»… wenn ein Stern heller leuchtet als die anderen.«

In ›Was ich euch nicht erzählte‹ entwirft Celeste Ng das grandiose Psychogramm einer Familie, die an der Macht des Ungesagten zu zerbrechen droht. Im Interview spricht sie über den großen Einfluss von Familienkonstellationen auf unser Leben, über das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, und die Veränderung der Rolle der Frau in den letzten Jahrzehnten.

Was hat Sie dazu veranlasst, dieses Buch zu schreiben?
Meine Geschichten beginnen fast immer mit Bildern – diesmal war es das Bild eines jungen Mädchens, das in tiefes Wasser fällt. Ich begann zu schreiben, um herauszufinden, wie sie dort hinkam: Wurde sie gestoßen? Ist sie ausgerutscht? Oder gesprungen? Als ich mir meinen Weg in diese Geschichte schrieb, entdeckte ich, dass es nicht nur die Geschichte des Mädchens ist, sondern auch die ihrer Familie, deren Vergangenheit und all der Dinge in ihrem Leben, die sie zu diesem Punkt führten – und auch darüber, ob (und wie) ihre Familie einen Weg finden wird, weiterzumachen. Was zunächst wie das Ende der Geschichte schien, entpuppte sich somit als das eigentliche Zentrum.

Der Fund von Lydias Leiche wirft unzählige Fragen bei ihrer Familie auf. Wie haben Sie sich dem Schreiben über Verlust und Trauer angenähert?
Wenn man jemanden verliert, den man liebt, ganz besonders, wenn es unerwartet passiert, hinterlässt das meist ein starkes Gefühl von Reue und Selbstzweifel. Es ist unmöglich, sich nicht mit Fragen zu konfrontieren: Hätte man den Verstorbenen retten können? Hätte es etwas geändert, wenn man fünf Minuten später gegangen oder einen Tag früher gekommen wäre oder genau die richtigen Worte gesagt hätte? Unausweichlich beginnt man, die Beziehung, die man zum Toten hatte, zu überdenken und neu zu bewerten, und am schwersten ist es, wenn die Beziehung belastet war. James, Marilyn, Nath und Hannah fühlen alle viel Schuld in ihrer Beziehung zu Lydia – in ihrem tiefsten inneren wissen sie, das sie sie unter Druck gesetzt, enttäuscht und im Stich gelassen haben – was ihre Reaktionen auf Lydias Tod komplizierter macht. Schreiben ist immer ein Akt der Empathie: Man versucht, in einen anderen Geist und in eine andere Haut zu schlüpfen. Ich habe versucht, mir die Fragen zu stellen, die sich die einzelnen Charaktere gestellt hätten.

Die Beziehungen zwischen den Geschwistern – Nath, Lydia und Hannah – sind sofort greifbar und hervorragend dargestellt. Sie lieben einander, aber sie werden auch wütend, eifersüchtig und verwirrt und lassen es aneinander aus. Können Sie etwas über ihre Dynamik erzählen? Haben Sie sich von Ihrer eigenen Kindheit inspirieren lassen?
Die Beziehungen zwischen Geschwistern sind faszinierend: Man hat die gleichen Eltern und wächst nebeneinander auf, doch mehr als oft sind Geschwister unglaublich verschieden und machen selbst innerhalb der gleichen Familie sehr unterschiedliche Erfahrungen. Man teilt so viel, dass man denkt, man sollte den anderen komplett verstehen, aber natürlich gibt es auch Distanz genug, dass das fast nie der Fall ist. Noch komplizierter wird es, wenn einer deutlich der Liebling der Familie ist. Die ganze Familienkonstellation kann in Schieflage geraten, wenn ein Stern heller leuchtet als die anderen.
Meine eigene Schwester ist elf Jahre älter als ich und wegen dieses großen Altersunterschieds haben wir nie wirklich gestritten; Ich glaube eigentlich sogar, dass unsere Beziehung stärker war, gerade weil wir altersmäßig so weit auseinander lagen. Auf der anderen Seite habe ich sie furchtbar vermisst, als ich sieben war und sie aufs College ging – diese Erfahrung liegt Lydias Gefühl der Verlassenheit zugrunde, als Nath nach Harvard geht. Außerdem habe ich meine Schwester idealisiert; das spiegelt sich definitiv in der Beziehung von Hannah und Lydia wieder.

Sie haben begonnen, das Buch zu schreiben, bevor Sie Ihren Sohn bekamen. Wie hat Ihre neue Rolle als Mutter Ihre Herangehensweise an die Figuren und deren Geschichten beeinflusst, besonders bei James und Marilyn?
Schon bevor ich Kinder hatte, habe ich mich in meinen Geschichten oft auf Eltern und Kinder fokussiert. Die Beziehung zu den Eltern ist vielleicht die fundamentalste und kraftvollste, mehr noch als Freundschaft oder romantische Liebe. Es ist die erste Beziehung, die man hat, und wahrscheinlich der größte Einfluss auf die späteren Aussichten und darauf, welche Art von Mensch man wird. Die meisten von uns verbringen einen Großteil ihres Leben damit, entweder den Idealen der Eltern zu entsprechen oder sich aktiv dagegen aufzulehnen.
Als ich damit begann, den Roman zu schreiben – und noch keine Mutter war – identifizierte ich mich zunächst definitiv mehr mit den Kindern, ganz besonders mit Lydia. Nach der Geburt meines Sohnes wuchs mein Mitgefühl mit Marilyn und James. Ich begann zu verstehen, wie sehr sich Eltern das Beste für ihre Kinder wünschen und wie dieser Wunsch manchmal blind macht für das, was wirklich das Beste ist. Das bedeutet nicht, dass ich „die Seiten gewechselt“ habe, ich denke nur, dass das Mutterwerden meine Perspektive ausgewogener und das Buch nuancierter gemacht hat. Jetzt identifiziere ich mich mit den Eltern mindestens so sehr wie mit den Kindern.

Das Buch ist in den 70er Jahren in Ohio situiert. Sie wuchsen in Pennsylvania und Ohio auf – wie hat Ihre Zeit dort das Buch beeinflusst?
Beide Vorstädte, in denen ich aufwuchs – erst außerhalb von Pittsburgh, dann außerhalb von Cleveland – vermittelten das Gefühl einer Kleinstadt. Meine erste Grundschule war winzig, eine dieser Schulen, in der die Sporthalle gleichzeitig die Mensa und die Aula ist, und in meiner Straße spielten alle Nachbarskinder zusammen. Aber darüber hinaus erinnere ich mich an ein starkes Gefühl der Ruhelosigkeit in der Luft, während ich aufwuchs oder ein Gefühl, dass man abhauen musste, wenn man ein aufregendes oder bedeutendes oder interessantes Leben führen wollte. Pittsburgh in den 1980er Jahren und Cleveland in den 90ern waren wirtschaftlich am Ende und so war auch die Stimmung: viele geschlossene Fabriken, große Anspannung und Arbeitslosigkeit, viel Rost. Daher kannte ich diese Art isoliertes, fast erstickendes Gefühl, das Teenager wie Nath und Lydia – und auch Erwachsene wie James und Marilyn – vielleicht fühlen, das Gefühl, dass der Ort, an dem du dich befindest, zu klein ist.

Bei allen Mitgliedern der Lee-Familie schreiben Sie berührend und einfühlsam  über das Gefühl, ein Außenseiter zu sein und an Stereotypen und den Wahrnehmungen anderer gemessen zu werden. Können Sie etwas zu Ihren persönlichen Erfahrungen erzählen und wie Sie sich solchen Themen im Buch angenähert haben?
Meine Eltern kamen aus Hongkong in die USA und zogen direkt in den Mittleren Westen: Indiana, Illinois, Pennsylvania, Ohio. Den Großteil meiner Kindheit waren wir praktisch die einzigen Asiaten in der Gegend. In meiner Schule in Pittsburgh zum Beispiel war ich eines von zwei nichtweißen Mädchen und die einzige Asiatin in allen vier Jahrgangsstufen.  Wie die meisten asiatischen Amerikaner erlebte meine Familie einige unverhohlene Diskriminierungen: Einmal steckten Nachbarskinder Feuerwerkskörper in unseren Briefkasten; ein anderes Mal kam ein Mann zu uns, als wir an der Bushaltestelle warteten, spuckte uns an und sagte: »Geht zurück nach Vietnam oder Korea oder wo zum Teufel ihr auch immer hergekommen seid.«
Heimtückischer als diese Momente der offenen Feindschaft, und vermutlich auch mächtiger, sind die kontinuierlichen kleinen Erinnerungen daran, dass man anders ist. Viele von uns fühlen sich auf irgendeine Weise anders, aber es ist wirklich erschütternd, wenn einer deiner Unterschiede so offensichtlich zu sehen ist – andere Leute können mit einem Blick erkennen, dass du anders bist. (Es ist schwer zu erklären, wie seltsam das ist, wenn man es selbst nie erlebt hat. Mein Mann und ich haben schon oft darüber gesprochen, aber er wusste nicht wirklich, wie es sich anfühlt, bis wir in Hong Kong waren und er – ein sehr großer, weißer Mann – von tausenden Asiaten umgeben war.) Auch wenn man sich fühlt, als würde man dazugehören, kann die Reaktion anderer Leute – selbst Blicke oder gleichgültige Bemerkungen – dir erschreckend oft das Gefühl geben, es nicht zu tun. Daran hab ich gedacht, um mir die Erfahrungen von James, Lydia, Nath und Hannah oder zumindest ihre Reaktion darauf vorzustellen. Was die tatsächlichen Begegnungen angeht, musste ich mir nicht viel vorstellen: Sie stammen alle aus dem wahren Leben, von dem Mädchen, das Steine auf James‘ Auto warf, über die Leute, die langsamer und lauter mit einem sprechen, als ob man kein Englisch verstünde, bis zu der Frau im Supermarkt, die die Kinder stolz als Chinesen identifiziert, bevor sie ihre eigenen Augen zu Schlitzen zieht.
Im Roman wollte ich allerdings nicht nur Unterschiede in der Herkunft untersuchen. Es gibt so viele Arten, sich wie ein Außenseiter zu fühlen. Meine Mutter zum Beispiel ist Chemikerin und meine Schwester Wissenschaftlerin – beide sind also Frauen in einem stark männerdominierten Gebiet. Und ich fühle mich ebenfalls häufig wie eine Außenseiterin oder Betrügerin: Bin ich klug genug / erfahren genug / sonst-was genug? Alle Figuren im Buch ringen mit ähnlichen Gefühlen.

Marylin hat große Probleme damit, Hausfrau zu sein, und möchte ihren Abschluss nachholen und mehr in ihrem Berufsleben erreichen. Was wollen Sie durch ihre Wünsche und Entscheidungen vermitteln?
Es ist eine altbekannte Frage, der sich fast alle Frauen stellen müssen: Wie kann man eine Familie mit einer Karriere in Einklang bringen? Ich kämpfe selbst damit, so wie jede andere Frau, die ich kenne, und Marilyn befindet sich in einer Extremsituation. Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass noch zu Marilyns Zeit – also vor nur einer Generation – so viel weniger Wege für sie offen standen. Aber selbst mit mehr Möglichkeiten haben wir immer noch keine Lösung gefunden. Wir kämpfen immer noch aktiv mit der Frage nach dem Gleichgewicht und nach der Rolle der Frau. Sehen Sie sich nur das enorme Interesse an Sheryl Sandbergs Buch ›Lean In – Frauen und der Wille zum Erfolg‹ an und den Aufruhr über Anne-Marie Slaughters Essay ›Why Women Still Can't Have It All‹ in The Atlantic. Neulich schrieb eine Princeton-Alumna ein Essay, in dem sie junge weibliche Absolventinnen wissen lässt, dass es das Wichtigste am College sei, einen Ehemann zu finden. Viele Frauen waren entsetzt darüber – doch sie hat gerade ein Buch veröffentlicht. Die Debatte darüber, was Frauen tun können und sollten, geht weiter.

Sie sind in einer Familie von Wissenschaftlern aufgewachsen. Was brachte Sie dazu, Schriftstellerin zu werden? Und wie hat es Ihre Art zu schreiben beeinflusst?
Ich habe mich schon immer für Geschichten interessiert – sie zu lesen, zu erfinden und sie meinen Eltern und Freunden zu erzählen. Der beste Beweis dafür, dass die Natur über die Erziehung triumphieren kann! Aber tatsächlich gibt es mehr Überschneidungen zwischen der Wissenschaft und dem Schreiben, als man erwarten würde. Wissenschaftler sind besonders interessiert daran herauszufinden, wie die Welt funktioniert und warum die Dinge sind, wie sie sind. Ein wissenschaftliches Experiment ist eigentlich ein "Was-Wäre-Wenn": »Hmm, was wäre, wenn ich diese Dinge unter bestimmten Bedingungen zusammenführe?« Ich mache genau das Gleiche beim Schreiben, nur dass ich es mit Figuren auf einer Buchseite mache: »Was, wenn diese Familie in dieser Situation wäre?«

Was bedeutet der Titel ›Was ich euch nicht erzählte‹ für Sie?
Der Titel ist eigentlich ein Echo einer der letzten Zeilen im Buch. ›Was ich euch nicht erzählte‹ bezieht sich zum einen auf die Geheimnisse, die die Mitglieder der Lee-Familie voreinander haben – all die Dinge, die sie in sich einschließen, weil sie sich zu sehr fürchten oder schämen, sie laut zu sagen. Aber der Titel bezieht sich auch auf all die Dinge, die sie ausversehen nicht sagen, anders gesagt – die Dinge, die sie vergessen zu sagen, weil sie ihnen nicht wichtig erscheinen. Nach Lydias Tod denkt jedes Mitglied der Familie an den Moment, als sie sie zum letzten Mal gesehen haben, und an das, was sie zu ihr gesagt hätten, hätten sie gewusst, dass es das letzte Mal sein würde. Meistens sind es die Dinge, die nicht gesagt wurden, die einen verfolgen – entweder, weil man keine Chance hatte, es zu sagen, oder weil die andere Person es nie hören konnte und gerne gehört hätte.

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