar sehr gut. 
 
Sie haben Ihrem Buch Zeilen von Thomas Brasch und von Billie Holiday vorangestellt. Welchen Bezug haben Sie zu dem Schriftsteller und der Jazzsängerin?

Sowohl das Gedicht von Thomas Brasch als auch das Zitat von Billy Holiday begleiten dieses Manuskript von Anfang an. In beiden Texten ist für mich bereits das enthalten, was auf den folgenden Seiten des Romans erzählt wird, es sind Destillate. Unabhängig davon ist Brasch für mich ein literarisches, Holiday ein musikalisches Lebensmittel.
 
Sie schreiben, dass die Wahrheit nur dann erzählt werden kann, »wenn etwas abgeschlossen ist, wenn die Vergangenheit endgültig zur Erinnerung geworden ist, die Schatten verschwunden sind«. Gilt das auch für Romane?

Hier schließt sich der Kreis zu Ihrer ersten Frage. So wie das Schreiben seine Zeit braucht, braucht auch Literatur Zeit. Sie kann oft erst Jahrzehnte später auf die Ereignisse schauen, dann kann man erst das, was sich ereignet hat, als Geschichte verstehen.

Das Interview führte Tina Rausch

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