»Im tiefsten Innern meiner Seele bin und bleibe ich analog«

1.    In Ihrem Buch ›Westermann und Fräulein Gabriele‹ geht es wieder um einen Topmanager mit ganz speziellen Vorlieben – zu seiner Schwäche für Friedhöfe kommt die Liebe zur Schreibmaschine. Wie sind Sie darauf gekommen?

Ich kann natürlich jetzt sagen, dass ich jahrelang als Sekretärin gearbeitet habe, dass ich selber noch auf einer alten IBM Kugelkopfmaschine Schreibmaschine tippen gelernt habe, mit 380 Anschlägen pro Minute; das war nicht wenig auf diesen Apparaten. Die Schreibmaschine ist also Teil meiner eigenen Geschichte und Synonym für die Frauen des Sekretariats, die sich durch den reinen Vorgang des Schreibens definieren – vielleicht hat mich das ein Stück weit auch grundsätzlich zum Schreiben gebracht, und ich bin jetzt nur noch eine Ebene tiefer gegangen.
Ich habe immer gesagt, dass ich gern einmal einen Roman über dieses eigentümliche Instrument der Verschriftlichung schreiben würde. Hauptsächlich geht es mir darum, die digitale mit der analogen Welt zu konfrontieren. Die Maschine ist nur eine Metapher für die analoge Welt, aber eine sehr treffende, wie ich finde. Der Friedhof dient zur Charakterisierung des Protagonisten, der ein bisschen durchgeknallt ist. Doch er steht auch für das neben der Geburt analogste Ereignis...


2.    In dem ersten Schreibmaschinenroman überhaupt taucht IT-Vorstand Westermann, ein Mann des Digitalen, in die analoge Welt ein, während seine 80-jährige Mutter online geht. Eine recht ungewöhnliche Entwicklung, oder?

Mein schreibmaschinenschreibender IT-Guru ist lediglich ein denkender, nicht ganz uninspirierter Mensch, der zu dem Schluss kommt, dass das, was er einmal als Instrument der absoluten Freiheit gesehen hat, nämlich das Internet und die digitalen Medien, mittlerweile aufs Effektivste für das exakte Gegenteil benutzt wird. Niemand weiß so gut wie er, dass wirklich alles möglich ist und dass die abschreckenste Waffe gegen den Überwachungs- und Datenhandels-Wahn eben auch das exakte Gegenteil sein könnte: nämlich die Schreibmaschine. Das Nicht-Produzieren von Daten. So wahnwitzig ist das ja auch nicht, wenn wir an den russischen Geheimdienst oder den NSA-Untersuchungsausschuss denken, wo angeblich schon wieder auf Schreibmaschine geschrieben wird. Mein Westermann im Buch ist reif für was »Neues«. Er ist durch die Hierarchien hochgeschleppt worden wie ein Segelflieger, und jetzt stellt er sich die Sinnfrage und klinkt sich aus, findet sich neu. Und eine online-gehende Seniorin als Mutter dürfte er mit Tausenden, wenn nicht gar Millionen anderer Menschen gemein haben. Die digitalen Medien sind eben auch ein probates Mittel der Kommunikation, des Kontakts nach draußen. Im arabischen Frühling wie im Seniorenheim. Es ist dies Spannungsverhältnis zwischen Fortschritt und Chance auf der einen und Rückschritt und Gefahr auf der anderen Seite, das mich antreibt. Und so ganz nebenbei lassen sich so wunderbar Mutter-/Sohn-Konflikte heraus arbeiten... Beide kommen erst sehr spät bei sich selbst an und begreifen, wie einzigartig sie sind.

 
3.    ›Westermann und Fräulein Gabriele‹ ist eine Liebeserklärung an die analoge Welt. Wie geht es Ihnen persönlich mit der Digitalisierung?

Ich bin ein »digital immigrant«. Für mich ist sie Segen und Fluch zugleich. Soeben bin ich von einem Mobilfunkanbieter zum nächsten »portiert worden«, und es war schlicht unmöglich, in den Momenten der größten Verzweiflung außerhalb der Online-Welt einen veritablen Menschen ans Telefon zu kriegen. Natürlich nutze ich die digitalen Medien, aber wenn ich sehe, was da alles im Internet steht über mich, überkommt mich mitunter schon eine multiple Persönlichkeitsstörung. Es kann sein, dass Sie Frauen in Federboas sehen, wenn Sie nach Bildern von mir googeln. Auf irgendeiner Veranstaltung muss eines meiner Bücher Thema gewesen sein. Und eben auch Federboas. Und zack, schnappt er zu, der Algorithmus. Verrückt. Und in öffentlichen Verkehrsmitteln komme ich mir vor wie ein Höhlenmensch, nur weil ich gerade kein Smartphone in der Hand halte, aufs Display starre und Nachrichten checke oder selbst eine von 204 Millionen Mails verschicke, die jede Minute um den Erdball gedonnert werden. Mensch und Device verschmelzen miteinander, und das macht mich skeptisch. Andererseits freue ich mich wie ein Kind, wenn gute Freunde per adhoc-Mail oder SMS ihre Gedanken mit mir teilen, und ich doch weiß, dass ich nicht gleich antworten muss. Sie merken, es pochen zwei Herzen in meiner Brust, aber im tiefsten Innern meiner Seele bin und bleibe ich analog. Verdammt analog.

 

4.    Wie entstehen Ihre Romane – ist ›Westermann und Fräulein Gabriele‹ ebenfalls auf einer Schreibmaschine entstanden?

Ein paar Seiten davon. Es ging mir darum, nochmals zu erfühlen, wie es ist, ohne schnelle Korrektur- oder Formatierungsmöglichkeit Text zu produzieren, bis es klingelt. Das Tippen auf einer Schreibmaschine ist ja ein ziemlich körperliches Erlebnis, und man überlegt sich vorher noch sehr viel genauer, was man als nächstes schreiben möchte. Einmal auf dem Papier, lässt sich nichts mehr zurücknehmen. Außer man zerknüllt es und beginnt neu. Worte bekommen da im wahrsten Sinne des Wortes mehr Gewicht. Ansonsten profitiere ich als Autorin natürlich von all den kleinen Serviceleistungen, die die digitale Textverarbeitung und das Mailsystem heute bieten. Da geht es aber nur um den zweiten Schritt – um die Ausarbeitung und die Kommunikation rund um den Text. Der allererste Schritt dagegen, nämlich die Gedanken überhaupt aufs Papier zu bringen, der kreativste Teil eines Buches also, erfolgt bei mir immer noch per Hand. Ich denke länger und anders, wenn meine Hand Buchstaben malt. Würde ich alles tippen, kämen meine Gedanken nicht mehr hinterher. Das ist sogar neurobiologisch bewiesen: Wenn ich nur über die PC-Tastatur streiche, erhält mein Gehirn kein Feedback mehr durch längere, motorische Bewegungen, wie z. B. beim Schreiben per Hand. Oder beim Schreiben per mechanischer Schreibmaschine. Doch solange wir außerhalb von Display und Autokorrektur noch wissen, wie man Buchstaben malt, ist noch nichts verloren....

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