Playlist zum Buch von Lori Ostlund

Ich höre keine Musik, wenn ich schreibe, vor allem keine Musik mit Text. Ich kann auch nicht schreiben, wenn Leute im selben Raum sind und zunehmend nicht einmal mehr, wenn sie in Räumen in der Nähe sind. Früher konnte ich in einem Arbeitszimmer mit einem Fenster schreiben, aber es lenkte mich zu sehr ab, weshalb ich die vielen Teile von ›Das Leben ist ein merkwürdiges Ort‹ im Sommer 2013 in unserer Keller-Garage zusammengesetzt habe. In einem Raum, technisch gesehen mit einem Fenster, das aber in die Garage zeigt und die Aussicht auf unsere Mülltonnen eröffnet. Trotz meines Bedürfnisses, in einem Vakuum zu schreiben, gebe ich mein Bestes, darüber nachzudenken, wie ich zu Musik schreibe. Vielleicht wie ich ins Auto steige und fahre, während ich Bob Dylan oder Pink Martini höre, wie ich koche, während auf meinem Computer Willie Nelson, Aretha Franklin und die Violet Femmes im Shuffle-Modus laufen. Oder wie ich ein Konzert im San Francisco Jazz Center besuche. Denn auch wenn das Buch nicht zu Musik geschrieben wurde: Es wurde ziemlich sicher zu Musik erdacht.

 Zur Playlist auf Spotify

›99 Luftballons‹, Nena (die deutsche Version): Mein Partner (okay, meine Frau) hasst diesen Song, aber ich bestehe darauf, dass er am Beginn jeder längeren Autofahrt läuft. Das bedeutet, dass wir jede längere Autofahrt mit einem Streit anfangen, aber der Song versagt niemals darin, mich aufzuwecken und gut in den Tag zu bringen. ›Das Leben ist ein merkwürdiger Ort‹ beginnt mit einer Abreise: Aaron, der Protagonist, steigt in einen Möbeltransporter und verlässt seinen Partner nach 20 gemeinsamen Jahren mitten in der Nacht. Ich habe oft Nena gehört, während ich das Buch geschrieben habe, aber, um ehrlich zu sein, ich glaube nicht, dass Aaron ›99 Luftballons‹ gehört haben könnte, als er davonfuhr, weil ich nicht glaube, dass er in der Stimmung für beflügelnde Töne war.

Aaron zieht nach Californien, deshalb ist Led Zeppelin's ›Going to California‹ auch ein Kandidat für diese Liste, weil auf Aaron ganz bestimmt zutrifft: "going to California with an aching in [his] heart." Außerdem sind wir, Aaron und ich, beide gleich alt, geboren 1965. Led Zeppelin spielte eine große Rolle in meiner Jugend … obwohl, in seiner vielleicht nicht. Ich bin kein riesen Zeppelin-Fan, aber ich verbinde sie mit Unterwegssein. Fast jedes Mal, wenn ich durchs Land fahre, komme ich auf Strecken, auf denen die einzigen (tolerierbaren) Radiosender diejenigen sind, die Led Zeppelin und ähnliche 70er-Bands spielen. Radiosender, die mir sehr männlich vorkommen, und mich deshalb nostalgisch werden lassen. Ich glaube nicht, dass diese Sender Aaron gefallen würden. Später im Buch macht er eine weitere lange Fahrt, von Minnesota nach Needles, Californien, mit einem Zwischenstopp in North Platte, Nebraska, wo ich schon mehrere Male die Nacht verbracht habe und wo ich immer auf diese 70er-Rock-Sender stoße. Trotzdem, auch wenn ›Going to california‹ genau zu den Ereignissen am Anfang des Buches passt und auch wenn es ein Song ist, für den ich viel Zuneigung habe: Ich denke nicht, dass er die Stimmung im Möbeltransporter trifft, wenn Aaron Albuquerque verlässt und auf der I-40 Richtung Westen fährt.

Ich glaube, dass Aarons Stimmung an diesem Morgen am besten wiedergegeben werden kann von Johnny Cash's ›Sunday Morning Sidewalk‹ oder Nina Simones Version von ›Mr. Bojangles‹. Beides Songs, die ich mir anhöre, wenn ich in einer bestimmten melancholischen Stimmung bin. Für mich erzählen sie beide von Einsamkeit, und Einsamkeit ist eines der Hauptthemen des Buches.

›Sunday Morning Sidewalk‹: Von 1998 bis 2005 besaßen meine Frau und ich einen asiatischen Möbelladen in Albuquerque, New Mexico, und jeden Sonntag Morgen, wenn wir den Laden öffneten, hörten wir Johnny Cash. Als Aaron seinen Partner verlässt, leben sie seit neun Jahren in Albuquerque und Aaron isst jeden Freitag (geheim) zu Mittag im Miltons’s, einem Diner an der Central Avenue, das es inzwischen nicht mehr gibt, aber das einer der zentralen Punkte in meinem Leben in Albuquerque war - vor allem, als ich an der Uni war und mich getrennt habe. Es hatte 24 Stunden am Tag geöffnet und man bekam ein Chorizo-Frühstücks-Burrito mit Rösti-Ecken und grünem Chili für $3.50. Die Central Avenue war ein Teil der Route 66, deshalb gibt es dort überall Motels, die schon bessere Zeiten gesehen hatten. Im Roman geht Aaron ins Diner und beobachtet fasziniert die Männer, die in diesen Motels wohnen und im Diner essen, einsame Männer, die eigenbrötlerische Leben führen. Unser Laden lag an einem anderen Abschnitt der Central Avenue, aber zwischen derselben Art von Motels, die dieselbe Art von Männern anzog. Manche von ihnen kamen in den Laden, um sich zu unterhalten und uns bei eigenwilligen Aufgaben zu helfen. Wir nannten sie die Sunday Morning Sidewalkers.

›Mr. Bojangles‹, vor allem Nina Simones Version, ist ein weiterer Song, der ein Leben in Einsamkeit auf wunderschöne Weise einfängt. Im Roman ist Aaron ein einsamer Mann, der sein bisheriges Leben damit verbracht hat, sich die Geschichten anderer einsamer Menschen anzuhören. Wenn ich mir diesen Song anhöre, bricht mir immer das Herz an der Stelle, wenn der Hund, sein einziger Freund, stirbt … »up and dies«.

›Skyway‹, The Replacements: Etwa die Hälfte des Buches spielt in Minnesota, wo ich die ersten 23 Jahre meines Lebens verbracht habe. Wenn ich über Songs nachdenke, die sich eindeutig nach Minnesota anhören, ist ›Skyway‹ einer von ihnen.  Wenn Sie jemals in Minneapolis waren, kennen Sie die Skyways: diese Wege über die Straßen, die die Häuser verbinden, so dass die Leute nicht ins Kalte raus müssen. »You take the skyway, high above the busy little one-way/In my stupid hat and gloves …«
›Chances Are‹, Johnny Mathis: Ich werde nicht lügen … ich liebe diesen Song. In Uni-Zeiten habe ich ihn rauf- und runtergehört, weil die Taucherbar, in der ich rumgehangen bin, Jack’s (ebenfalls an der Central Avenue zwischen Motels), ihn in der Jukebox hatte. Er hat so eine zaghafte Hoffnung in sich, die mir sagt: »Guess you feel you'll always be the one and only one for me/And if you think you could/Well, chances are your chances are awfully good.«

Dvorak's ›New World Symphony‹ ist, glaube ich, der einzige Song, der tatsächlich im Buch genannt wird. Aaron geht ins Sinfoniekonzert an einem Nachmittag, ist zu früh da und geht zur Civic Center Plaza, um die Zeit totzuschlagen. Dort sieht er eine Gruppe junger, obdachloser Leute mit einem Rasierer, die sich gegenseitig die Unterarme rasieren. Er ist zugleich schockiert und berührt von der Intimität. Als ich diese Passage schrieb, hatte ich mir gerade ein Konzert der ›New World Symphony‹ angehört. Am nächsten Tag legte ich eine Dvorak-CD auf und hörte sie mir an, während ich schrieb – das einzige Mal, das ich zu Musik schrieb, an das ich mich erinnere. Ich sollte erwähnen, dass ich sehr wenig über klassische Musik weiß. Als ich sie mir anhörte, tat ich das also auf einer emotionalen (im Gegensatz zu einer intellektuellen) Ebene. Tatsächlich glaube ich, dass der Grund, warum ich keine Musik höre, wenn ich schreibe (nicht einmal Songs ohne Text), ist, dass ich am besten schreibe, wenn meine eigenen Gefühle ausgeglichen sind. Und wenn ich Musik höre, sind sie das selten.

Die Playlist erschien im Original auf www.largeheartedboy.com.

merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel

warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand

My dtv


Jetzt registrieren