Interview mit Eoin McNamee zu ›Requiem‹

Wie sind sie auf die Geschichte von Robert McGladdery gestoßen?
Ich habe schon als Heranwachsender von McGladdery und Pearl Gamble gehört– mein Vater war Richter in Newry, der Heimatstadt von McGladdery. Und mich hat schon damals diese schillernde, verdorbene Welt angezogen, in der Menschen versuchen, der Gesellschaft Gesetze aufzuzwingen, so wie das im Norden von Irland der Fall war – das Land war bis ins Innerste verrottet.

Würden Sie uns ausgehend von der  Grundidee des Buches, aus dem Mordfall einen Roman zu machen, erzählen,  wie das Buch sich entwickelte? Was  hat Sie so gereizt  aus diesem Fall ein Buch zu machen?
Die Figur  Lancelot Curran. Er war der Richter, der das Todesurteil über McGladdery für den Mord an Pearl Gamble verhängte, einer neunzehnjährigen Verkäuferin.
Currans eigene Tochter Patricia, ebenfalls neunzehn Jahre alt, war neun Jahre zuvor ermordet worden – ein berühmter Fall, der ungelöst blieb. Es ist eine seltsame und schreckliche Geschichte, und viele Menschen glauben, dass Curran die Aufklärung des Mordes an  seiner eigenen Tochter willentlich behindert hat. Beide Fälle hatten eine unübersehbar  sexuelle Dimension.
Während ich das Buch geschrieben habe, hatte ich das Gefühl, dass etwas fehlt. Also bin ich nach Belfast gefahren, um zu recherchieren. Ich erinnere mich, es war ein sehr warmer Tag im Lesesaal der Bücherei. Ich war dabei, Curran’s Zusammenfassung für die Geschworenen durchzulesen – die Schlussrede bevor sie nach draußen gingen, um zu einem Urteil zu gelangen. Es hat sich angefühlt als würde sich eine kalte Hand aus der Vergangenheit auf meinen Nacken legen — im letzten Teil seiner Rede untergräbt Curran die zwei Hauptpunkte von McGladderys Verteidigung – mit fatalen Folgen. Die Geschworenen kamen 40 Minuten später mit einem Schuldspruch zurück.
 
Sie greifen in ihren Büchern immer wieder auf wahre Fälle zurück – warum?
Man wirft mir gelegentlich vor, es auf Kontroversen anzulegen. Aber die Wahrheit ist, dass Geschichten aus dem wirklichen Leben für mich eine Bedeutung haben, die ich in erfundenen Geschichten nicht finde. Es gibt da eine innere Struktur, die in rein fiktiven nicht existiert. In gewissem Sinn erscheint mir meine eigene Technik zu schreiben weniger merkwürdig als reine Fiktion zu schreiben. 
 
Sie decken in ihrem Buch nicht auf, ob der Angeklagte letztendlich schuldig ist oder nicht. Wie denken Sie persönlich über diesen Fall?
Tatsache ist, dass man es nicht wissen kann. Was wir sicher sagen können ist, dass ein Mann, dessen eigene Tochter, die im selben Alter war wie das Opfer im Fall McGladdery und ebenfalls in jüngerer Vergangenheit ermordet wurde, niemals über Robert McGladdery hätte zu Gericht sitzen dürfen. Allein deshalb ist das Urteil zweifelhaft.
 
Es scheint von Anfang an klar zu sein, dass der Angeklagte keine Chance hatte, seine Unschuld zu beweisen. Welches Hauptanliegen verbindet sich mit Ihrem Buch?
Mein Hauptanliegen war es, eine Atmosphäre zu schaffen, eine Textur, die sowohl das Reale als auch das Metaphysische umfasst. Mit den Worten von Francis Bacon kann ich sagen: Die Absicht meiner Kunst ist, das Rätsel zu vertiefen, nicht einfache Lösungen zu liefern.
 
Haben Sie persönliche, besondere Schreibgewohnheiten? Schreiben sie mit der Hand oder arbeiten sie am Computer?
Ich arbeite am Computer, sehr langsam und ich verbessere nicht viel. Eher schreibe ich es im Kopf neu, bevor ich die Worte niederschreibe.
 
Welche Bücher lesen Sie in ihrer Freizeit? Haben sie schon eine Idee für Ihr nächstes Buch?
Auf meinem Schreibtisch habe ich Milton, Truman Capote, Thomas McGuane, Dante und ein True-Crime-Buch über einen anderen Fall, in den Lancelot Curran involviert war. Dort verfolgt er einen jungen Mann strafrechtlich als Mörder. Das Gericht war fest entschlossen, den jungen Mann für unschuldig zu erklären, obgleich er de facto schuldig war.
Um die nächste Frage zu beantworten – der nächste Roman heißt ›Blue Is the Night‹ und behandelt genau diesen Fall.

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