Cover: Strom

Interview mit Hannah Dübgen zu ihrem Debüt ›Strom‹

Frau Dübgen, was verbindet Sie mit dem Maler Gerhard Richter?
Sein Werk begleitet mich schon seit meiner Jugend. Besonders faszinieren mich jene Bilder, in denen sich die Grenze zwischen Figurativem und Abstraktem auflöst, das eine zum anderen wird.

Nun ziert ein Werk aus Richters Serie ›Strips‹ Ihren Debütroman. Wie kam es dazu?
Ich konnte mir als Motiv gut etwas Abstraktes vorstellen, das die nebeneinander erzählten Geschichten betont: vier Farben, parallele Linien, Bewegung, etwas Flirrendes. Als Dieter Brumshagen, der bei dtv für die Umschlaggestaltung verantwortlich ist, ein Werk aus ›Strips‹ vorschlug, bat ich Richter in einem Brief, es verwenden zu dürfen. Dabei betonte ich, was ›Strips‹ und ›Strom‹ verbindet: Die (Lebens-)Linien laufen nebeneinander her, sind sich nah, ohne einander zu berühren, jede Linie bleibt eigenständig, und doch ergeben sie gemeinsam etwas anderes, Größeres. Dass Gerhard Richter seine Einwilligung gab, machte den Verlag und mich sehr glücklich, geradezu euphorisch.

Die vier Erzählstränge in ›Strom‹ wechseln von Kapitel zu Kapitel. Wie sind Sie beim Schreiben vorgegangen?
Zuerst habe ich jede Geschichte in groben Zügen entworfen, mich den Charakteren genähert. Dann habe ich die Kapitel aber genau so hintereinander geschrieben, wie sie im Buch erscheinen.

Letztendlich laufen die Fäden doch zusammen: in Israel, einem Ort, »der seit Jahrtausenden Durchgangsstation für Menschen und Vögel gewesen ist«. Haben Sie das von vornherein so geplant?
Ich wusste, dass es einen Fluchtpunkt, einen Ort geben wird, an dem die vier Protagonisten am Ende zusammenkommen; dass es Jerusalem ist, wurde mir während des Schreibens, nach Judiths Tod klar.

Sie haben schon für die Oper oder das Theater geschrieben, wo Sie sich auf eine Musik, ein Thema, eine Geschichte beziehen konnten. Wie war im Vergleich dazu die Arbeit am ersten Roman?
Große Freiheit bedeutet große Verantwortung! (lacht) Es war wunderbar, so aus dem Nichts schöpfen zu können. Zumal ich von Anfang an eine ziemlich genaue Vorstellung von der Romanform hatte. Ich musste aber erst ins Schreiben kommen, um zu merken, dass diese Vision funktioniert. In der Phase hätte ich ungern aus dem Schreibprozess heraus berichtet oder mit anderen diskutiert – das, was das Schreiben fürs Theater so interessant und angenehm macht: Es gibt immer einen Dialog, andere kreativ Mitwirkende.

 Allerdings haben Sie es sich auch nicht leicht gemacht: ›Strom‹ spielt in vielen Ländern, neben den vier Protagonisten gibt’s jede Menge Nebenfiguren …
Gerade die Nebenfiguren sind ja oft Verbindungspunkte, eine Person tritt in mehreren Geschichten auf, hat zu zwei Protagonisten eine Beziehung. Außerdem hat jede Episode, jedes Land seine Figuren. Mir kam das Personal gar nicht so groß vor … vielleicht, weil die Nebenfiguren stets eine Funktion haben, Teil einer bestimmten Welt sind. Ich habe versucht, das willkürliche Auftreten von Personen zu vermeiden.

Wenn diese Personen verschiedener Nationalitäten aufeinandertreffen, reden sie nicht wegen Sprachbarrieren aneinander vorbei: Spannend fand ich die Mentalitätsunterschiede zwischen Japanern und Amerikanern beim Geschäftemachen. Woher wissen Sie so etwas?
Ich bin für dieses Buch viel gereist und war länger im Ausland, um die Menschen dort kennenzulernen, einen Einblick in ihr Leben, ihren Alltag zu bekommen. In Tokio habe ich genau so eine Firma besucht wie die, für die der Investmentmanager Jason arbeitet. Zudem kenne ich aus Studienzeiten ein paar Leute, die in diesem Bereich tätig sind. Mit ihnen habe ich lange Gespräche geführt, aus denen dann die Geschichte von Jason entstanden ist.

Ada ist es wie Nachhausekommen, als sie nach Monaten in Berlin ein ihr vertrautes Café in Gaza betritt. Kennen Sie das Gefühl?
Ja. In Berlin, wo ich seit ein paar Jahren lebe, spüre ich an manchen Orten diese Vertrautheit, und am Meer. Ein ähnliches Heimatgefühl habe ich aber auch, wenn ich vertraute Musik höre, Büchern oder Menschen begegne, die mir nah, die Teil meines Lebens sind.

Und welche Ihrer Romanfiguren ist Ihnen am nächsten?
Schön ist, dass ich diese Frage nicht beantworten kann. Bei jedem gibt es Aspekte, Gedanken oder Charakterzüge, die mir nah sind, und anderes, das mir fremder ist.

»Was zählt, ist die Gegenwart, und die Zukunft«, sagt der Amerikaner, woraufhin die Japanerin antwortet: »Ohne Vergangenheit keine Zukunft.« Was zählt für Sie?
Alles drei: Vergangenheit und Zukunft sind Teildimensionen der Gegenwart. Man muss auf gewisse Art an die Zukunft glauben, um handeln zu können. Deshalb ist auch jene Perspektivlosigkeit, die Maha im Gazastreifen um sich herum erlebt, so erdrückend und gesellschaftlich gefährlich. Wenn in einem Land extrem hohe Arbeitslosigkeit schon unter Jugendlichen herrscht und die Menschen sich einfach keine Zukunft mehr vorstellen können beziehungsweise das Gefühl haben, keinen Handlungsspielraum zu haben, dann hat die Gegenwart keine dritte Dimension, keine stabilen Pfeiler mehr.

 
Das Interview führte Tina Rausch, freie Journalistin

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