Ihr Roman ›Torstraße 1‹ von 2012 spielt im Herzen Berlins und Sie selbst leben auch dort. Was hat Sie in ›Wintergäste‹ auf eine windige Insel in der Nordsee geführt?
Daran ist eine Art frühkindlicher Prägung schuld. Es gibt doch die berühmten Lorenz'schen Gänschen, die verliebt den Gummistiefeln des Naturforschers folgten, weil diese das Erste waren, worauf ihr Blick aus der Eierschale fiel. Meine »Gummistiefel« waren Sommertage auf Nordseeinseln und der erste Anblick von endlosem Wasser und Sand.

Wintergäste‹ haben Sie u. a. auf Sylt geschrieben. Hatten Sie ein reales Vorbild für die Insel oder das Inselhaus?
Auf Sylt hatte ich ein Schreibstipendium, aber meine Romaninsel ist eine fiktive Mischung aus realen Nordseeinseln. Sie heißt einfach »die Insel« und jede/r kann sich beim Lesen eine eigene ausmalen. Auch »Haus Tide« ist erfunden, jedoch ein traditionelles Inselfriesenhaus, etwa mit der Ständerkonstruktion, die das Dachgeschoss bei einer Sturmflut aufrechthält. Alkoven, Bilegger usw. habe ich in Büchern und erhaltenen alten Inselhäusern gesehen.

Herausgekommen ist dabei ein über 400 Seiten langer Roman. Wie lange haben Sie daran gearbeitet?
Insgesamt habe ich über drei Jahre an ›Wintergäste‹ geschrieben. Die Idee zur Geschichte wurde noch ein Jahr früher geboren und tatsächlich – ich hatte das bislang für einen Mythos gehalten – im Schlaf. Ich wachte auf, schrieb die erste Seite und wusste, das wird mein nächster Roman. Im Anschluss wurde ein Jahr bebrütet. Geschrieben hat er sich dann aber leider nicht im Schlaf.

In ›Wintergäste‹ treffen sich drei Generationen zwischen den Jahren in einem Haus auf einer Nordseeinsel und werden durch Schnee und Eis von der Außenwelt abgeschnitten. Die Szenerie hat fast etwas Kammerspielartiges – wie sind Sie darauf gekommen?
Ich liebe solche Kammerspiele wegen ihrer Konzentration. Man braucht interessante Figuren (Zutaten), eine attraktive Szenerie (Kochtopf), Deckel drauf und brodeln lassen. Nicht ohne Grund ist das Eingeschlossensein im Haus, im Eis, auf der Insel eine immer aufs Neue faszinierende Versuchsanordnung: Was bringt sie in den Einzelnen zum Vorschein an Gutem und Bösem? Was steckt unter ihrer Schale im Kern der Menschen? Wie reagieren sie miteinander?

Im Zentrum steht darin eine Großfamilie mit allen ihren Geheimnissen, Konflikten und Sehnsüchten. Wie sind Sie selbst aufgewachsen - auch in einer Großfamilie?
Im Gegenteil, meine Familie ist ausgesprochen übersichtlich. Meine Frau stammt jedoch aus einer großen Familie, daher habe ich eine gewisse Vorstellung von der Dynamik des Großfamilienlebens. Aber wie schon in meinen vorherigen Romanen sind die Figuren allesamt erfunden – das ist ja der Hauptspaß am Schreiben, wie ich finde.

Wintergäste‹ kann man im Sommer wie auch im Winter lesen. Schnee und Eis sind so lebendig beschrieben, dass man die Kälte selbst beim Lesen im Sommer regelrecht spüren kann! In welchen Jahreszeiten haben Sie das Buch geschrieben?
Zu allen Zeiten, auch im Juli bei 30 Grad im Zimmer. Das ist das Wunderbare am Schreiben und Lesen, das man sich alles Mögliche vorstellen kann. Es kommt z. B. auch Valparaíso in Chile vor, in diese Stadt habe ich mich verliebt, während ich mit Boy Boysen durch ihre Gassen streifte. Es fühlt sich seitdem an, als wäre ich dort gewesen. Spart eine Menge Geld, wenn man es recht überlegt ...

Im Buch kommen viele Lieder vor und am Ende des Buches gibt es eine Playlist. Welche Rolle spielt Musik für Sie beim Schreiben?
Obwohl ich gar nicht soo viel Musik höre, erklingen immer wieder Songs beim Schreiben. Es kann ein passender Text sein, ein Sound, der auf einer anderen Ebene die Stimmung einer bestimmten Szene einfängt, zu einer Figur passt.

Wie wird es weitergehen mit Familie Boysen und dem Inselhaus?
Wie Sie sagten, ›Wintergäste‹ ist 400 Seiten lang geworden, viel länger als geplant. Aber die Boysens wollten einfach noch keine Ruhe geben. Ich musste versprechen, einen weiteren Roman mit ihnen zu schreiben. Manche werden Haus Tide verlassen, andere zurückkehren oder neu dazukommen. Diesmal werden sie ein paar Sommertage lang Zeit haben, sich aufs Neue in allerlei Verwicklungen, Konflikte und Geheimnisse zu stürzen und das Inselhaus mit Leben zu erfüllen.




 

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