Katharina Münk im Gespräch ...

Sie haben lange als Chefsekretärin gearbeitet, bis Sie mit Ihren Büchern erfolgreich wurden. Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?

Das eine schließt das andere nicht aus, würde ich sagen.... Im Ernst, irgendwann war das Bedürfnis so stark, mir Klarheit zu verschaffen über das, was ich erlebt hatte, über die Zusammenhänge und über die Bedeutung des Erlebten, dass ich einfach begann, darüber zu schreiben. Und während ich es tat, blickte ich auf die Dinge plötzlich mit Abstand, wechselte Perspektiven, suchte nach Erklärungen. Das ist bis heute so geblieben, auch wenn ich mittlerweile lieber Romane als Sachbücher schreibe.

Glänzende Geschäfte‹ ist der Folgeband ihres Bestsellers ›Die Insassen‹. Topmanager Dr. Löhring und Co., die im ersten Band als Insassen ihre psychiatrische Anstalt an die Börse brachten, machen in Ihrem neuen Roman zwielichtige Geschäfte, die auf realen Begebenheiten basieren. Inwiefern?

Es geht um die Insolvenz der Arcandor AG, vormals Karstadt Quelle AG. Ich habe mich gefragt, wie genau es so weit kommen konnte, warum eine Milliarden-Erbin plötzlich behauptet, ihr bleibe noch nicht einmal mehr ein eigenes Kopfkissen, warum ein ehemaliger Maurerpolier als Vermögensberater gemeinsame Sache mit einer der traditionsreichsten Privatbanken Deutschlands machen konnte und diese zusammen mit deren Gesellschaftern in den Ruin treiben konnte. Das erscheint, wenn man sich näher damit beschäftigt und Details hinterfragt, eigentlich unglaublich, wie ein Romanstoff, ein Wirtschafts-Thriller, ein Gleichnis über Macht und Ohnmacht. In ›Glänzende Geschäfte habe ich versucht, diese komplexe Realvorlage in einen fiktiven Rahmen zu setzen, der aufklären, aber auch Lesespaß machen soll – und zugleich eine wunderbare Bühne ist für meine Protagonisten aus dem Vorgängerbuch. Es menschelt gewaltig darin, wie im wirklichen Leben... Ein paar meiner Protagonisten stehen im Übrigen gerade im wirklichen Leben vor dem Kölner Landgericht.

Über einen der Manager heißt es an einer Stelle: »Er verhielt sich nicht anders als viele andere (Chefs), die sie erlebt hatte, mit dem einzigen Unterschied, dass er eine Diagnose hatte, schwarz auf weiß. Es gab schlimmere - ohne Befund.« Gibt es nur verrückte Manager? Ist das vielleicht sogar Voraussetzung, um in unserem Wirtschaftssystem erfolgreich zu sein?

Da stellt sich die Frage: Was ist eigentlich normal, was ist unnormal? Braucht macht nicht auch etwas Manie, um Außergewöhnliches zu leisten? Und wenn ja, ab wann genau wird es dann pathologisch? Was ist gut und was ist böse? Mich hat wie im Vorgängerbuch das Ausloten dieser Begriffe interessiert, um aufzuzeigen, wie fließend die Übergänge sein können und dass immer auch alles auf den Kontext ankommt und darauf, was wir selbst glauben daraus ableiten zu können. Die Wahrheit ist ein fragiles Ding, befürchte ich. Was ich lediglich beobachtet habe: Manager müssen in einer Hochleistungs-Umgebung arbeiten, die Helden bevorzugt. Wer das lange genug macht und keine Kritik oder gar Widerspruch erfährt, beginnt irgendwann unbewusst, an sein Heldentum zu glauben - mit allen Nebenwirkungen, die das haben kann.

Dr. Löhring hat es in Glänzende Geschäfte unter anderem mit einem Personal Coach zu tun. Sie selbst arbeiten inzwischen neben dem Schreiben selbst in dieser Funktion. Wo würden Sie bei Dr. Löhring ansetzen?

Komischerweise ist Löhring - ein Getriebener, der seine Umwelt zur Weißglut treibt - der Liebling der Leser. Er hat durchaus sympathische Züge, die Potential haben. Er hat Leidenschaft, Intellekt und Neugierde. Im ersten Kapitel versucht ja Hi Lang, sein Personal Coach, ihn etwas zu öffnen für andere Perspektiven, ihm einfach auch einmal den Spiegel vorzuhalten durch gezielte, teils provokative Fragen. Nichts anderes habe ich damals auch als Assistentin im Job gemacht. Ich war oft die einzige Person, die auch einmal persönlich werden und Kritik üben konnte, die auf den so genannten »blinden Fleck« aufmerksam machte. Denn ich war nah dran, aber nie gefährlich, keine Führungskraft, allseits zu Diensten und zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es reicht oft schon, mit einer Mischung aus Ehrlichkeit, Respekt und Mut auf diese Leute zuzugehen. Diese Werte haben einen hohen Wert im Management, da sie selten sind.

Außerdem trifft Löhring auf einen wegen Raubes verurteilten Straftäter, oder besser gesagt, er wird von ihm entführt. Obwohl der ein richtig schwerer Junge ist, erscheint er um einiges menschlicher als Löhring. Man kommt ins Überlegen, was das größere Verbrechen ist ... Kellermanns »Hotzenplotz-Methode«, wie Löhring es nennt, oder dessen aberwitzige Geldgeschäfte. Was meinen Sie?

Das überlasse ich dem Leser. Wenn man sich Fragen dieser Art stellt, statt einfach Behauptungen zu tun, ist schon viel erreicht. Hier geht es wieder um die so schwer zu ziehende Grenze zwischen Gut und Böse, zwischen legal und illegal. Wollen Sie jedem Häftling herausragende menschliche Qualitäten aberkennen, nur weil er mal einen Bruch gemacht hat? Ist ein Manager mit Millionenabfindung und anschließendem Beratervertrag trotz Fehlleistung straf-immun, nur weil er das Okay des Aufsichtsrats hat und keinen Widerspruch erfährt? Das Wechselspiel zwischen Kellermann und Löhring, diesen anfangs so unterschiedlichen Polen, hat mir sehr viel Spaß gemacht, denn sie coachen sich permanent gegenseitig, ohne es zu wissen.

Löhring nimmt im Roman am so genannten Brillenwechsel-Programm teil, in dem er gemeinnützige Arbeit im Gefängnis leistet. Ein ähnliches Programm gibt es tatsächlich. Denken Sie, ein bisschen mehr Volksnähe würde unseren Topmanagern guttun?

Ich will nicht allen Topmanagern die Nähe zur Belegschaft oder zum Leben der so genannten kleinen Leute absprechen. Im Endeffekt liegt es an jedem Einzelen von uns, dem Typus »Top Manager« aus der Schublade zu helfen. Und ein paar weniger Ja-Sager in der unmittelbaren Umgebung wären wohl durchaus willkommen. Das Seitenwechsel-Programm auf das ich anspiele, wird vorwiegend vom mittleren Management genutzt, auf Vorstandsebene leider eher seltener. In meinem Buch lasse ich eine Figur den Satz sagen: »Für den Vorstand würde sich gleich ein ganzes soziales Jahr anbieten«. Warum eigentlich nicht? Bill Gates hat sich ja auch gewinnbringend für alle Seiten aufs Soziale verlegt, hoffentlich nicht nur aus steuerlichen Gründen. 

Man kommt beim Lesen Ihres Romans aus dem Lachen kaum noch raus, so absurd handeln die Figuren - und doch beschleicht einen manchmal die Befürchtung, das alles könnte in der Realität genau so stattfinden. Wie überspitzt sind Ihre Figuren?

Die Figuren handeln nicht absurd, wenn man sich daran orientiert, wie der Wirtschaftsskandal tatsächlich abgelaufen ist. Da ich aber versucht habe, das alles auf einer sehr menschlichen Ebene zu schildern, die uns sonst in der Presseberichterstattung eher verborgen bleibt, kommt man so dann und wann auch einmal kräftig ins Lachen. Humor nimmt der Wahrheit den Stachel, sagt man, und erst in der Überspitzung werden einem die Dinge bewusst. Weite Teile der Dialoge sind dennoch dem realen Leben, meinem eigenen Leben und Zeitungs-Interviews mit den real existierenden Personen entlehnt.

Wie wird es weitergehen? Schreiben Sie schon an einem neuen Buch?

Ich brüte es langsam aus, und irgendwann werde ich dann anfangen zu schreiben. Ich hätte dabei Lust, Löhring und Co. eine kurze Verschnaufpause zu gönnen, andere Themen anzugehen und das Fach der Satire zugunsten von mehr Erzählerischem kurzzeitig zu verlassen. Es werden dabei aber noch genug Humor und Skurrilität übrig bleiben, denke ich.

 

Interview: Veronika Moser / dtv

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