Interview mit Christina Berndt

Frau Berndt, Ihr neues Buch dreht sich um das Thema Zufriedenheit. Zufriedenheit wird im Alltag oft als Synonym für Glücklichsein verwendet. Was ist der Unterschied zwischen einem Menschen, der glücklich ist, und einem Menschen der zufrieden ist?
Glücklich zu sein ist ganz ohne Frage einer der besten Zustände, den man erreichen kann. Hormone überschwemmen uns, wir sind selig. Nur: Echtes Glück kann man immer nur kurzzeitig fühlen – etwa dann, wenn einem etwas Außergewöhnliches gelungen ist oder wenn etwas Schönes ganz überraschend eingetreten ist. Mit der Zeit flaut das Gefühl ab, die zuständigen Hormone werden abgebaut, das Glück ist verflogen. Zufrieden können wir dagegen auf Dauer sein. Es ist ein beständiger Zustand. Beim ersten Hören klingt Zufriedenheit langweilig, eher wie die Stiefschwester des großen Glücksgefühls. Sie ist auch ruhiger und weniger euphorisch, aber dafür ist sie auf Dauer angelegt. Und sie kommt aus dem Inneren und ist deshalb nicht so abhängig von Zufällen.
 

In Ihrem ersten Buch ›Resilienz‹ haben wir anschaulich gelernt, dass Resilienzstrategien erlernbar sind. Gilt dies auch für Zufriedenheit?
Ja, man kann Zufriedenheit lernen. Zufriedenheit ist nämlich gar nicht so sehr ein Gefühl. Sie entsteht vielmehr durch Denkprozesse, und die können wir üben. Wie zufrieden wir sind, ist im Grund das Ergebnis einer inneren Bilanz, die wir ziehen: Was sind unsere Erwartungen an das Leben oder an eine bestimmte Situation? In welchem Maße werden sie erfüllt? Je kleiner die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist, desto zufriedener sind wir. Das bedeutet, dass wir zwei Stellschrauben für unsere Zufriedenheit haben: Wir können versuchen, unsere Ansprüche stärker zu erfüllen. Aber wir können unsere Ansprüche auch herunterschrauben und lernen, mit dem, was ist, zufrieden zu sein. Herauszufinden, welcher Weg in welcher Situation der bessere ist, ist der wichtigste Quell der Zufriedenheit.
 

Warum haben Sie sich so intensiv mit dem Thema Zufriedenheit befasst?
In meinem Buch ›Resilienz‹, in dem es um psychische Widerstandskraft geht, wird klar: Selbstakzeptanz und Zufriedenheit sind ein großartiger Schutz für die Seele. Sie können uns davor bewahren, seelisch krank zu werden. Denn ein zu hohes Maß an Selbstkritik, ein ständiges Streben nach mehr Anerkennung, Geld oder berauschendem Glück macht verletzbar. Schließlich besteht immer die Gefahr, dass diese Anerkennung von außen dann doch nicht eintritt, dass unsere Ansprüche nicht erfüllt werden. Stress und Unzufriedenheit sind die Folge. Um mich herum sehe ich so viele Menschen, die unzufrieden sind mit ihrem Leben, obwohl es ihnen doch, objektiv betrachtet, ganz schön gut geht. Deshalb wollte ich mehr darüber wissen, wie Menschen zufriedener werden können.
 

In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, dass das stete Streben nach Glück sehr unglücklich machen kann. Wieso?
Das klingt ein bisschen paradox, aber es ist so. Schließlich sind auf diesem Weg Enttäuschungen zwangsläufig programmiert, wenn sich das Glück nicht wie gewünscht einstellt. Aber selbst wenn das Streben nach Glück immer wieder von Erfolg gekrönt sein sollte: Es kann auf Dauer gar nicht glücklich machen. Glück ist wie ein Droge. Man will immer mehr davon haben. Das liegt auch daran, dass die Hormone, die in unserem Gehirn Glückszustände erzeugen, Rauschdrogen sehr ähnlich sind. Deshalb müssen wir dauernd die Dosis erhöhen, um wieder Glück zu erleben. Und es gibt noch einen biologischen Grund, weshalb wir umso weniger glückliche Momente erleben, je mehr wir nach Glück streben: Glücksgefühle entstehen vor allem aus dem Unerwarteten, der Überraschung heraus. Aus dem Gefühl, dass etwas besser als erwartet ist. Das heißt aber: Je kalkulierter ein Erfolg ist, desto weniger Euphorie kann er auslösen. Am Ende bleibt immer der schale Beigeschmack, nur das erreicht zu haben, was man längst schon erreicht haben wollte.
 

Lässt sich Zufriedenheit empirisch messen?
Zufriedenheit entsteht aus dem ganz persönlichen Blick auf das eigene Leben. Deshalb kann man sie nicht richtig messen – im Gegensatz etwa zur Lebensqualität. Die wird zum Beispiel dadurch bestimmt, wie die Umstände im Leben eines Menschen sind, ob er gesund ist, Arbeit hat und seinen Bedürfnissen nachgehen kann. Natürlich leidet die Zufriedenheit, wenn es um diese äußeren Umstände schlecht bestellt ist. Aber zufrieden kann man auch ohne all das sein, sofern die mentale Einstellung zum eigenen Leben stimmt. Ob sie stimmt, kann man mit Selbsttests ergründen, wie sie auch in meinem neuen Buch zu finden sind. Da geht es zum Beispiel darum, wie viel man anders machen würde, wenn man sein Leben noch einmal von vorn beginnen könnte, wie fröhlich man ist und ob man sich gebraucht fühlt. Wenn man seine Zufriedenheit verlässlich einschätzen will, muss man aber eines tun: die Fragen offen und ehrlich beantworten.
 

In Mozarts Lied ›Die Zufriedenheit‹ heißt es:
 

»So mancher schwimmt im Überfluß,
Hat Haus und Hof und Geld
Und ist doch immer voll Verdruß
Und freut sich nicht der Welt.
Je mehr er hat, je mehr er will,
Nie schweigen seine Klagen still.«
 

Studien zeigen, dass Zufriedenheit in Deutschland seit den 60er Jahren stagniert, der Wohlstand hingegen relativ stark steigt. Es entsteht das paradoxe Phänomen, dass wir reicher aber nicht zufriedener werden. Woran liegt das?
Geld ist für das Wohlbefinden nicht völlig gleichgültig, so viel ist sicher. Aber es reicht, wenn man finanziell so abgesichert ist, dass man nicht unter Armut leidet. Wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind, steigert mehr Reichtum das Wohlbefinden nicht. Es sind nicht einmal die Bewohner reicher Länder zufriedener als die armer Länder. Auch der Aufstieg von der Mittel- in die Oberschicht wirkt sich nicht auf die Zufriedenheit aus. Weshalb das so ist, dafür gibt es verschiedene Thesen. Am wahrscheinlichsten ist es, dass man sich schnell an bessere finanzielle Verhältnisse gewöhnt, die Ansprüche steigen; man hat nicht mehr täglich das Gefühl, dass man besonders begünstigt ist. Außerdem geht zusätzlicher Reichtum oft mit einem Mangel an Zeit einher. Man hat weniger Zeit für seine Beziehungen. Und Beziehungen sind etwas, das ganz essentiell zur Zufriedenheit beiträgt.
 

Nun ist Zufriedenheit, gerade in einer Leistungsgesellschaft, nicht immer positiv konnotiert. Begriffe wie Genügsamkeit oder gar Stillstand fallen. Ist das ein Fehlschluss?
Ja, das ist Unsinn. Zufrieden zu sein ist durchaus mit Anstrengung verbunden. Es bedeutet nicht, dass man den Kopf in den Sand steckt, sich ständig bescheidet, antriebslos ist oder gar resigniert. Vielmehr geht es darum herauszufinden, wo sich Einsatz wirklich lohnt und wo man nur der Getriebene ist. Das ist nicht faul, das ist klug: Zufriedenheit tritt vor allem dadurch ein, dass man lernt, die kleinen, glückseligen Momente im Leben wieder wertzuschätzen und die großen Visionen freundlich aus der Ferne zu betrachten, während man die realisierbaren Träume umzusetzen versucht. Auch wenn man nach Zufriedenheit strebt, kann man sich für eine bessere Welt engagieren, sich für Menschen in Not einsetzen und Karriere machen.
 

Was läuft in unserem Gehirn ab, wenn sich ein tiefes Zufriedenheitsgefühl ausbreitet?
Wir spüren Zufriedenheit im ganzen Körper. Ein wohliges Gefühl durchströmt den Bauch und setzt sich in alle Gliedmaßen fort. Das Herz schlägt ruhiger, die Atemzüge werden tiefer. Am meisten aber findet Zufriedenheit tatsächlich im Gehirn statt. Dort wird sie vor allem von dem Hormon Serotonin vermittelt. Es gibt uns ein Gefühl der Gelassenheit, der inneren Ruhe, der Ausgeglichenheit und Zufriedenheit. Und zugleich dämpft es viele unangenehme Emotionen, die unsere Zufriedenheit stören würden. Angst, Aggressivität, Traurigkeit und auch Hunger werden weniger, wenn Serotonin aus den Gehirnzellen strömt und sich im Gehirn ausbreitet. Die Botschaft lautet: »Du kannst lockerlassen, du bist satt, keiner bedroht dich, mach dir keine Sorgen.« Und das ist doch wunderbar.

 

Linus Schubert / dtv

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