Interview

Frau Volks, in Ihrem Nachwort zum Roman erwähnen Sie einen Artikel in der Berliner Zeitung über das Gebäude in der Torstraße 1. In dem Text hieß es: »Wenn Häuser Geschichten erzählen könnten, hätte dieses Gebäude den Stoff für einen ganzen Roman.« Was an diesem Stoff und an diesem Haus hat Sie so sehr fasziniert, dass Sie beschlossen, selbst diesen Roman zu schreiben?

Mich hat fasziniert, dass durch ein ganzes turbulentes Jahrhundert hindurch dieses Haus stets Zeittypisches verkörpert hat: vom Kaufhaus jüdischer Inhaber über die Hitlerjugend und die Zentrale der SED bis zu Leerstand und Neueröffnung als exklusiver Privat-Club für die internationale Medien-Society von heute. Und mit dem Wunsch, dieses bemerkenswerte Haus für viele lebendig werden zu lassen, wurden Elsa und Bernhard geboren und die Geschichte nahm ihren Lauf.

Eine Geschichte, die so viele Jahrzehnte umspannt und so eng mit der Geschichte Deutschlands und Berlins verwoben ist, lässt sich nicht im luftleeren Raum erzählen. Auch die eigene unmittelbare Lebenserfahrung kann nicht ausreichen, zumal ja die Geschichten sowohl in Ost- als auch in Westberlin spielen. Man braucht enorm viel historisches Wissen, selbst wenn es sich um Details handelt, die nur im Hintergrund eine Rolle spielen – der Kohleersatz Branda beispielsweise, dessen Geruch zur Zeit der Berliner Luftbrücke in Vicky und Elsas Wohnung vorherrscht. Wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?

Mit der eigenen Lebenserfahrung wäre ich hier nicht weit gekommen ;-) Aber Geschichte, nicht zuletzt Stadtgeschichte, finde ich total spannend. Und wie die große Geschichte die vielen kleinen Leben beeinflusst – und umgekehrt –, ist eine zentrale Frage des Romans. Ich habe in jedem Kapitel versucht, für das jeweilige Jahrzehnt eine typische Stimmung einzufangen, Motive, Musik, Gerüche, Bilder.
Und da Sie das Kapitel 1949 ansprechen: Jeder kennt die Luftbrücke, die Rosinenbomber, und die kommen auch vor. Aber lebendig wird die Zeit erst, wenn Vicky und Elsie in der nach Branda riechenden Küche Lebensmittelkarten mit Rasierklingen fälschen oder nachts um zwei Uhr aufstehen und bügeln, sobald ihr Viertel seine Stromration bekommt. Solche Details habe ich in Zeitzeugenberichten gefunden. Die Berliner Zentral- und Landesbibliothek mit ihren Archiven ist eine Fundgrube, aber auch das Internet. Für die Szene in der Femina-Bar habe ich Billy Wilders Film »A Foreign Affair« von 1948 angeschaut, da war die Bar originalgetreu nachgebaut. Für die in der DDR spielenden Kapitel konnte ich unter anderem Freundinnen befragen, die sowohl innerhalb als auch am Rande des Systems Erfahrungen gesammelt haben. Um das Soho House von heute lebendig werden zu lassen, habe ich es zweimal besichtigt, zuerst vor dem kompletten Innenumbau und dann kurz vor der Wiedereröffnung 2010.
Vor dem Umbau waren viele Räume verwüstet, Kabel hingen von der Decke, der Holzboden schlug Wellen. Andere Räume dagegen sahen aus, als wären sie vor Kurzem erst verlassen worden. Im ehemaligen Politbüro standen Einbauschränke offen, vergilbte Papiere lagen über den Fußboden verteilt, einschließlich des Passierscheins, den ich im Roman Elsa als Eintrittskarte in die Hand gebe. Und so puzzelt sich durch all diese Teilchen ein Hintergrund zusammen, eine Bühne, auf der die Figuren loslegen können.

Die Elemente dieser Bühne lassen sich recherchieren. Aber wie findet oder erfindet man die Menschen, die den Roman bevölkern, – von zeittypischen Figuren wie der alten Jüdin Chaja aus der »Mulackei«, die auf die kleine Elsa aufpasst, bis hin zu den tragenden Charakteren?

Ich denke mir die Figuren weitgehend aus. Meine Familie und Freund/innen lasse ich lieber raus, ich will ja weiterhin mit ihnen befreundet bleiben. Außerdem macht das Erfinden mehr Spaß, das ist auch für mich selbst neu und manchmal überraschend, was die Figuren dann so treiben. Chaja, eine Nebenfigur, ist eine der vielen meist armen »Ostjuden«, die damals im Scheunenviertel lebten, und somit ein Kontrast zur wohlhabenden jüdischen Kaufhausbesitzerfamilie Grünberg. Doch über das Zeittypische hinaus ist sie auch eine alte Frau, die krank in ihrer Souterrainwohnung liegt und die Schuhe der Passanten beobachtet, die an ihrem Fenster vorübergehen. Die Hauptfiguren Elsa und Bernhard, Vicky und Wilhelm haben vorab eine »Biographie« bekommen, Partner, Kinder, Berufe, Eigenheiten, Stationen ihres Lebens, wann sie sich begegnen, trennen und wiederbegegnen. Aber auch sie haben sich im Laufe ihres Romanlebens weiterentwickelt und sind immer mal wieder vom »vorgeschriebenen« Pfad abgewichen. Zum Beispiel als Vicky 1970 mit über 60 Jahren in die USA fliegt, um ihre große Liebe Harry Grünberg wiederzufinden, oder Bernhard zu Wendezeiten anfängt, die Wohnzimmerschrankwand samt seiner bis dahin glücklichen Beziehung zu zertrümmern.

Was brauchen Sie – neben diesem Hintergrundwissen über die Zeit, die Welt und die Figuren, die Sie beschreiben –, um arbeiten zu können?

Zum Schreiben brauche ich den größten anzunehmenden Luxus: Zeit und Ruhe. Viel mehr nicht. Natürlich muss und möchte man als schreibender Mensch auch rausgehen, um etwas von der Welt und den Mitmenschen mitzubekommen. Aber das Schreiben selbst geht für mich am besten zu Hause am PC. Äußerst langweilig, von außen betrachtet. Im Kopf aber immer wieder ein großes Abenteuer.

Welches von den acht Jahrzehnten, in denen der Roman spielt, war für Sie die größte schriftstellerische Herausforderung?

Die größte Herausforderung waren für mich die Dreißiger Jahre. Die sind sehr weit weg, gefühlt auch viel weiter weg als die Zeit davor, die Zwanziger, die der heutigen Zeit in vielem näher stehen. Über die Nazizeit ist schon so viel geschrieben worden und gleichzeitig ist sie noch immer ein Minenfeld, in dem man sich ungern bewegt. Aber auch hier waren es vor allem die nicht allgemein bekannten Vorkommnisse, die ich spannend fand. Zum Beispiel die hasserfüllte Propaganda gegen die »jüdisch-kapitalistischen Warenhäuser« und der perfide Prozess der »kalten« Enteignung, der auch das Kaufhaus Jonass trifft.

Und in welches Jahrzehnt würden Sie am liebsten für einen Tag eintauchen?

Spontan und von Herzen wären es die Zwanziger. Das ist sicher auch so eine Sehnsucht nach einem Deutschland und Berlin vor der Katastrophe. Vor dem Morden, der Vertreibung, der Zerstörung von Menschenleben, Kultur und Stadtbild. Aber wenn ich noch mal überlege und es wirklich nur für einen Tag wäre, würde ich die Dreißiger wählen. Gerade weil sie gefühlt am weitesten weg sind. Um es ein kleines bisschen besser zu verstehen.

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