Katrin Einhorn: Pizza-Connection

Neulich im Internet: Ich öffnete Facebook und was sprang mir entgegen? Eine Freundschaftsanfrage. Der Absender: Anna Nüwel. Ich war baff. Anna Nüwel wollte meine Freundin sein? Ein Teil meines Lebens werden? Virtuell mit mir durch dick und dünn gehen? Welch eine Geste, welch ein erhabener Moment!
Schade nur, dass ich Anna Nüwel nicht kannte. Der Name sagte mir rein gar nichts und das Profilbild noch viel weniger. Mit einem Klick löschte ich die Anfrage. Leute, die wahllos Freunde sammelten, hatte ich gefressen. Wie sagte schon Aristoteles? »Freundschaft, das ist eine Seele in zwei Körpern.« Eine Definition, die vielleicht nicht auf jeden einzelnen Facebook-Freund zutraf, aber definitiv auf eine Person: Marie.
Marie war meine beste Freundin. Wir kannten uns seit dem Kindergarten und ich baute fest darauf, dass wir uns in ferner Zukunft in derselben Seniorenresidenz einmieten würden. Wir hatten beide eine Schwäche für Pizza und pflegten eine ganz besondere Tradition: Wenn wir zusammen essen gingen, teilten wir uns eine XL-Version der Sorte »Vier Jahreszeiten«, denn Marie liebte Artischocken und Pilze, während ich für Schinken und Tomaten meine letzten Turnschuhe hergeben würde.
Ich beschloss, meine Freundin zu überraschen. Freitagsabends hatte sie ein festes Date mit ihrem Sofa, freute sich aber immer über Besuch. Besonders, wenn der Besuch eine ofenfrische Pizza im Gepäck hatte. Ohne Umwege suchte ich den Italiener unseres Vertrauens auf. Und wen entdeckte ich dort? Marie! Neben ihr: eine Fremde. Die beiden hockten an einem winzigen Tisch und hatten zweifellos ein ganz besonders lustiges Thema am Wickel. Ihr Gelächter verebbte erst, als ihnen die Bedienung ein knuspriges Wagenrad kredenzte. Der Belag kam mir bekannt vor: Pizza Vier Jahreszeiten.
Ich fühlte mich verraten. War diese Fremde etwa Maries neue beste Freundin? Ihretwegen hatte sie sich also seit Wochen nicht gemeldet! Eine bittere Erkenntnis schoss mir durch den Kopf: Für Aristoteles war Freundschaft eine Seele in zwei Körpern, für mich war Freundschaft eine Pizza in zwei Mägen.
Ich atmete tief durch. Als erwachsener Mensch konnte ich mit dieser Situation natürlich souverän umgehen. Souverän beschloss ich, das Weite zu suchen. Noch bevor ich meinen Plan umsetzen konnte, entdeckte mich Marie. »Hallo!« Sie winkte, als hätten wir uns Jahrzehnte nicht gesehen. Ich hatte keine Wahl – und keine Ahnung, wie ich die Sache mit der Souveränität angesichts einer Pizza Vier Jahreszeiten auf die Reihe kriegen sollte.
Plötzlich sprang die Fremde auf und schlang ihre Arme um mich. »Du hast dich ja kaum verändert!« Sie rubbelte über meinen Rücken, als wäre ich halb erfroren. Ich stutzte. »Kennen wir uns?«
»Anna Nüwel.« Die Fremde ließ von mir ab und grinste. »Bei unserem letzten Treffen haben wir noch mit Puppen gespielt.«
Ich starrte sie an, und allmählich dämmerte es mir. Aber natürlich! Der Kindergarten! Anna, Marie und ich hatten zusammen die rote Gruppe besucht, vor uns war kein Sandkasten sicher gewesen. Unglaublich, wie viel Zeit seitdem vergangen war!
»Anna hat mich heute auf Facebook angeschrieben«, sagte Marie. »Ganz spontan, weil sie zufällig in der Stadt ist. Dich übrigens auch. Wir haben ewig versucht, dich anzurufen.«
Mein Handy, das ich während der Arbeit lautlos gestellt hatte, zeigte sieben Anrufe in Abwesenheit. Ich setzte mich, und Marie reichte mir Besteck. Wer hätte das gedacht? Vier Jahreszeiten konnte man auch prima durch drei teilen!

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