Ein paar Stunden später, es beginnt bereits zu dämmern, ordnet Vicky im Dachgartenrestaurant die Blumen in den Vasen. Die Tische für die geladenen Gäste sind mit weißen Damastdecken und Silberbesteck eingedeckt. Die Glastüren stehen zur Terrasse hin offen. In die Stimmen der Gäste mischt sich Musik, die Tanzkapelle spielt die ersten Takte eines Walzers. Während Vicky die Kerzen anzündet, geht es zu Ragtime über, und beim lang gezogenen Ton einer Trompete fällt Vicky das Streichholz aus der Hand. Sie steht da und sieht zu, wie die Glut einen schwarzen Fleck in das weiße Tischtuch frisst.

Der Abendhimmel hat sich rot gefärbt. Lächelnd reicht Vicky auf der Terrasse den Gästen die Gläser, auch wenn ihr das Tablett schwer wird. Auf einmal schweben die ersten Töne heran – ihr Lied! Vickys Herz setzt aus, stolpert dem Takt hinterher, zu dem sie das erste Mal mit ihm den Shimmy getanzt hat. »Ausgerechnet Bananen, Bananen verlangt sie von mir. Was braucht man beim Küssen von Obst was zu wissen. Da ist doch nicht Zeit dafür!« Bei diesem Tanz, da wurde man von Kopf bis Fuß durchgeschüttelt, und nach dem ersten Shimmy mit Harry, da hörte das Schütteln so bald nicht wieder auf. Seitdem hieß Harry, wenn sie allein waren, für sie nur noch Shimmy. Wo ist er? Sie muss jetzt und hier zu diesem Lied mit ihm tanzen!

Eine Hand streckt sich ihr entgegen, es dauert einen Moment, bevor Vicky begreift, dass der Herr im Smoking ein Glas von ihr möchte. Sie hält es ihm lächelnd hin, da schneidet jäher Schmerz in ihren Bauch. Das Glas fällt zwischen ihnen zu Boden, wie in Zeitlupe sieht sie es fallen, auf den Steinen der Dachterrasse zerschellen. Sie dreht sich um und lässt den verdutzten Herrn stehen. Harry, ich muss ihn finden, weiter kann sie nichts denken, während sie blind durch die Menge steuert. Ich sterbe. Harry. Ich muss dich finden.

Endlich, als sie schon eine Ewigkeit herumgeirrt ist mit dem schneidenden Schmerz im Bauch, entdeckt sie ihn. Neben seinem Vater, der dem Bürgermeister die Hand schüttelt, umringt von Menschen, steht Harry. Voller Furcht und Flehen richtet Vicky ihre Augen auf ihn. Ich sterbe. Harry. Du musst mir helfen. Nur eine Sekunde treffen sich ihre Blicke. Harry sieht sie an und sieht durch sie hindurch wie durch eine Fremde. Da wendet sie sich von ihm ab und flieht ins Innere des Kaufhauses.

[…]

Rechts und links ein Klaps gegen ihre Wangen. Eine heisere, fremde Stimme: »Wach auf, Mädchen! Wach auf!« Zigarettenrauch brennt in ihren Augen, und als Vicky sie öffnet, erscheint in der Rauchwolke dicht vor ihr ein hageres Gesicht. »So is es brav, Mädchen!« Die Alte ist hässlich, denkt sie, aber es muss eine gute Hexe sein. Ihre Stimme klingt beruhigend, und die Hand, die ihr Handgelenk umfasst hält, ist angenehm kühl. Sie legt den Kopf auf den rauen Stoff zuruck, einen Sack mit Aufdruck. »Deutsche Reichspost« liest Vicky, ohne zu begreifen, und will die Augen wieder schließen. Doch die Alte zwingt sie, sich aufzurichten. Wie eine Nussschale auf hoher See wird sie hin und her geworfen. Nur die kühlen Hände und die Stimme der Alten lotsen sie durch den Sturm. Ein Ufer kann sie nicht erkennen, sich nicht einmal vorstellen. Und doch ist unter allem Aufruhr in ihrem Inneren ein totenstiller Punkt.

Irgendwann ist noch jemand im Raum, legt sich ein zweites Paar Hände auf ihre Schultern, an ihren Kopf, kräftige Hände, kräftig und warm. Eine tiefe, ruhige Stimme spricht zu ihr. Und als ihr eigenes Wimmern und Stöhnen verstummt ist, erfüllt den Raum ein gellender Schrei. In den Schrei mischt sich ein Prasseln und Knarren wie von Schüssen, das durch das hoch gelegene schmale Fenster dringt. »Was ist das?«, fragt Vicky benommen. »Haben wir Krieg?«

»Unsinn!« Die Alte bläst Rauch durch die Nase. »Wir haben ein Kind.«

Vor dem Fenster fallen rot und grün leuchtende Kugeln herab. »Ein Feuerwerk«, sagt der Mann, der ihr den Rücken zuwendet und eine Zimmermannskluft trägt. »Das Kind muss eine Königin sein.«

»Schere und Bindfaden«, weist die Alte ihn an. Der Mann kramt in den Schubladen, überreicht ihr beides, ohne in Vickys Richtung zu schauen. Die Alte durchtrennt die Nabelschnur, verfrachtet das Kind auf die Paketwaage und verkündet: »Zweitausendachthundertfünfzig Gramm.«

»Ist ein Mädchen«, sagt der Zimmermann, und die Alte legt ihr das feuchtwarme Bündel auf den Bauch. »Vielleicht is der Vater ‘n englischer Lord«, meint sie und steckt sich mit den noch blutigen Händen die nächste Zigarette an. »Oder ein Schessmusiker. Wo isser denn jetzt, der Herr Schimmy?«

»Elsa«, sagt Vicky, als sie die Arme um das Bündel schließt. »Sie soll Elsa heißen.«

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