Interview mit Ben Fountain

Mit ›Die irre Heldentour des Billy Lynn‹ hat Ben Fountain in den USA eine Welle der Begeisterung ausgelöst. Wie es zu dem Roman kam, wie viel bittere Wahrheit darin steckt und ob er sich Hilary Swank als Hauptdarstellerin in der geplanten Verfilmung vorstellen kann, erzählt der Autor im Interview.

In Ihrem Roman geht es um den 19-jährigen Soldaten Billy und seine Kameraden vom »Team Bravo«, die für zwei Wochen als Helden durch die USA gekarrt werden. Den Gipfel dieser Tour, ein Football-Spektakel an Thanksgiving, leuchten Sie in Ihrem Roman genau aus. Wie sind Sie auf die Geschichte gekommen?
Als im Fernsehen während eines Spiels der Dallas Cowboys die Halbzeit-Show lief, habe ich sie mir mal wirklich angeschaut, anstatt sie nur im Hintergrund laufen zu lassen. Sie war genau so, wie ich die Halbzeit-Show im Buch beschrieben habe: eine surreale, irre Mischung aus Militarismus, Pop-Kultur und Soft-Porno. Oder anders gesagt: einfach ein weiterer normaler Tag in Amerika. Da habe ich beschlossen, dass ich darüber schreiben muss.

Beim Football-Spiel erzählt ein Mann Billy, wie er in Cowboystiefeln euphorisiert auf dem Tisch getanzt hat ... und zwar als er das Video gesehen hat, in dem Billy verzweifelt versucht, einen Kameraden zu retten. Für Billy das Trauma seines Lebens, für viele Amerikaner zu Hause »ein wunderschöner Moment«. Billys »Wirklichkeit ist die Nutte ihrer Wirklichkeit«, heißt es an einer Stelle.
Welches Bedürfnis befriedigt sie?

Was ich mit der Metapher ausdrücken will, ist, dass Billys Realität – die schreckliche Realität von Krieg, Tod, Schmerz und Verlust – in den Dienst der amerikanischen Mainstream-Fantasie gestellt wird, in der Amerika stark, triumphierend und gerecht ist. Dieser Mann, der mit seinen Cowboy-Stiefeln auf dem Tisch getanzt hat, hat sich unglaublich gefreut, als er gesehen hat, dass amerikanische Soldaten Rache für 9-11 nehmen. Wohingegen die Realität des Videos – die Realität, wie Billy sie lebt – sehr viel komplexer und schmerzhafter ist als die Fantasie.

An einer Stelle wünscht sich Billy, die Leute würden ihn auch mal Babymörder nennen, statt ihn als Helden der Nation zu feiern. Aber es scheint ihnen nicht bewusst zu sein, dass im Krieg nicht nur Terroristen, sondern auch Zivilisten getötet werden. Wie kommt es dazu: Verfälschung durch die Medien, Verdrängung, Ignoranz?
Es sind eine Menge Bilder und Geschichten verfügbar, die uns ein passenderes Verständnis des Wesens von Krieg vermitteln könnten. Aber die überwiegende Mehrheit dessen, was den Amerikanern über die Medien vermittelt wird, hat mehr die Art einer zensierten Siegesfantasie. Ich denke deshalb, dass unsere Ignoranz nur teilweise eine Folge medialer Verzerrung ist. Die Wahrheit ist da draußen und es ist unsere Verantwortung als Bürger und Menschen, sie zu suchen und zu versuchen, sie zu verstehen.


Wie hat Ihre Recherche ausgesehen?
Ich habe mit vielen, vielen Soldaten gesprochen. Außerdem habe ich unzählige Artikel in Zeitungen und Zeitschriften gelesen, rund 50 oder 60 Bücher, und mir eine Reihe von Dokumentationen angesehen.
 

Sie schreiben aus Billys Perspektive und formulieren seine Eindrücke in einer ungewöhnlichen Mischung aus einem ziemlich amüsanten, lässigen Soldatensprech und sehr nuancierter Reflexion, die die amerikanische Gesellschaft bis auf die Unterhosen auszieht. Ihr Stil wird in der Tradition des New Journalism gesehen. Stimmen Sie zu? Gibt es andere konkrete Einflüsse?
Ich stimme zu, ja, dieser Roman verdankt den Möglichkeiten, die der New Journalism eröffnet hat, eine Menge: den Möglichkeiten, was die Ausdruckskraft der amerikanischen Sprache betrifft, und den psychologischen Möglichkeiten – all den Stufen von Erfahrung, die diese größere linguistische Freiheit erreichbar gemacht hat.  Hunter Thompson hatte sicherlich einen großen Einfluss auf mich, genauso wie Norman Mailer, Tom Wolfe und Gore Vidal. Außerdem würde ich Joan Didion als einen der wichtigsten Einflüsse nennen - wenn auch auf eine etwas andere Art. Oberflächlich betrachtet mag ihr Schreibstil »stiller« wirken als, sagen wir, der von Mailer oder Hunter Thompson – sie dringt mit einem Dolch zum Herzen der Dinge vor, im Gegensatz zum Feuerwerk von Mailer oder Thompson.


›Die irre Heldentour des Billy Lynn‹ ist Ihr Romandebüt, wurde zum NYT-Besteller, inzwischen in zehn Sprachen übersetzt und in den USA hymnisch besprochen. 2012 haben Sie dafür den National Book Critics Award erhalten und stehen damit in einer Reihe mit Autoren wie John Updike oder Alice Munro. Haben Sie einen solchen Erfolg erwartet?
Ich habe wirklich nicht gewusst, was ich erwarten soll. Es gibt so viele Dinge, die ein Autor nicht mehr in der Hand hat, wenn das Buch einmal veröffentlicht ist. Die amerikanische Kulturszene ist ein turbulenter Ozean und mein kleines Buch war im Grunde einfach ein Korken, der auf der Oberfläche herumschwimmt. Es hätte mich auch nicht überrascht, wenn das Buch überhaupt keine Aufmerksamkeit bekommen hätte.


Simon Beaufoy, der für das Drehbuch zu Slumdog Millionaire den Oscar erhielt, sitzt bereits an einer Adaption Ihres Romans für eine Verfilmung. Wie fühlt es sich an, den eigenen Stoff aus der Hand zu geben? Haben Sie keine Angst, dass Hilary Swank sich Billys Rolle unter den Nagel reißt (für alle, die den Roman schon gelesen haben)?
Tja, wenn Hilary Swank Billy spielen würde, wäre mein Glück vollkommen. Aber ich schätze, das wäre zu perfekt, um es von dieser Welt zu erwarten. Aber es ist für mich völlig okay, mein Buch in die Hände der Film-Leute zu geben, um zu sehen, was sie daraus machen können – vor allem weil ich Simon Beaufoy sehr bewundere, genauso wie die Produzenten, die in das Projekt involviert sind. Und egal, welche Form ›Billy Lynn‹ als Film annehmen wird, das Buch wird bleiben, wie es ist. Es hat eine eigenständige Existenz, die getrennt ist von allem, was der Film sein wird.


Arbeiten Sie bereits an einem neuen Projekt?
Ja. Ich stecke bereits 150 Seiten tief in einem neuen Roman, der diesmal auf Haiti spielt. Seit über zwanzig Jahren reise ich nach Haiti, weil ich verstehen will, warum das Leben dort so schwierig ist und die Probleme so hartnäckig sind. Haiti ist für mich zu einer lebenslangen Entdeckungsreise geworden.

 

Interview und Übersetzung: Veronika Pfleger / dtv

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