Nancy Williams im Interview mit
Antonelio Guerrera

»Ich erzähle euch, wie John Williams wirklich war«


»Wir sind uns 1959 zum ersten Mal begegnet«, erinnert sich Nancy. »Damals studierte ich an der University of Denver in Texas.«

Und dann?
Dann haben wir uns verliebt, eine Liebe, die mehr als dreißig Jahre währte. Ich habe schöne Erinnerungen an ihn. Vielleicht zu viele. Er hat mich jeden Tag zum Lachen gebracht.

Ach! Wenn man ›Stoner‹ liest, im Mittelpunkt dieser graue und triste Professor, würde man das nicht denken.
Doch. Er war unglaublich humorvoll. Ich bin noch nie auf die Idee gekommen, dass John Ähnlichkeit mit Stoner haben könnte. Mein Mann war viel weltoffener und weniger passiv als die Romanfigur.

Schwer zu glauben.
John hätte in seinen Romanen niemals von sich selbst erzählt. Aus dem einfachen Grund, weil er sich selbst langweilig fand. Es stimmt, mein Mann kam wie Stoner vom Land, und er arbeitete ebenfalls als Uniprofessor. Und ganz sicher hat sich John am Anfang seiner Karriere in einem Nest wie Denver recht einsam gefühlt. Aber alles andere passt nicht zusammen. Er selbst sagte mir übrigens, ›Augustus‹ sei ein wahrhaft autobiographischer Roman.

Warum?
Hin und wieder gefiel es ihm, sich als Kaiser zu imaginieren.

Ein Kaiser, der – mit Ausnahme des National Book Award im Jahr 1972, übrigens für ›Augustus‹ – zu Lebzeiten keineswegs erfolgsverwöhnt war.
Er hat sich nie darüber beklagt. Er hatte als junger Mann im Zweiten Weltkrieg gekämpft und im Gegensatz zu vielen seiner Kameraden überlebt. Dann gelang es ihm, sich aus einem langweiligen, seelenlosen und kräftezehrenden Landleben in Texas zu befreien. Und er wurde ein von allen geschätzter Professor mit einem ordentlichen Gehalt, Freunden und Kollegen. Er hat niemals bedauert, dass ihm Ruhm versagt bliebt.

Hat Williams wegen des ausbleibenden Erfolgs nie daran gedacht, die Schriftstellerei an den Nagel zu hängen?
Doch, anfangs schon. ›Stoner‹ wurde von sechs Verlagen abgelehnt. John war enttäuscht und wollte mit dem Schreiben aufhören. Er meinte es ernst, und ich war zu Tode erschrocken. Doch dann hat Viking Press beschlossen, den Roman zu veröffentlichen. Danach kam ›Augustus‹.

Und darauf ›The Sleep of Reason‹, sein letzter Roman, der unvollendet blieb.
Ja. Nicht zuletzt wegen seiner Alkoholprobleme.

Trank er sehr viel?
Ja. Das war für uns alle, Familie und Freunde, sehr schwer.

Wo stand er politisch?
Im linken Zentrum. Aber die Politik interessierte ihn nicht sehr.

Las er viel?
Sehr viel. Besonders William Shakespeare, Thomas Hardy, W.B. Yates und Robert Penn Warren schätzte er sehr. Denken Sie nur, er war noch ein Junge, da verlieh ihm die Bibliothek in der Nähe seiner Heimatstadt Clarksville in Texas einen Preis, weil er sich von allen Nutzern in einem Jahr die meisten Bücher ausgeliehen hatte.

Wie arbeitete John Williams?
Ruhig, diszipliniert und sehr methodisch. Er hasste es, seine Texte zu überarbeiten. Normalerweise begann er am frühen Morgen mit dem Schreiben, nachdem er mit mir einen Kaffee getrunken hatte. Er arbeitete drei, vier Stunden lang an einer Seite, mitunter schaffte er auch drei. Dann zog er sich abends erneut für zwei, drei Stunden in sein Büro zurück, um die Arbeit für den nächsten Tag vorzubereiten.

Und sein Garten?
Er hatte einen riesigen Garten. Wenn er mit dem Schreiben nicht mehr weiterkam, ging er dorthin. Die Gartenarbeit gefiel ihm, weil er dabei nicht nachdenken musste.

Hat er mit Ihnen über den Tod gesprochen?
Nein, niemals. Kurz bevor er starb, fragte er mich, was ich weiter anfangen wolle. Ich antwortete ihm, dass ich in Fayetteville (in Arkansas, dort ist Williams gestorben, Anm. d. Red.) bleiben wolle.

In ›Stoner‹ wie auch in ›Nothing but the night‹ sind die Frauenfiguren recht komplex. Wie ist es Ihnen bei der Lektüre von ›Stoner‹ ergangen? Konnten Sie sich mit diesen kalten und zynischen Charakteren identifizieren?
Nein. Wir haben eine glückliche Ehe geführt, sonst wären wir nicht so lange zusammengeblieben. John liebte Frauen, soweit ich weiß. Bevor ich ihn kennenlernte, hatte er es nicht leicht gehabt, auch nicht, was das Eingewöhnen [in Denver] anging. Doch er war Künstler. Und ein Künstler setzt seine Erfahrungen um.

Und was wissen Sie über seine Mutter? Im Roman ›Nothing but the Night‹ist sie Traum und Albtraum zugleich.
Er hat fast niemals von ihr gesprochen. Sie habe leidenschaftlich gern gelesen, sagte er über sie, und habe nach der Wirtschaftskrise 1929 ein schweres Leben gehabt. Doch nach seinem Tod habe ich alles verstanden – er hat sie so geliebt, dass er keine Worte dafür fand. Er war eine Liebe, die zu groß war für Worte.

Nancy Williams im Gespräch mit Antonello Guerrera in ›La Repubblica‹ (28. Februar 2014); Übersetzung: Sylvia Spatz
© 2014 La Repubblica
Der Verlag bedankt sich bei Nancy Williams für die freundliche Zustimmung zur Veröffentlichung des Fotos.

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