3 Fragen an Liv Winterberg

Sie haben sich als Autorin historischer Romane einen Namen gemacht. Ihr erster Roman ›Vom anderen Ende der Welt‹ spielt im 18. Jahrhundert, Ihr zweiter ›Sehet die Sünder‹ im ausgehenden Mittelalter. In Ihrem neuen Buch ›Der Klang der Lüge‹ geht es u.a. um das Schicksal einer jungen Frau Anfang des 14. Jahrhunderts. Was reizt Sie an dem Genre historischer Roman?


Schon zu Schulzeiten haben mich historische Themen sehr interessiert, und diese Begeisterung hat sich bis heute gehalten. Für mich ist es immer spannend, bei meiner Arbeit auch mit Themen in Berührung zu kommen, über die ich vielleicht bisher wenig wusste und die ich mir dann in umfassenden Recherchen erschließe. Bei Recherchearbeiten kann mich ein regelrechtes „Jagdfieber“ überkommen, ich mag es sehr, wenn bei der Auseinandersetzung mit einem Thema die Vergangenheit „aufersteht“ und über die Schicksale einzelner Menschen ein Gesicht bekommt. In diesen Momenten wird Geschichte für mich begreifbar und manchmal fast fühlbar. Sobald ich diesen Punkt erreicht habe, ist das Erzählen bzw. Schreiben der Romane möglich und ein schwerlich zu bremsender Prozess.
 

›Der Klang der Lüge‹ – ein Titel, der neugierig macht. Was hat es mit diesem Titel auf sich?


Bei der Recherche zu ›Sehet die Sünder‹ stieß ich durch Zufall in der Sekundärliteratur auf ein Buch, das die Katharerbewegung in Südfrankreich behandelte. Hier wurde unter anderem davon berichtet, dass der Inquisitor fast ein gesamtes Dorf verhaften ließ. Schon das war für mich unvorstellbar, aber als dann noch in einem Halbsatz erwähnt wurde, dass nur Kinder und Tiere im Dorf zurückblieben, war ich wie elektrisiert. Sofort wollte ich mehr wissen – warum wurden die Kinder zurückgelassen, und was hat das für sie bedeutet? Welche Auswirkungen hatte das auf die Familien, und wie kam es zu dieser Verhaftungswelle? Wen hat der Inquisitor nicht verhaftet? Aus welchen Gründen? Diese Flut an Fragen ließ mich weiterlesen, und ich stellte fest, dass fast alle Verhafteten nach ihren Vernehmungen wieder auf freien Fuß gesetzt wurden.

Einige kamen ohne Strafmaß davon, andere erhielten Auflagen, wie das Antreten einer Pilgerreise oder auch die Verpflichtung, das Ketzerzeichen, zwei gelbe Kreuze, auf der Kleidung zu tragen. Diese Anspannung, die auf dem Dorf lastete – hier ging es um existentielle Ängste, da der Scheiterhaufen drohte –  hat mich sehr bewegt. Bei der weiteren Lektüre wurde deutlich, dass bereits im Vorfeld der Verhaftung zahlreiche Dorfbewohner zu ersten Vernehmungen beim Bischof einbestellt worden waren. Aufgrund der heute noch partiell erhaltenen Aussagen besteht kein Zweifel: Die Dorfbewohner haben sich einerseits gegenseitig unterstützt und abgesprochen, andererseits aber auch bedroht und erpresst –  eben all das, was Menschen unternehmen, die in panischer Angst sind und sich samt ihren Familien schützen wollen. Es muss eine Zeit der Lügen und Denunziationen, der Heimlichkeiten und Ängste gewesen sein, natürlich auch der Solidarität untereinander, und in diesem Zusammenhang entstand der Titel.
 

2011 erschien ›Vom anderen Ende der Welt‹ als Debüt bei dtv, Ihr dritter Roman ist ebenfalls sehr erfolgreich gewesen. Dürfen sich Ihre Fans auf weiteren Lesestoff von Ihnen freuen?


Ja, natürlich, da ich das Gefühl habe, dass es noch so viele Themen gibt, die darauf warten, erzählt zu werden. Im Schnitt schreibe ich fast zwei Jahre an einem Buch, arbeite aber währenddessen schon oft an möglichen Folgeprojekten. Die derzeitige Situation spiegelt das gut wieder: Während ›Der Klang der Lüge‹ erscheint, schreibe ich an meinem vierten Roman und habe bereits sehr konkrete Ideen für zwei weitere Bücher, bei denen ich gerade nach und nach in die Recherche einsteige. So laufen die Projekte oft nebeneinander her, eben in verschiedenen Entwicklungsstadien, aber diese Themenvielfalt finde ich durch und durch bereichernd.
 

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