Das Geheimnis eines Lebens. Von Iris Radisch. (DIE ZEIT Nº 49/2014)

Am vergangenen Freitag nachmittag ist Patrick Modiano allein zu Haus in der Rue Bonaparte. Es ist eine klassische Schriftstellerwohnung im Herzen von Paris, unweit des Café de Flore, in dem Sartre, Beauvoir und Camus ihre Tage verbrachten, und nur wenige Schritte vom Jardin du Luxembourg entfernt: hohe Buchregale, alte Platten, Bilder und überall verstreute Bildbände, ein besonders auffälliger mit Fotos aus Berlin. Wir setzten uns nebeneinander auf das große rote Wohnzimmersofa. Der Nobelpreisträger wirkt entspannt, der Preis, den er am 10. Dezember in Stockholm entgegen nehmen wird, scheint ihn nicht zu bedrücken. Tastend und immer wieder lange nach den richtigen Worten suchend (und ungeduldig mit der Zunge schnalzend, wenn sie sich nicht einstellen wollen) antwortet er auf die Fragen der Besucherin so, als würde er über alles, was er sagt, zum ersten Mal nachdenken.

DIE ZEIT: Hat das Viertel hier mit dem Paris, über das sie seit fünfzig Jahren schreiben, noch etwas zu tun?

Patrick Modiano: Überhaupt nichts. Früher verbanden sich mit dem Quartier viele schmerzliche Erinnerungen, denn ich habe hier meine Kindheit verbracht. Heute hat das keine Bedeutung mehr, denn das Viertel hat nichts mehr mit dem zu tun, das es einmal war. Man kann das jungen Leuten schwer erklären. Es ist so, wie wenn man einen Hund oder eine Katze hatte, die gestorben ist und ausgestopft wurde. Die Häuser hier sind noch dieselben, aber sie sind wie ausgestopft. Sie sind Mumien. Es ist alles ausgehöhlt und leblos, als hätte jemand den Stecker aus der Steckdose gezogen.

ZEIT: Sie leben in einer der begehrtesten und teuersten Gegend der Welt – und im Kopf in einer Stadt, die es nicht mehr gibt?

Modiano: Mir kommt es vor, als sei Paris in Cellophanpapier eingewickelt. Alles ist aseptisch. Es stellt sich kein direkter Kontakt mehr her.

ZEIT: Können junge Leute heute nicht mehr so prägende Stadterfahrungen machen, wie Sie sie in Ihrer Jugend gemacht haben?

Modiano: Es gibt ganz neue moderne Viertel im Osten der Stadt, die für einen jungen Autor sehr interessant sein können. Vielleicht kann man hier noch ein Geheimnis finden.

ZEIT: Was war es denn, das Ihre Jugend so geheimnisvoll gemacht hat?

Modiano: Das ist schwer zu erklären. Es gab so viele geheimnisvolle Gegenstände, die Telefone, die Garagen, Dinge auf der Straße. Heute sind die Dinge viel geheimnisloser. Und das liegt nicht nur an meinem Alter.

ZEIT: Da wäre ich mir nicht sicher. Vielleicht fühlen sich Menschen, die ihre wichtigsten Erfahrungen im 20. Jahrhundert gemacht haben, im 21. Jahrhundert einfach als Fremde?

Modiano: Ja, das stimmt, es gibt einen Bruch. Vielleicht ist er nicht ganz so stark wie der von 1914. Aber Sie haben recht, der Graben liegt irgendwo um das Jahr 2000.

ZEIT: Haben Sie Heimweh nach dem 20. Jahrhundert?

Modiano: Das 20. Jahrhundert ist mir schon ein wenig entrückt. Ich sehe es wie durch eine Glasscheibe. Wenn ich heute durch diese modernen Pariser Viertel gehe, habe ich das Gefühl, dass Vergangenheit und Gegenwart sich überlagern und die Zeit still steht. Ich kann das nur schwer erklären. Aber es hat überhaupt nichts mit der Suche nach der verlorenen Zeit zu tun. Die verschiedenen Schichten der Zeit legen sich übereinander und das ganze wird beinahe durchsichtig.

ZEIT: Ein Moment der Ewigkeit?

Modiano:Eine Ewigkeit aus übereinandergelagerten Zeiten. Aber es gelingt mir nicht immer, diese Durchsichtigkeit der Zeit auszudrücken, diese Gleichzeitigkeit, in der alle Zeiten enthalten sind.

ZEIT: Vielleicht kann ein Gedicht das besser?

Modiano: Ja, das sind sehr flüchtige Empfindungen, die ein Gedicht besser einfangen kann. Es ist etwas sehr Eigenartiges, wenn die Zeit plötzlich durchsichtig wird.

ZEIT: Hat Proust nicht etwas Vergleichbares ausdrücken wollen, als seinen Erzähler beim Kekse-Essen die Erinnerung an die verlorene Zeit überfiel?

Modiano: Prousts Suche nach der verlorenen Zeit ist sehr autoritär, er tut so, als könne man die Zeit zurückrufen. Er beschreibt eine statische Gesellschaft des 19. Jahrhunderts mit fest umrissenen Charakteren. Für mich ist das alles viel komplizierter.

ZEIT: Gab es für Sie eine Zeit, die so etwas wie das eigentliche Leben war, so dass alles Spätere nur noch Wiederholungen und Variationen dieser entscheidenden Lebensepoche waren?

Modiano: Ich war als Kind ziemlich viel mir selbst überlassen und ging ständig allein in Paris spazieren. Ich war 8 Jahre alt, als ich die Seine zum ersten Mal allein überquert habe. So etwas prägt sich sehr tief ein, tiefer als alles andere. Später haben sich diese Bilder jedoch in etwas verwandelt, das außerhalb der Zeit liegt, sie wurden zu einer innere Landschaft, in der die Zeit stillsteht.

ZEIT: Als Leser hat man das Gefühl, dass Ihr Werk eine immer neu unternommene Rückkehr zu den ersten Bildern Ihrer Jugend ist.

Modiano: Es geht in meinen Büchern überhaupt nicht um mein eigenes Leben oder darum, mich selbst besser zu verstehen. Ich benutzte nur Empfindungen, die ich gehabt habe, und Stimmungen, in denen ich gelebt habe. In meiner Jugend wurde man zum Beispiel erst mit 21 Jahren volljährig. Bis zu diesem Alter war man irgendwie illegitim und clandestin. Es gab Nachts Polizeikontrollen und man durfte nicht auf der Straße aufgegriffen werden. Zur Zeit des Algerienkrieges gab es eine bedrohliche Stimmung in der Stadt, besonders in der Nacht, es gab Anschläge und eine eigenartige Polizei-Atmosphäre. Das sind Urbilder, auf die ich immer wieder zurückkomme.

ZEIT: Diese Eindrücke haben Sie dann auch auf die Zeit der Okkupation übertragen, die Sie nicht erlebt haben, deren Atmosphäre aber in vielen Ihrer Romane eine wichtige Rolle spielt?

Modiano: Ja, aber später ist diese Stimmung der Okkupation für mich ein allgemeines Lebensgefühl geworden, das sich völlig von der geschichtlichen Wirklichkeit gelöst hat.

ZEIT: Dennoch werden Sie sehr dafür bewundert, dass Sie als einer der ersten französischen Autoren über das verdrängte Kapitel der deutschen Besetzung von Paris geschrieben haben.

Modiano: Ich denke immer, ich wäre ohne die Okkupation nicht geboren worden. Mein Leben verdankt sich Begegnungen, die es nur in so schwierigen Zeiten gibt. Es war ein solches Durcheinander.

ZEIT: Und dieses Grundgefühl, dass das Leben im Kern unverständlich und unerklärlich ist, hat Sie nie wieder verlassen?

Modiano: Wie soll ich das beschreiben? Normalerweise ist es so: Auch wenn man eine unglückliche Kindheit hat, kommt sie einem als Kind ganz normal vor. Erst nachträglich erschien mir meine Kindheit rätselhaft. Mit der Okkupation war es genauso. Ich verstand nicht, was meine Eltern in dieser Zeit gemacht haben. Später fand ich Hefte, Zettel, kleinste Spuren ihres Lebens und versuchte, das Rätsel zu lösen. Man kann sagen, ich fing an zu schreiben, um ein Geheimnis aufzudecken.

ZEIT: Warum haben Sie Ihre Eltern nicht einfach gefragt?

Modiano: Ich konnte sie nicht fragen. Meinen Vater habe ich mit 16 Jahren zum letzten Mal gesehen, obwohl er erst viel später gestorben ist. Aber er hätte mir auch nie geantwortet. Meiner Mutter Fragen zu stellen, war auch schwierig.

ZEIT: Sie war eine flämische Filmschauspielerin und hatte wenig Zeit für Ihre Kinder. Sogar ihr Hund soll sich umgebracht haben, weil er von ihr so vernachlässigt wurde. Sie haben einmal geschrieben, dass Sie sich diesem Hund sehr nahe gefühlt haben.

Modiano: Meine Mutter hat sich um den Hund nicht gekümmert. Der Vergleich mit mir war vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ich wurde wie der Hund ständig bei irgendwelchen Leuten abgegeben und habe nie verstanden, wer diese Leute waren. Einen Hund bringt so etwas völlig durcheinander.

ZEIT: In ihrem autobiographischen Text Ein Stammbaum schreiben Sie ziemlich kalt und nüchtern über Ihre Mutter und Ihre einsame Jugend.

Modiano: Ich wollte das einfach nur festhalten, so wie es war. Das Buch ist keine Autobiographie. Alles Intime habe ich weggelassen. Ich mag Autobiographien nicht. Wenn man über sehr nahe Menschen schreibt, kommt man leicht in eine lächerliche Rolle, man spielt sich auf, man legt sich die Dinge zurecht, man wird süffisant.

ZEIT: Ihr Vater war ein Jude mit italienischen Wurzeln, der sich vor der Deportation retten konnte und sich weigerte, den Judenstern zu tragen.

Modiano: Er ist ein Mensch, der mir unverständlich geblieben ist. Sein Judentum war nichts, das ihn beschäftigt hätte. Er wusste nicht, wer er war. Er war ungreifbar, ein typischer Pariser. Er kannte die ganze Stadt. Er traf ihren Ton.

ZEIT: Über ihren Bruder Rudy haben Sie in Ihren Erinnerungen geschrieben, "abgesehen von meinem Bruder Rudy, seinem Tod, betrifft mich, glaube ich, nichts wirklich von allem, was ich hier erzähle". Sie haben ihrem toten Bruder ihre ersten acht Romane gewidmet.

Modiano: Ja, sein Tod war sehr einschneidend, eine Art Matrix meines Lebens, die in meinem Schreiben immer wiederkehrt. Ich suche ständig nach verschwundenen Menschen, gehe Spuren nach.

ZEIT: Wann war klar, dass Sie Schriftsteller werden?

Modiano: Ich schreibe, seit ich zehn Jahre alt bin. Seit meinem 14. Lebensjahr versuchte ich immer wieder vergeblich in den langen Sommerferien, einen Roman zu schreiben. Dann mit 19 wollte ich Medizin studieren. Aber ich hatte kein naturwissenschaftliches Abitur, das man dazu brauchte. Also habe ich, weil ich ja etwas tun musste, mit 19 meinen ersten richtigen Roman begonnen.

ZEIT: Das war der Roman La Place de l‹étoile , der im April 1968 bei Gallimard veröffentlicht wurde. Da waren Sie 23. Seither haben Sie beinahe Jahr für Jahr einen neuen Roman geschrieben.

Modiano: Das liegt daran, dass ich nach jedem Buch das Gefühl habe, wieder gescheitert zu sein. Dann beginne ich sofort das nächste.

ZEIT: Vielleicht sind all diese Romane in Wahrheit nur ein einziger Roman, der nie aufhört?

Modiano: Manchmal komme ich mir vor wie ein Fotograf, der immer dasselbe aus neuen Blickwinkeln fotografiert. Häufig tauchen auch Szenen aus einem alten Buch in leichten Variationen in einem neuen Buch wieder auf, weil ich vergessen habe, dass ich sie so ähnlich schon geschrieben habe. Die Schriftsteller des 19. Jahrhunderts hatten noch die Energie, ihre Bücher wie massive Kathedralen zu bauen. Mir bleiben nur kleinste Bausteine, Fetzen. Meine Bücher sind so zerrissen wie mein Jahrhundert.

ZEIT: Aber es werden heute wieder sehr stabile, geradezu vulgär-realistische Romane geschrieben?

Modiano: Ja, es gibt so etwas wie einen neuen Realismus, weil die Wirklichkeit einen solchen Druck ausübt. Die jungen Autoren werden von der Realität derartig absorbiert, dass sie keine Kraft für das Imaginäre haben.

ZEIT: Hören Sie eigentlich die Stimme, die Leser Ihrer Romane so süchtig macht, irgendwo in Ihrem Inneren beim Schreiben?

Modiano: Ja, es gibt da eine Art Stimme. Wenn ich schreibe, habe ich das Gefühl, das ist meine wahre Stimme. Das Gefühl ist viel stärker als beim Sprechen. Ja es stimmt, beim Schreiben finde ich meine wahre Stimme.

ZEIT: Ist das Schreiben eine schwere Arbeit?

Modiano: Es muss immer ziemlich direkt sein und ohne allzu viele Adjektive auskommen, sonst wird das ganze zu rhetorisch. Es gibt Autoren, die viele Stunden am Tag schreiben und viele verschiedene Fassungen eines Buches herstellen. Bei mir muss der erste Wurf ziemlich präzise sein, ich schreibe ziemlich schnell, ohne zu zögern, wie ein Chirurg, der am offenen Körper arbeitet. Das halte ich nicht sehr lange durch, allenfalls zwei oder drei Stunden. Es ist auch nicht sehr angenehm. Danach mache ich nur noch kleine microchirurgische Korrekturen.

ZEIT: Sehr wichtig sind auch die vielen Namen der Pariser Straßen und Plätze. Sie wirken wie die einzig verlässlichen Anker in der suggestiven Atmosphäre Ihrer Bücher.

Modiano: Ja, es sind Haltepunkte, Möglichkeiten den Raum zu kontrollieren.

ZEIT: Es heisst, Sie würden Paris so gut wie nie verlassen?

Modiano: Mich ängstigen Reisen. Aber wenn ich an einem neuen Ort bin, kann ich dort sehr lange bleiben. Berlin war für mich sehr interessant. Ich hatte den seltsamen Eindruck, dass die Stadt genauso alt ist wie ich. Ich habe alte Berliner Telefonbücher gefunden, die nach Straßen und Hausnummern geordnet waren. Das waren alles Häuser, die es nicht mehr gibt.

ZEIT: Wenn Sie jetzt, mit beinahe 70 Jahren, auf Ihr Leben zurückblicken, was würden Sie anders machen?

Modiano: Vielleicht würde ich den Anfang meines Lebens zwischen 15 und 25 gerne ändern, diese Zeit, in der man noch nicht richtig leben konnte. Aber gleichzeitig ist das idiotisch, weil auch das ungelebte Leben zu irgendetwas nutze ist. Man steht abseits und kann beobachten.

ZEIT: Beurteilt man im Alter sein Leben neu?

Modiano: Im Alter verlängern sich die Perspektiven. Man ist so vielen Menschen begegnet, oft ohne zu wissen, wer sie sind. Es gibt sehr verwirrende Dinge, Menschen, die eine wichtige Rolle für einen spielen und die man früher schon einmal getroffen hat, ohne es zu merken. Ich sehe Silhouetten auf der Straße, die mich an Menschen erinnern, die ich vor 50 Jahren gekannt habe. Ich laufe durch Straßen und erinnere mich daran, wie sie vor 40, 50 Jahren ausgesehen haben. Aber man sieht immer nur Auschnitte. Ein ganzes Leben ist etwas sehr seltsames. Es wäre faszinierend, am Ende einmal das Ganze auf einmal zu sehen.

ZEIT: Halten Sie es für möglich, am Lebensende eine Art Universalroman zu schreiben, in dem all das aufgehoben ist?

Modiano: Das absolute Buch war eine Idee des 19. Jahrhunderts. Ich glaube, es ist viel interessanter, wenn man nur Scherben und Fetzen in den Händen hält. Das lässt einem die Freiheit zu träumen. Das Absolute hat immer etwas Gewaltsames.

ZEIT: Und Träume sollten besser nicht in Erfüllung gehen?

Modiano: Nein, das Leben führt doch auch nirgendwo hin, alles muss offen bleiben. Alles muss weitergehen.

ZEIT: Am 10. Dezember wird Ihnen der Schwedische König in Stockholm den Nobelpreis überreichen. Es gibt viele Laureaten, die danach kaum noch etwas geschrieben haben.

Modiano: Wer hat das gesagt, dass der Nobelpreis der Todeskuss für den Schriftsteller ist?

ZEIT: Das war John Steinbeck.

Modiano: Ich verstehe das nicht, warum sollte man nicht weiter schreiben? Es bleibt doch die Unzufriedenheit, die einen antreibt.

ZEIT: Haben Sie nicht manchmal Lust, den Laden zu schließen und zu sagen, das war es jetzt?

Modiano: Schon, aber das Schreiben ist eine Droge, die ich brauche, um nicht unterzugehen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014. Den Online-Artikel der ZEIT können Sie hier nachlesen. Abbildung mit freundlicher Genehmigung der ZEIT.

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