Interview mit Benno Hurt

Bereits im Titel Ihrer bisherigen Romane fällt der Deutschland-Bezug auf. Das ist sicher kein Zufall.
Natürlich nicht. Deutschland, vor allem die BRD – das ist mein Thema. Ich bin 1941 geboren und ein Mensch, der nicht nur in einer Bundestagswahl, sondern in allem Privaten auch das Öffentliche, das Politische sieht. In meinen Romanen erzähle ich das Schicksal meiner Helden oft über einen längeren Zeitraum. Und ich frage mich: Was haben sie zu unterschiedlichen Zeiten gefühlt, gedacht, getan und wie stehen sie jetzt dazu? Die Zeit ist so in ihnen eingefangen. Sie verkörpern »absichtslos« deutsche Geschichte. So ganz nebenbei. Ich möchte Geschichte in einem Roman »lesbar«, »erfahrbar« machen.

Welche Aspekte der BRD interessieren Sie besonders?
Wenn jemand die Hitler-Zeit nicht miterleben mußte, so bekommt er sie doch fast täglich in Dokumentationen präsentiert. Jeder von uns wohnt an einem Ort, an dem diese schrecklichen »Bilder« Realität geworden sind, und noch immer gibt es Leute neben uns, die für diese Ereignisse verantwortlich sind. Wir leben in einer relativ freien Gesellschaft. Und da stelle ich mir die Frage, wie wir uns mit dem Wissen von dem, was damals geschehen ist, heute in einer weniger freien Gesellschaft verhalten würden. Zu dem Wissen von damals gehört auch, wie perfekt es dem System gelang, die Menschen gleichzuschalten. Das funktioniert auch heute wieder. Die Menschen werden durch die Medien von außen geleitet, statt sich selbst zu bestimmen. Und je schlechter die wirtschaftliche Lage um so zweitrangiger die Frage nach der Bewahrung des eigenen Ichs. Diesem öffentlichen Druck kann sich kaum einer entziehen. Bundespräsidenten stellen sich den Fragen von ehemaligen Fußballreportern und geben beim Verlassen des Studios einem jungen Schnell-Koch die Tür in die Hand. Parteivorsitzende lassen sich in Container einsperren, ihre »freiwillige« Gefangennahme wird live übertragen. Richter spielen in Daily-Soaps Richter. Wertvorstellungen geraten durcheinander. Vermehrt gilt – die Leute wissen von allem den Preis und von nichts den Wert. In Wirklichkeit stellt sich die soziale Frage in neuer Radikalität. Sie drückt sich in der Kriminalität unverschuldet arbeitsloser Jugendlicher aus, in der Angst vor Überfremdung. Der unverschämte Reichtum der einen, die verschämte Armut der anderen. Kritik daran gefährdet die Arbeitsplätze. Wagt es einer wie Müntefering (»Heuschrecken«-Debatte), die obszönen Auswirkungen dieser Art von Kapitalismus zur Diskussion zu stellen, begeht er »Landesverrat«.

Sie möchten deutsche Geschichte erfahrbar machen und wählen dazu als Schauplatz oft eine fiktive Stadt mittlerer Größe im Süden Deutschlands. Warum?
Beim Schreiben möchte ich nicht auf einen Stadtplan schauen. Ich nehme mir von Regensburg das, was ich brauchen kann, und kombiniere es mit anderem. Ich baue mir eine eigene Stadt: eine kleine Großstadt im Süden Deutschlands. Dann gebe ich ihr noch einen Namen: Kolbstadt und Kürren. Es geht mir nicht um Regensburger, Augsburger, Paderborner, sondern um deutsche Schicksale zu unterschiedlicher Zeit.

Sie nehmen verschiedene Zeiten in den Blick, bleiben aber Ihren Figuren treu. Christian Kirschs Lebensweg haben Sie in drei Romanen (›Eine deutsche Meisterschaft‹, ›Der Wald der Deutschen‹, ›Ein deutscher Mittelläufer‹) genau gezeichnet.
Ich lege keinen Wert auf ein umfangreiches Personal für meine Romane. Ganz im Gegenteil. Wenn ich den Vorübergang der Zeit in einer kleineren Gruppe von Personen aufzeichne, wird die Veränderung deutlicher. Entsprechendes gilt auch für die Schauplätze meiner Bücher. Es geht mir letztlich um ein hohes Maß an für den Leser nachvollziehbarer Intensität.

Ihre Helden schwanken immer wieder zwischen Widerstand und Anpassung, zwischen Aufbegehren und der Suche nach Kompromissen. Ein typisch deutscher Wesenszug?
Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Nein, glaube ich eigentlich nicht. Ein menschlicher Wesenszug.

Sie sind 1941 geboren. Für Autoren Ihrer Generation, wie z.B. Uwe Timm, ist das Jahr 1968 von entscheidender Bedeutung. Was verbinden Sie mit der Studentenrevolte?
Zunächst mal eine Bücherreihe von eineinhalb Metern Länge (von Marx zu Marcuse). Im Ernst: Ich denke immer wieder darüber nach, was hat dich so fasziniert? Ich stand (beruflich gesehen) »vor dem Leben«. Und da ereignet sich diese »Bewußtseinsrevolution«, die glauben macht, daß es vielleicht einen »dritten Weg« gibt, außer Anpassung und Verweigerung. In meinem Roman ›Der Wald der Deutschen‹ habe ich versucht, das zu beschreiben, was viele gefühlt, gelitten, gehofft haben. Nicht die Erinnerung an die mit schönen roten Fahnen bedeckten Straßen scheint mir wichtig, sondern das einsame, heimliche Hoffen auf »Change«. Christian Kirsch, die Hauptfigur des Romans, liebt das Wort »Change«. Und er wollte das, was er in seinem Leben bisher gelernt hatte, nicht anwenden für das, was Gesellschaft genannt wurde. Und zudem hatte er gelernt zu zweifeln. Dieses Zweifeln, Infragestellen, vieles, alles für möglich zu halten, ist auch bei mir geblieben. Und Romanhelden sind entstanden, die sich mit dem, was wir damals das richtige Bewußtsein nannten, noch heute dekorieren, obwohl sie längst das geworden sind, was wir damals als »Spätkapitalist« beschimpft hätten.

Sie waren Richter. Welchen Einfluß hat das auf Ihre Bücher?
Es hat natürlich einen Einfluß. Wenn ich bei der Müllabfuhr gewesen wäre, hätte das ebenso Einfluß. Ich meine das nicht überheblich. Im Stadtwesten Champagnerflaschen, im Stadtosten billige Proseccos und das, was sich damit verbindet. Überall in der Gesellschaft herrschen Menschen über Menschen. In der Justiz tun sie dies nach vorgeschriebenen Regeln und sie werden dabei, obwohl sie ja nur dem Gesetz und ihrem Gewissen verpflichtet sind, fast ein Richterleben lang benotet. Richter und Staatsanwälte als Schüler, das interessiert mich in meinen Büchern mehr als die sogenannten Verbrecher. Nein, es geht mir nicht um reale Fälle. Sondern um die Herstellung einer atmosphärischen Genauigkeit. Um ein Spürbarmachen dessen, was da ist, auch wenn man es nicht sieht, die Konkurrenz-Beziehung der Richter zueinander, ihr Blick hoch zu einem Erwartungshorizont, das instinktive oder bewußte Reagieren auf eine »herrschende« politische Stimmung. Daß man als Richter Menschen aus den verschiedensten gesellschaftlichen Schichten in Grenzsituationen begegnet, hat wahrscheinlich auch Einfluß genommen auf die Kunstfiguren in meinen Büchern.

Der Richter Benno Hurt prüft die Schuld eines Angeklagten. Wie betrachtet der Autor Benno Hurt seine Figuren?
Alle diese Figuren sind unschuldig, denn ich habe sie ja erfunden. Und dafür darf ich sie doch nicht bestrafen. Also: Ich liebe meine Figuren. Und ich liebe sie umso mehr, je widersprüchlicher sie sind. Wir tragen doch alle diese Widersprüche in uns aus. Dieser Druck, diese Sprengkraft macht uns zu schaffen, macht uns aber auch interessant. Aber alle diese Figuren müssen für mehr stehen als für sich selbst. Unterschiedliches Erleben ist in ihnen geschichtet – Zeit!

In Ihrem Roman ›Eine Reise ans Meer‹ brechen in den fünfziger Jahren zwei junge Männer auf nach Italien. Sie wollen ans Meer, zu den Mädchen am Strand – doch sie scheitern ganz überraschend. Was hat Sie an dieser Geschichte fasziniert?
Daß wir unsere Sehnsucht nie einholen können. Sie ist uns immer voraus. Ein Leben lang eilen wir hinter ihr her. In der Liebe, im Wein, in unseren Romanen. Darüber hinaus ist Italien eine urdeutsche Sehnsucht.

Sie schildern die Reiseerlebnisse der beiden Männer sehr amüsant und mit feiner Ironie. Welche Rolle spielt Humor in Ihren Büchern?
Daß es Humor in meinen Büchern gibt, kann auch ich nach meiner ›Reise ans Meer‹ nicht leugnen. Er ist nicht inszeniert. Meistens ergibt er sich daraus, daß ich den Widersprüchen, die im Denken und Verhalten meiner Protagonisten oder im Zeitgeschehen zu Tage treten, nachgehe, sie zu Ende denke. Nicht auf die Pointe, den Gag, sondern auf die demaskierende Wirkung dieses »Humors« kommt es mir an. Ja, gerade in ›Eine Reise ans Meer‹ kommt diesem Humor eine doppelbödige Wirkung zu: Er charakterisiert die Helden und zugleich auch immer ihre »Zeit«.

Ihre Romane sind detailgenau erzählt. Recherchieren Sie viel, um eine Zeit authentisch abzubilden?
Ich recherchiere meine Empfindungen. Das ist wie ein vergessener Geruch, ein Geschmack, den man nach Jahrzehnten wieder in seinem Mund spürt. Ich recherchiere mich. Und dann das Draußen. Ein paar Zeitungsfotos, meinetwegen von Adenauer, wie ich dieses Bild damals empfunden habe, und wie ich ihn heute sehe, und wie »man« ihn heute sieht – da sind sie wieder, die Widersprüche. Sie will ich als Schriftsteller thematisieren. Zu Ihrer Frage: Ein authentisches Abbilden der Zeit gibt es nicht, nur ein persönliches, subjektives. Und das macht doch Literatur so spannend. Diese verschiedenartige »Wiedergabe« vergangener Realität.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie einen neuen Roman beginnen? Wie ist die Technik Ihres Schreibens?
Brad Pitt – bitte, sagen Sie mir, wie ist Ihre Technik beim Kuß? – Wieder im Ernst: »Für einen Roman braucht es viel gelebtes und an anderen beobachtetes Leben« (Marieluise Fleißer). Andererseits: Wenn man erst einmal mit einem Roman angefangen hat, scheint sich alles, was um einen herum geschieht, für die Aufnahme in den Roman zu präsentieren. Worauf man hinaus will mit seinem Roman, das sollte in groben Umrissen schon klar sein. Ich schreibe mir dann in diesem Kontext auf einem Blatt Papier auf, was in dieses Zeit- und Personalfenster hineinpaßt, oft nur Wörter, aber auch »endgültig« formulierte Sätze. Was mir später sehr helfen wird. Und schließlich der Augenblick der ersten Sätze. Mit diesen ersten Sätzen lege ich mich fest. Nach zwei, drei Seiten habe ich Bedingungen geschaffen, die mich von nun an beim Schreiben dieses Romans verpflichten. Die Sprache ist alles. Sie ist das eigentliche Ereignis. Sie ist Form und Inhalt zugleich. Ein Autor darf nicht nur über eine Sprache verfügen. Achtzehnjährige haben eine andere Wahrnehmung als Fünfzigjährige. Dies setzt eine andere Sprache voraus.

Haben Sie literarische Vorbilder, die Einfluß auf Ihre Literatur gewonnen haben?
Klar. Aber diese Literatur befindet sich Gott sei Dank auf dem Speicher in einem Koffer. Ich bewundere Ernest Hemingway und William Faulkner. Die erste Seite von ›In einem anderen Land‹ laut zu lesen, die erste Seite von Faulkners ›Absalom, Absalom!‹ – fantastisch!

Welche Leser wünschen Sie sich für Ihre Bücher?
Zunächst mal viele. Das sage ich nur, weil ich an den Verlag denke. Jeder Leser, der bereit ist, eine Beziehung zu meinem Buch aufzubauen, wäre mir recht. Eine solche Leser/Roman-Beziehung ist autonom, und ich will sie gerne so akzeptieren.

merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel

warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand

My dtv


Jetzt registrieren