Interview mit Alexandra Burt

In ›Remember Mia‹ geschieht der Alptraum jeder Mutter: ein Baby verschwindet spurlos und die Mutter wird zur Hauptverdächtigen. Sie sind selbst Mutter – wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Das Verschwinden des eigenen Kindes ist das Schlimmste, was Eltern passieren kann. Meine Kindheit in Deutschland war sehr idyllisch. Wir tollten draußen herum, ohne dass sich jemand groß Gedanken darüber gemacht hätte. Unsere Eltern gaben uns viele Freiheiten, die Natur um uns herum zu erforschen, solange wir bei Einbruch der Dunkelheit zu Hause waren.
Leider gehört zu meinen Kindheitserinnerungen auch das Verschwinden zweier Kinder. Ich habe nur lückenhafte Erinnerungen an den ersten Fall. In der Grundschule sprachen meine Freunde und ich sehr viel davon. Wir  spielten Detektiv, zogen durch die Stadt und schrieben die Nummernschilder von parkenden Autos auf, als ob wir so das Verbrechen aufklären könnten. Wir konnten uns eine solche Gräueltat in der Realität gar nicht vorstellen und gingen damit um, so gut wir konnten. Ich erinnere mich auch an weinende Erwachsene und dass wir nicht zur Beerdigung gehen durften.

Im zweiten Fall ist ein kleines Mädchen in der Nachbarschaft einer Freundin von mir verschwunden. Ich war damals Teenager und oft bei meiner Freundin zu Hause. Die Polizei ging dort von Haus zu Haus und befragte jeden. Nur Stunden später wurde die Leiche des Mädchens ganz in der Nähe gefunden. Jeder war verdächtig und dieses schreckliche Verbrechen warf noch Jahre später dunkle Schatten auf die Stadt. Der Fall ist immer noch unaufgeklärt. Für die Polizei war es eines der grausamsten Verbrechen, mit denen sie es je zu tun hatte. Der Vater des Mädchens musste sich in Behandlung begeben und starb vor ein paar Jahren in einer psychiatrischen Klinik, und die Mutter zog weg.

Ich habe die Kinder und ihre Familien nie vergessen. Manchmal denke ich, sie sind der Grund, dass ich Krimis schreibe. Der Tod dieser Kinder war furchtbar. In „Remember Mia“ stellte ich mir eine Mutter vor, deren Baby verschwindet, und dann habe ich diese Tragödie weitergesponnen: Was, wenn die Mutter sich nicht daran erinnern kann, was passiert ist? Was, wenn die Polizei denkt, sie hätte ihrem Kind etwas angetan? Was, wenn jeder denkt, sie sei die Täterin, und niemand glaubt ihr?

Sie wurden in Deutschland geboren und leben seit Ihrem Uniabschluss in den USA. In welcher Sprache denken oder schreiben Sie?

Kurz gesagt denke ich in keiner bestimmten Sprache und schreibe auf Englisch. Ich bin inzwischen zu weit weg von meiner Muttersprache, um meine Gedanken auf Deutsch aufzuschreiben. Ich lese aber immer noch Romane auf Deutsch, und es fühlt sich an, als würde ich auf Englisch lesen – als ob mein Gehirn zwischen den zwei Sprachen gar nicht unterscheidet. Ab und zu passieren aber merkwürdige Dreher: Ich zähle auf Englisch bis zwölf und wechsle dann plötzlich ins Deutsche, jedes Mal. Keine Ahnung, was das wohl zu bedeuten hat!

›Remember Mia‹ ist so spannend, dass man es am liebsten in einem Zug durchlesen möchte. Wie lange haben Sie daran gearbeitet? Stand für Sie die Auflösung von Beginn an fest oder hat sich die Geschichte beim Schreiben entwickelt?

An ›Remember Mia‹ habe ich vier Jahre lang geschrieben, es gab viele Überarbeitungen. Wie bei jeder Geschichte wollte ich flexibel bleiben, was das Ende angeht. Manchmal erfordern Figuren einen anderen Ausgang der Geschichte als den, den ich ursprünglich im Kopf hatte. Eine Geschichte ist wie ein lebendiger Organismus und es ist gut, wenn sie sich eigenständig entwickeln kann. Am Ende fühlt sie sich richtig an oder nicht.

Grundsätzlich gehe ich beim Schreiben so vor, dass ich zuerst die Idee mit vielen Farben, Pfeilen und Zahlen auf einer Tafel skizziere und aufzeichne. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Es gibt aber auch viele lose Notizzettel auf meinem Schreibtisch und eine Datei mit zufällig mitgehörten Gesprächsfetzen von Unterhaltungen beim Einkaufen oder beim Sport auf meinem Telefon. Ich denke mehr in Szenen und Atmosphäre als in Wörtern und Handlungssträngen. Ich kämpfe nicht dagegen an, sondern lasse die Ideen wachsen. So sehr ich auch versuche, sie zu organisieren und zu ordnen, letztlich entwickelt eine Geschichte meist ein Eigenleben.

Sie beschreiben in Ihrem Roman New York sehr authentisch. Haben Sie selbst einmal dort gelebt?

Ich habe nie in New York gelebt, habe mich aber von dieser Stadt immer angezogen gefühlt und wollte immer dort leben. Während ich an dem Roman schrieb, war ich eine Woche lang dort, um zu recherchieren und ein Gefühl für die Stadt zu bekommen. Es ging mir gar nicht so sehr darum, bestimmte Orte richtig zu beschreiben, sondern ich wollte dort sein und die New Yorker Luft atmen. Leider kann man als Schriftstellerin nicht immer an jeden Ort fahren, über man schreibt, und brütet oft lange über Karten und Fotos – und letztlich ist am Ende alles fiktiv. Dennoch, mir war es wichtig, dass der Schauplatz von ›Remember Mia‹ so authentisch wie möglich ist, und ich war froh um diese Recherchereise.

Was an Estelles Geschichte hat Sie gereizt, einen Roman daraus zu machen?

Estelles Geschichte arbeitete schon mehrere Jahre in mir, bevor ich überhaupt anfing, an dem Roman zu schreiben. Nachdem meine Tochter geboren wurde, arbeitete ich als freie Übersetzerin. Aber mein Traum, literarische Übersetzungen zu machen, ließ sich nicht verwirklichen, und ich beschloss, selbst zu schreiben. Ich besuchte Schreibseminare und konzentrierte mich zunächst auf Kurzgeschichten. Dann schrieb ich mich für ein Seminar über das Romaneschreiben ein und gleich am ersten Tag sollte ich eine Schreibprobe von 25 Seiten einreichen. Natürlich hatte ich nicht ein einziges Wort geschrieben. Später, mitten in der Nacht, tauchte ein Satz in meinem Kopf auf: »Erzählen Sie mir von Ihrer Tochter.« Ich stellte mir eine Frau vor, die an einer postnatalen Depression leidet und von ihrem Psychiater dazu gebracht wird, das Rätsel um das Verschwinden ihrer Tochter zu lösen.

Ich habe auch einen persönlichen Bezug zu Estelles Geschichte. Meine Mutterschaft begann ebenfalls eher holprig. Ich litt neun Monate lang an Schwangerschaftsübelkeit und es gab lebensgefährliche Komplikationen  nach der Geburt. Ich bin danach einfach nicht wieder auf die Beine gekommen. Mir kam gar nicht die Idee, dass dies etwas anderes als ein persönliches Versagen sein könnte. Wenn man erst einmal in so einer Stimmung ist, ist es unglaublich schwer, da wieder rauszukommen. Ich brauchte ein Jahr, bis ich mich wieder einigermaßen »normal« fühlte.

In ›Remember Mia‹ spielt auch ›Alice im Wunderland‹ von Lewis Carroll eine Rolle. Inwiefern?

Die Zitate aus ›Alice im Wunderland‹ spiegeln Estelles Emotionen genau wider, und das Kaninchenloch ist eine sehr gute Metapher für das, was ihr zustößt: tief hinunterzufallen und in einer verzerrten Welt zu landen, in der man sich nicht mehr zurechtfindet. Genau das ist die Gefühlslage von Estelle und letztlich auch der anderen Romanfiguren: ihres Ehemanns, ihres Psychiaters und sogar der Journalisten.

Über die Zitate und Referenzen hinaus gibt es weitere Parallelen zu  ›Alice im Wunderland‹, die völlig unbeabsichtigt waren: Es gibt einen Tränensee (man braucht sich nur vorzustellen, nicht zu wissen, wo das eigene Kind ist). Alice dreht sich im Kreis (Estelles Versuche, sich zu erinnern). Alice weiß nicht mehr, wer sie ist und hat den Wortlaut eines Gedichts vergessen (Amnesie), Alice wird auf einer Teegesellschaft mit Rätseln regelrecht bombardiert, bis sie nicht mehr mitmachen will (Therapie) und Alice streitet mit dem Herzkönig und der Herzkönigin über die Spielregeln der Gerichtsverhandlung und weigert sich, still zu sein (Estelle will weiter nach der Wahrheit suchen).

Es ist leicht unheimlich, aber manchmal passieren eben merkwürdige Dinge, oder?

Welche Frage wollten Sie schon immer mal beantworten, die man Ihnen noch nie gestellt hat?

Das wäre eine Frage, die ich selbst jedem Schriftsteller stelle, um meine eigene Neugier zu stillen: Gab es, im Nachhinein gesehen, frühe Anzeichen dafür, dass Sie später Schriftsteller werden würden?
Und meine Antwort lautet: Jeden Tag finde ich neue Anzeichen dafür, dass es mir bestimmt war, Autorin zu werden. Ich begann erst vor ein paar Jahren zu schreiben, und dennoch wies auch früher schon so viel darauf hin: meine Leselust, meine Faszination für Verbrechen, dass ich immer zu viele Fragen stellte (»Sei nicht so neugierig«), dass ich gerne Menschen beobachtete (»Jetzt hör endlich auf, die Leute anzustarren«), dass ich Details sah, die sonst niemand sah. Es gibt eine Welt, die über das, was Menschen von sich preisgeben möchten, hinausgeht. Es ist genau diese Welt, die mich fesselt.

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