Interview mit Tom Rachman zu ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹

Wenn Sie jemandem den Inhalt von ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹ in zwei Sätzen zusammenfassen sollten – was würden Sie sagen?
Tooly Zylberberg ist an vielen Orten der Welt aufgewachsen, einige merkwürdige Erwachsene kümmerten sich um sie, gaben ihr zu essen und erzogen sie – und dann machten sie sich aus dem Staub. Heute führt Tooly eine kleine Buchhandlung in Wales und versteckt sich vor ihrer verstörenden Vergangenheit, bis sie eines Tages eine Nachricht erhält, durch die sie, die passionierte Leserin, dazu veranlasst wird, die Geschichte ihres Lebens Stück für Stück zusammenzufügen.

Wie kamen Sie zu der Idee für den Roman?
Merkwürdigerweise tauchte eines Tages in meinem Kopf ein Bild auf: Ein kleines Mädchen wird in einen Raum geführt, dann schließt sich hinter ihm die Tür. In dem Raum befinden sich zwei erwachsene Männer. Sie schauen auf, aber sagen nichts. Die Zeit vergeht, aber niemand kommt, um das Kind abzuholen. Wie geht es weiter? Daraus entstand der Roman.

Waren für diesen Roman Recherchen nötig? Wie lange brauchten Sie, um ihn zu schreiben?
Ich bin nach Thailand, Italien, New York und Wales gereist, um die Schauplätze zu recherchieren. Das Schreiben und Überarbeiten dauerte etwa drei Jahre, und dann brauchte ich noch einmal ein Jahr für die Endredaktion. In dieser Zeit hätte man ein ganzes Studium beenden können! Ich hoffe, das Buch hat von den Bemühungen und Ideen all dieser Jahre profitiert.

Der Roman spielt an vielen verschiedenen Orten. Wie kamen Sie zu dieser Auswahl, und was bedeuten die Schauplätze für sie?
Die Figuren in diesem Roman wissen nicht, wo sie hingehören. Sie haben keine Wurzeln und keinen Halt. Deshalb waren mir verschiedene Schauplätze von Asien über Europa bis hin zu Nordamerika wichtig. New York etwa (dort spielen die Szenen um die Jahrtausendwende) verkörperte für mich den Gipfel westlichen Selbstbewusstseins, als man - vor 9/11, vor dem Krieg gegen den Terror und vor der Finanzkrise - das Gefühl hatte, dass der Freie Markt und die Demokratie die westliche Welt erobert hatten und New York das unbestrittene strahlende Zentrum jener Welt war. Dieser Glaube wurde in den folgenden Jahren erschüttert. Einige Gegenwartszenen spielen in Wales, und diesen Ort habe ich gewählt, weil ich wollte, dass Tooly sich genau in die entgegengesetzte Richtung bewegt – vom Zentrum der Welt, New York, an ihre Ränder (die wilde Landschaft von Wales).

›Der Aufstieg und Fall großer Mächte‹ ist ein ungewöhnlicher und auffälliger Romantitel. Könnten Sie ihn ein wenig erläutern?
Der Titel hat drei Bedeutungen.
Erstens: das Wachsen und der Verfall von Fähigkeiten im Laufe eines Menschenlebens. In der Kindheit beginnt man, sie zu erwerben, im Erwachsenenalter begreift man dann die Grenzen der eigenen Fähigkeiten und Lebensumstände, dann folgt der Niedergang im Alter – zentrale Figuren in dem Roman durchlaufen jene Phasen.
Zweitens: Das Auf und Ab großer Kräfte im Sinne von bestimmten Modeerscheinungen, seien es Leute oder auch Ideen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt im Mittelpunkt stehen, und irgendwann später wieder in Vergessenheit geraten.
Drittens: Die herkömmliche Bedeutung großer Mächte, womit der Aufstieg und Fall von Weltreichen oder von politischen sowie gesellschaftlichen Kräften gemeint ist. All diese Facetten ›großer Mächte‹ bewegen sich im Hintergrund, während die Romanhandlung von der Gegenwart ins Jahr 2000 und weiter in die späten achtziger Jahre zurückspringt.

Ihr Romandebüt ›Die Unperfekten‹ beschäftigte sich mit dem Niedergang der Presse. In ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹ geht es um die Welt der Bücher. Können Sie dazu etwas sagen?
Ich möchte interessante Geschichten über außergewöhnliche Menschen und ihre Lebensläufe schreiben. Mich fasziniert, wie sehr wichtige Zeitthemen oft nur den Hintergrund für die Dramen in individuellen Schicksalen abgeben. Beide, die Presse und die Welt der Bücher, prallen frontal auf die Welt der Technologie, und das führt in unserer Kulturgeschichte zu Veränderungen, die in ihrer Plötzlichkeit einzigartig sind. Es sind veränderliche und fruchtbare Zeiten – sowohl um in ihnen zu leben als auch um über sie zu schreiben.

Was bedeutet Ihnen eine Buchhandlung?
Wenn ich im Ausland bin, wenn ich mich einsam fühle, finde ich auf den Regalen einer Buchhandlung Gefährten. In Büchern haben sich die besten Köpfe auf unnachahmliche Art und Weise verewigt – es sind Menschen, denen ich niemals begegnen werde, vielleicht teile ich mit ihnen weder die Sprache, noch einen Ort, vielleicht nicht einmal das Jahrhundert, aber ich bin mit ihnen befreundet. Eine Buchhandlung ist mithin ein Ort, an dem meine Freunde sich aufhalten. Außerdem liebe ich das Buch an sich, für mich sind Bücher mehr als nur Gegenstände, die Information enthalten, sie repräsentieren für mich jeweils ein Leseerlebnis. Und so enthält jedes Buch, das ich gelesen habe – ob ich es nun mochte oder nicht – die Berührung meines veränderlichen Selbst mit dem unveränderlichen Text. Ich liebe Buchhandlungen und werde so lange es sie gibt – und ich hoffe, es wird sie noch sehr lange geben – nicht aufhören in ihnen herumzustöbern.

Wenn Sie die größten Unterschiede zwischen ›Die Unperfekten‹ und ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹ in Bezug auf Ihr Schreiben und Ihre Absichten zusammenfassen müssten – was würden Sie antworten?
Ich wollte in diesem Roman ein größeres Bild zeichnen, (im Hintergrund) die tiefgreifenden Umwälzungen der letzten fünfundzwanzig Jahre skizzieren. Außerdem gibt es in diesem Roman eine einzige Hauptfigur, während in meinem Debüt jedes Kapitel eine andere zentrale Figur hat. In ›Die Unperfekten‹ nutzte ich bei der Schilderung des Handlungsorts meine Erfahrungen als Journalist, während in diesem Roman die Schauplätze weitgehend recherchiert sind oder meiner Fantasie entspringen. In meinem Debüt sind die einzelnen Geschichten lose miteinander verknüpft und greifen das Aufeinanderprallen von traditionellen Nachrichtenmedien und Technologie auf. Auch in diesem Roman sieht sich eine Buchhändlerin durch technologische Veränderungen bedroht, aber das Ganze geht anders aus. Vielleicht besteht für Bücher mehr Hoffnung als für Zeitungen! Ich halte ›Aufstieg und Fall großer Mächte‹ für das ehrgeizigere Projekt und hoffe, dass die Leser den Roman anregend finden, dass er ihnen Lust aufs Nachdenken macht – und dass sie ihn mögen.

Das Interview führte Marianne Bohl (dtv), aus dem Englischen von Sylvia Spatz

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