Interview mit Diane Brasseur

Seit Abschluss Ihres Filmstudiums arbeiten Sie als Script Supervisor, unter anderem für so bekannte Regisseure wie Albert Dupontel und Olivier Marchal. Jetzt haben Sie Ihren ersten Roman veröffentlicht. Was hat Sie am Schreiben gereizt, verglichen mit Ihrer Arbeit in der Filmbranche?
Meine Erfahrungen am Set und die beim Schreiben unterscheiden sich vor allem in der Anzahl der Beteiligten.
Dreharbeiten sind eine kollektive Angelegenheit, Schreiben ist eine einsame Tätigkeit. Am Schreibtisch treffe ich allein die Entscheidungen. Das ist toll, aber manchmal auch ein bisschen beängstigend!

Wie würden Sie das Buch in einem Satz zusammenfassen?
Es ist die Geschichte eines Mannes, der zwei Frauen liebt, aber Liebe ist es trotzdem.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Geschichte aus der Perspektive eines 54-jährigen Mannes zu schreiben?
Das war eine instinktive Entscheidung. Und weil es mir gefällt, dass beim Schreiben der Instinkt eine Rolle spielt, habe ich mir ausnahmsweise mal nicht den Kopf darüber zerbrochen, wie es dazu gekommen ist.
Dafür habe ich während des gesamten Schreibprozesses gespürt, wie viel Freiheit mir diese Wahl verschafft. Es ist wie mit der Maske, im Sinne von Oscar Wilde: »Der Mensch ist am wenigsten er selbst, wenn er für sich selbst spricht. Gib ihm eine Maske, und er wird dir die Wahrheit sagen.«
Am Morgen bin ich in mein männliches Ich geschlüpft wie in einen Anzug, und weg war die Selbstzensur. Ich nehme an, es ist so ähnlich wie bei Kindern, die »so tun als ob«. Es hat großen Spaß gemacht. Es war toll, durch das Schreiben die Erfahrung zu machen, ein verliebter Mann zu sein.
Ich lese am liebsten Geschichten aus der Ich-Perspektive, egal, ob die Hauptperson männlich oder weiblich ist, also habe ich wohl ganz selbstverständlich diese Perspektive gewählt. Verallgemeinerungen sind mir ein Gräuel, besonders wenn es um die Liebe geht, darum bin ich ganz dicht bei der Figur geblieben.

Wie ist es Ihnen gelungen, sich in einen Mann hineinzuversetzen, der zudem deutlich älter ist als Sie?
Es ist typisch weiblich, sich in andere Menschen hineinzuversetzen, auch in Männer. Wir tun es immerzu. Das war also nicht allzu schwer. Eine größere Herausforderung war der Altersunterschied. Mein Erzähler ist zwanzig Jahre älter als ich, und ich wollte nicht, dass er unreif wirkt.
Das Verstreichen der Zeit beschäftigt uns alle, sogar ganz junge Leute. Was das Verhältnis des Protagonisten zur Zeit angeht, habe ich mich bemüht, möglichst realistisch zu sein, und wenn ich etwas nicht wusste, habe ich es als Frage formuliert, wie zum Beispiel hier:
»... mein Alter macht mir nicht zu schaffen, jedenfalls bisher nicht. Die einzige Frage, die ich mir im Laufe der Jahre immer wieder gestellt habe, lautet: ›Womit ist es jetzt endgültig vorbei?‹«
In dem Roman gibt es eine Menge Fragezeichen, das ist gewollt, denn ich bin davon überzeugt, dass Fragen wichtiger sind als Antworten.

Ihr Erzählstil ist sehr fokussiert. Ich vermute, Ihre Erfahrung beim Film hat Ihnen geholfen, unverblümt die Gedanken eines Mannes zu formulieren?
Meine Erfahrung mit Kinofilmen war beim Schreiben von ›Der Preis der Treue‹ tatsächlich eine Quelle der Inspiration, aber das habe ich erst vor Kurzem gemerkt, als ich das Buch wieder gelesen habe. Drehbücher folgen anderen Richtlinien als Romane, sie lesen sich oft nicht besonders gut, denn sie stellen nur eine Etappe in der Produktion eines Films dar. Trotzdem bin ich davon stark beeinflusst.
Ein Drehbuch ist ganz in der Gegenwart verhaftet. Es beschreibt auditive und visuelle Tatsachen, die Emotionen vermitteln. In einem Drehbuch steht nicht: »X ist traurig«, sondern: »X weint«. Beim Film bin ich ständig damit beschäftigt, die Kostüme und Requisiten, die Gesten der Schauspieler und ihre Bewegungen im Raum zu registrieren, denn die Anschlüsse müssen stimmen. Im Laufe der Zeit habe ich ein fotografisches Gedächtnis entwickelt, das mir beim Schreiben eine große Hilfe ist. Außerdem geht es, wie bei einem Spiel, nicht so sehr darum, sich an jedes einzelne Detail zu erinnern, sondern jene Details hervorzuheben, die für die Geschichte wesentlich sind.
Ich habe, glaube ich, nicht besonders viel Fantasie, aber ich beobachte gern, nehme Situationen fotografisch wahr und beschreibe sie dann in einfachen Worten.
Ich habe ›Der Preis der Treue‹ geschrieben, wie man einen Film dreht: Szene für Szene, aber nicht in der endgültigen Reihenfolge, auch wenn der erste Absatz des Romans fast wortwörtlich dem entspricht, was ich im Dezember 2011 in meinem Notizbuch festgehalten habe.
Ich stelle mir Situationen vor, schreibe sie, verwerfe manches und montiere später.

Der Protagonist fürchtet sich vor dem Altwerden und verspürt das Bedürfnis, sich zumindest alle Möglichkeiten offenzuhalten, um noch einmal von vorn anfangen zu können. So kommt es zu der Affäre mit Alix. Gleichzeitig hat er Angst, sein Familienleben aufs Spiel zu setzen und am Ende allein dazustehen. Ist Egoismus die Triebfeder seines Verhaltens?
Der Ehebruch, um den es in ›Der Preis der Treue‹ geht, ist kein heimliches Verhältnis, das sich auf gelegentlichen, schnellen Sex im Hotel beschränkt.
Mein Erzähler ist von Montag bis Freitag bei Alix in Paris, wo er arbeitet. Er übernachtet bei ihr, füllt ihre Vorräte auf und kocht für sie beide. Die Wochenenden verbringt er zu Hause in Marseille und freut sich, wenn er seine Frau und seine Tochter wiedersieht.
Er betrügt seine Frau ohne bestimmten Grund. Ich bin mir nicht sicher, dass Untreue immer symptomatisch für eine Beziehungskrise ist. Männer und Frauen können zwei Menschen gleichzeitig lieben und sehr darunter leiden.
Egoismus ist keine ausschließlich negative Eigenschaft. Ohne Egoismus hätte dieser Mann sich nicht zugestehen können, die Beziehung mit Alix auszuleben. So gesehen ist es ein Glück, dass er sich egoistisch verhalten hat.
Der Roman beginnt mit den Worten: »Ich will nicht altern«.
Natürlich spielt das Vergehen der Zeit bei seinem Verhalten eine Rolle. Er sagt, Alix gebe ihm die Möglichkeit, noch einmal von vorn anzufangen. Für einen 54-Jährigen ist ein Neuanfang etwas Großartiges. Wer würde es ihm verübeln wollen, diesen Wunsch zu haben?

Der Protagonist verletzt beide: seine Frau, indem er sie betrügt, und Alix, weil er seine Frau nicht verlässt. Seine Frau weiß nicht einmal, dass er sie betrügt, und Alix ist sehr geduldig. Warum zieht er sich also plötzlich in sein Arbeitszimmer zurück, um nachzudenken?
Mein Erzähler ist in einer schwierigen Lage, weil es nicht seine Art ist, seine Frau zu betrügen. Ab dem ersten Kapitel macht er sich mehrmals täglich bewusst, dass er fremdgeht, er sagt laut, dass er untreu ist, um sich selbst davon zu überzeugen. Er fühlt sich nicht wohl mit seinem Doppelleben, das geht sogar so weit, dass er nicht mehr weiß, wen er eigentlich mit wem betrügt.
Dieser Mann liebt seine Frau und das Familienleben, er steigt gern am Freitagabend ins Flugzeug nach Marseille, er begleitet seine vierzehnjährige Tochter gern zu ihren Reitturnieren.
Dieser Mann liebt aber auch seine Geliebte, und vor allem ist ihm Treue wichtig.
Ein einziges Mal spricht er mit Alix, seiner Geliebten, über ihre Situation. Innerhalb eines Jahres ist das sehr wenig.
Und genau deshalb kommt es überhaupt zu diesem inneren Monolog. Der Mann zieht sich ein paar Stunden, bevor er mit seiner Familie über Weihnachten nach New York fliegt, in sein Arbeitszimmer zurück, um eine Entscheidung zu treffen: Soll ich meine Frau oder meine Geliebte verlassen?
Er hat Angst: »Worauf warte ich? Dass mir die Entscheidung abgenommen wird? Oder dass es mit einem Drama endet?«
Weil er selbst nicht redet, verbringt er viel Zeit damit, sich zu fragen, was in den Köpfen der anderen vorgeht – im Kopf seiner Geliebten, seiner Frau, seiner Tochter, seines Vaters.
Das kann natürlich widersprüchlich wirken, und darum habe ich diesen Mann auch mit seinen Widersprüchen konfrontiert.
Er stellt sich vor, wie seine Tochter ihm in zehn Jahren im Restaurant verkündet, dass sie in einen verheirateten Mann verliebt ist.
Was könnte er seiner Tochter sagen, ausgerechnet er, der doch selbst Alix und seine Frau in eine solche Situation bringt? Was würde er von einem Mann halten, der so etwas seiner Tochter zumutet?

Der Protagonist erwähnt, wie gern er den Vornamen Alix ausspricht. Tatsächlich ist es der einzige Name, den der Leser erfährt. Warum gerade der Name der Geliebten?
Am Anfang war Alix namenlos. Ich habe den ganzen Roman geschrieben und ihren Namen immer durch ein X ersetzt. Dieser Buchstabe, der für Anonymität, aber auch für Pornographie und das Unbekannte steht, hat mir gefallen. Die ganze Melodie des Romans basiert auf dem Buchstaben X, und selbst als ich das Manuskript im Verlag abgegeben habe, war Alix noch X.
Bestimmt hatte ich das Bedürfnis, dieser Figur nicht gleich einen Namen zu geben, um Distanz zu schaffen.
Eines Tages habe ich dann die Schauspielerin Emmanuelle Devos im Radio erzählen hören, die letzte Rolle, die sie in einem Kinofilm gespielt habe, sei die einer gewissen Alix gewesen.
Mir war sofort klar: Das ist genau der richtige Vorname. Vor jedes X fügte ich »Ali« ein, und alles griff ganz wunderbar ineinander. Der Satz: »Das X ist der Buchstabe von Alix’ Namen, den ich am liebsten mag«, ist eine Hommage an diesen Buchstaben, der mich beim Schreiben begleitet hat und den ich schließlich fallen gelassen habe.
Normalerweise wird die Geliebte geheim gehalten. Ich finde es interessant, dass in ›Der Preis der Treue‹ gerade sie die Einzige ist, die einen Namen trägt.

Welcher Satz aus dem Roman ist Ihr Lieblingssatz?
Ich liebe meine Frau und war nicht unglücklich, als ich Alix kennenlernte.

Das Interview führte Patricia Breu / dtv
Aus dem Französischen von Bettina Bach

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