Interview mit Christina Berndt

Die psychische Widerstandskraft von Menschen wird schon seit den 1950er-Jahren erforscht. Aber mit dem zunehmenden Druck an vielen Arbeitsplätzen und den steigenden Zahlen von Burn-out und Depressionen bekommt die Resilienz derzeit besonders große Bedeutung. Was hat Sie auf dieses Thema aufmerksam gemacht?
Bei mir war es nicht die Situation im Beruf. Ich kam wegen meiner Kinder mit dem Thema in Berührung. Wie jede Mutter versuche ich dazu beizutragen, dass meine Kinder glückliche Menschen werden, die ihr Leben und sich selbst lieben und die gewappnet sind gegen die Widrigkeiten die es nun einmal auch in jedem Leben gibt. Den Begriff »Resilienz« hörte ich zum ersten Mal, als ich mich mit einer Freundin, die Pädagogik-Professorin in Berlin ist, darüber unterhielt, wie man Kinder stark macht. Von da an hat mich die psychische Widerstandskraft fasziniert.

Oft heißt es, psychische Widerstandskraft sei vor allem auf den Charakter eines Menschen zurückzuführen, sie sei eine individuelle  Fähigkeit.
Tatsächlich haben Resilienzforscher über lange Zeit gedacht, die Menschheit lasse sich in resiliente und weniger resiliente Menschen teilen – und dies habe vor allem etwas mit der Persönlichkeit der Individuen zu tun. Als Bielefelder Wissenschaftler untersuchten, weshalb manche Jugendliche aus sozialen Randschichten trotz ihrer widrigen Familienumstände eine besonders gute Entwicklung nahmen, nannten sie ihre Studie sogar die »Bielefelder Invulnerabilitätsstudie«. Sie dachte, diese Jugendlichen wären invulnerabel, also unverwundbar, weil sie davon ausgingen, dass psychische Stärke eine Persönlichkeitseigenschaft ist, die in allen Lebenslagen gelte und durch nichts zu erschüttern sei. Erst mit der Zeit wurde der Blick auf die psychische Widerstandskraft differenzierter. Kaum ein Forscher hält Resilienz heute noch für ein Persönlichkeitsmerkmal oder eine Charaktereigenschaft.

Sondern, was ist Resilienz dann?
Resilienz ist eher eine Strategie. Wer resilient ist, weiß oder spürt, auf welchem Wege er Herausforderungen bewältigen oder Krisen überstehen kann, ohne dabei zu zerbrechen oder daran zu verzweifeln. Dabei ist Resilienz keine immerwährende und zu jeder Zeit gültige Eigenschaft eines Menschen. Vielmehr gibt es für jeden von uns Situationen, in denen wir stärker sein können, und andere Situationen, in denen wir besonders verletzlich sind. Der eine Mensch kommt vielleicht mit beruflichen Krisen oder Stress ganz gut zurecht, ist aber in Beziehungsfragen sehr empfindlich. Der andere Mensch mag eine Ehescheidung gut verkraften, nicht aber die Diagnose einer schweren Krankheit. Und der dritte kommt über den Verlust der Heimat gut hinweg, verliert dann aber plötzlich nach einem schweren Verkehrsunfall das Vertrauen ins Leben. Wer in einer Situation resilient ist, findet einen Weg aus dem Dilemma. Er weiß sich zu helfen. Deshalb hat Resilienz auch etwas mit Intelligenz, Offenheit für andere Wege als die zunächst geplanten und sozialen Beziehungen zu tun.

Wenn Resilienz vor allem eine Strategie ist – kann man sie dann erlernen?
Ja, das ist das Schöne daran. Zwar ist ein gewisses Maß an psychischer Stärke oder Verletzlichkeit jedem Menschen in die Wiege gelegt. Es wurden sogar schon Gene gefunden, die Menschen anfälliger für Depressionen machen, und andere Gene, die Menschen eher schützen. Aber ein erheblicher Teil der Resilienz entsteht auch aus der Erziehung, der Fürsorge, die ein Mensch schon als kleines Kind erhält, – und aus seiner Lebenserfahrung. Das ist die unangenehme Wahrheit dabei: Man kann nur lernen, mit Krisen umzugehen, wenn man ab und zu eine durchlebt. Es ist also wichtig, sich nicht wegzuducken, sondern Herausforderungen auch mal anzunehmen. Auch unseren Kindern sollten wir diese Chance nicht nehmen. Es ist nicht gut, schon den Kleinsten jede Unbill vom Leib zu halten. Wir sollten ihnen die Chance geben, Streit auszutragen, sich durchsetzen zu müssen, auch mal zu verlieren und unterlegen zu sein. Daran können sie wachsen – und fürs nächste Mal lernen.

Kann man Resilienz auch auf angenehmere Weise trainieren?
Ja, man kann. Nicht nur Krisen können unsere Psyche stärken, sondern auch positive Erlebnisse. Eine der wichtigsten Parameter für Resilienz ist Optimismus. Ein positiver Blick auf die Welt, der Gedanke, dass Veränderungen auch etwas Gutes bedeuten können, selbst wenn sie zunächst negativ erscheinen, macht stark, weil er auch in schwierigen Situationen Perspektiven eröffnet, statt sie zu zerstören. »Wer weiß, wofür’s gut ist?«, sagte meine Oma immer, wenn ich meinte, dass mir etwas Unangenehmes passiert sei. Das ist ein Haltung der Resilienten, genau wie Barack Obamas Schlachtruf »Yes, we can« – der Glaube an sich selbst also; die Überzeugung, seine eigene kleine Welt, das Umfeld verändern zu können und nicht Spielball anderer zu sein. Diese positive Weltsicht kann man trainieren. Man kann täglich seinen Blick schärfen für das, was einem Gutes widerfährt, statt traurig über das zu sein, was nicht so gut lief. Auch sollte man seine eigenen starken, guten Eigenschaften mehr wertschätzen, statt unzufrieden mit den vielleicht nicht so hilfreichen Eigenschaften zu sein. Wer beginnt, das zu trainieren, hat schon viel für seine Resilienz getan.

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