»Sie jammert, er will sie retten und bringt Lösungsvorschläge, die sie nicht annimmt, woraufhin er wütend wird.«

Empathie, Psychologie und eine gehörige Portion Humor. Wie man miese Spiele durchschaut und wie man sich dagegen wehrt, erklären die erfahrenen Coaches und Trainer Cornelia und Stephan Schwarz in ihrem neuen Buch.

In Ihrem neuen Buch ›Schluss mit Psychospielchen‹ beschäftigen Sie sich mit belastenden Alltagssituationen, die wohl jeder bereits schon mal in irgendeiner Form durchlebt hat. Können Sie uns ein Beispiel für ein Psychospielchen nennen?
Ein bekanntes Psychospiel folgt etwa diesem Muster:

Sie sagt: »Mir geht es so schlecht und ich habe noch so viel zu tun.« (Opfer)
Er sagt: »Nimm doch ein Aspirin und mach dir eine To-do-Liste.« (Retter)
Sie sagt: »Aspirin vertrage ich nicht und To-do-Listen setzen mich unter Druck.« (Opfer)
Er sagt: »Dann mach dir einen starken Espresso und hole dir jemanden zur Hilfe.« (Retter)
Sie sagt: »Beim Espresso überdreh ich und mir hilft sowieso keiner.« (Opfer)
Er sagt: »Meine Güte - jetzt stell dich nicht so an.« (wechselt in den Verfolger)
Sie sagt: »Du bist auch verspannt - nimm du doch ein Aspirin.« (wechselt in den Retter)

Das ist ein klassisches Beispiel, wie sich ein Drama zwischen den Rollentypen »Opfer«, »Verfolger« und »Retter« entwickeln kann. Zusammengefasst: Sie jammert, er will sie retten und bringt Lösungsvorschläge, die sie nicht annimmt, woraufhin er wütend wird. Eine Dynamik und Intensität entsteht, aus die es schwer ist auszubrechen.

In welchen Bereichen unseres Lebens fechten wir solche miesen Spielchen?
Im Grunde kämpfen wir Psychospielchen in allen Bereichen des Lebens. Insbesondere in Liebesbeziehungen tragen wir viele Psychospielchen aus, weil wir dort schneller, unüberlegter und emotionaler handeln. Selbstabwertung und die Abwertung anderer begegnet uns ständig. Und die Konsequenzen sind weitreichend: Eltern, die ihre Kinder abwerten, haben später mit angstgestörtem Nachwuchs zu tun, der wiederum Psychologen und Ärzte beschäftigt. Mobbing und die Abwertung von Kollegen in Betrieben führen zu Demotivation, Krankheiten, Kündigungen und natürlich auch wirtschaftlichen Verlusten. Partner, die ihre Liebsten abwerten, erzeugen Streit und der Hafen der Liebe wird zerstört.

Ist es denjenigen, der diese Psychospielchen spielt, bewusst, dass er manipuliert, abwertet, einschüchtert oder provoziert?
Nein, Psychospiele sind den meisten Menschen nicht bewusst. Die meisten sehen sich nicht als manipulierend, obwohl sie genau das gerade tun.

Gibt es bestimmte wiedererkennbare Mechanismen, wie Psychospiele verlaufen?
Ja. Es gibt mehrere Muster, die zu einer widererkennbaren Dynamik führen. Da ist zum Beispiel die Selbstabwertung, die direkt in eine Opferspirale führt. Der Opfer-Archetyp gibt anderen Menschen und widrigen Umständen die Schuld an seiner Misere. Ein anderer Mechanismus ist die Verfolger-Rolle. Der Verfolger kritisiert, attackiert und schüchtert ein. Durch die Abwertung anderer startet er ein Drama. Ein weiteres bekanntes Muster ist der Retter, der unaufgeforderte Ratschläge verteilt. Dabei übersieht er oftmals, ob jemand überhaupt Hilfe will. Überfürsorge schlägt in Bevormundung über und schon beginnt ein Dramaspiel.

Seit 30 Jahren sind Sie als Coach unterwegs. Was sagt Ihre Erfahrung – haben sich Psychospielchen verändert oder gar intensiviert?
Es sind nicht unbedingt die Psychospiele, die sich geändert haben. Wir gehen sogar so weit zu sagen, dass das Drama seit Jahrhunderten das Gleiche ist. Was sich unserer Meinung nach allerdings geändert hat, ist das Bewusstsein für Abwertung und Manipulation. In den Schulen und Universitäten werden wir nicht tiefenpsychologisch gebildet. Kaum jemand ist sich bewusst, was er aus psychologischer Sicht mit seinem Verhalten anzettelt und welche Steine er mit den Psychospielchen ins Rollen bringt. Die Medien tun hier ihr Übriges. Dort werden wir ständig mit Dramaspielen konfrontiert und sehen diese fast schon als normal an.

Psychospielchen belasten und kosten viel Kraft. Wie können wir innerliche Blockaden lösen um gewinnend aus solchen Situationen herauskommen?
Der erste Schritt ist die Erkenntnis. Wir müssen uns dem Drama bewusst werden. Da scheitert es schon oftmals, denn ohne die Möglichkeit zur Reflexion, wird das Drama immer weitergespielt. Erst wenn das Drama erkannt wird, kann man im intensiven Coaching den Geist neu ordnen und alte Gefühle »enthüllen«. Daher arbeiten wir in unserem Buch auch mit vielen Beispielen. Nach der Erkenntnis kann man neue Reaktionsmuster einüben und vor allem kluge Fragen stellen – und so schließlich aus einer Dramaspirale ausbrechen.

In Ihrem Buch verknüpfen Sie also buddhistische Prinzipien mit praktischen Coachingstipps. Welche Lehren aus dem Buddhismus helfen, um sich gegen Psychospielchen zu wehren?  
Das wichtigste buddhistische Prinzip ist Selbsterkenntnis, ohne den anderen die Schuld zugeben. Ohne Selbsterkenntnis gibt es keine Veränderung. Da zweitwichtigstes Prinzip im Buddhismus ist das »Aufladen und Reinigen« des eigenen Geistes durch Meditation. Praktiziere ich täglich in der Kraft des eigenen Geistes zu ruhen, brauche ich kein Drama um mich lebendig zu fühlen.

Das Interview führte Linus Schubert/ dtv


 

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