Cover: Remember Mia

»Ich muss mich erinnern, um sie zu finden.«

Eine junge Frau erwacht in einem Krankenhausbett und weiß nicht, wie sie dorthin gekommen ist. Nach Auskunft der Ärzte hatte Estelle einen Autounfall und wurde am Grund einer Schlucht aus ihrem verunglückten Wagen geborgen – schwerverletzt. Doch nicht alle Verletzungen stammen von dem Unfall. Es ist auch eine Schusswunde dabei. Hat jemand versucht, sie zu töten? Oder … wollte sie Selbstmord begehen? Estelle kann sich an nichts erinnern, und erst langsam dringt die wichtigste Frage in ihr Bewusstsein: Wo ist Mia, ihre sieben Monate alte Tochter?

»Ein hochspannender, toll geschriebener Thriller.« BookPeople

»Kaffee brauchen Sie nicht mehr, wenn Sie dieses Buch lesen – Ihr Herzschlag wird sich mit jeder Seite beschleunigen.« Huffington Post

Der Rest ist Erinnerung

Die Veröffentlichung meines Debütromans ›Remember Mia‹ kommt näher, und ich erinnere mich wieder an den holprigen Beginn meines Mutterdaseins. Als ich schwanger wurde, das ist inzwischen über fünfzehn Jahre her, hatte ich alles, was man sich wünschen konnte: einen Ehemann, einen Job, den ich kündigen konnte, sobald die Geburt kam, finanzielle Stabilität. Die schlimmsten möglichen Dinge, die ich mir vorstellte, waren zuzunehmen und Dehnungsstreifen.

Stattdessen musste ich mich neun Monate lang übergeben und litt nach der Geburt an einer lebensgefährlichen Gebärmutter-Inversion. Ich verließ das Krankenhaus fünf Tage später, Wasser im ganzen Körper, keine Kleider passten mir mehr. Zwei Wochen später war alles wieder normal. Ich trug wieder meine Sachen von vor der Schwangerschaft und hatte das süßeste Baby, das man sich vorstellen konnte: mit großen braunen Augen, einen Kopf mit schwarzem, glänzendem Haar und einem Lächeln, das mein Herz zum Schmelzen brachte. Die schlimmsten Dinge, die ich mir nun vorstellte, waren das Zahnen und das erste Fieber.

Ihre Zähne kamen ohne Anzeichen von Beschwerden, aber sie schlief nicht länger als zwei Stunden und mehrmaliges Stillen jede Nacht war die Regel. Alle gurrten über dieses wunderschöne Geschöpf, während ich mich immer mehr wie ein Zombie fühlte. Ich erinnere mich an unaufgeforderte Kommentare und Ratschläge wie »Ich trug eins an der Hüfte und eins hing mir am Bein, und trotzdem stellte ich jeden Abend pünktlich das Essen auf den Tisch« oder »bade sie einfach und wickle sie, dann schläft sie die Nacht durch«. Nach außenhin wirkte alles in Ordnung, aber ich hatte beunruhigende Gedanken, die wiederkehrende Vorstellung, wie ich mit dem Baby im Arm die Treppe hinunterfiel, quälte mich. Ich erzählte niemandem davon. Sobald sie nicht bei mir war, geriet ich in Panik, überzeugt davon, dass ich sie in einem Laden oder auf dem Markt vergessen hatte. Mein Bedürfnis, sie jederzeit in Sicherheit zu wissen, stand in starkem Kontrast zu der Tatsache, dass mir ein Gefühl fehlte: die überwältigende Freude, Mutter zu sein.  
Ich blieb ein ganzes Jahr wie benebelt und erzählte immer noch niemandem davon. Ich würde am liebsten sagen, jemand hat es gemerkt, hat mir Medikamente und Therapie vorgeschlagen, aber nichts davon passierte. Ich wurstelte mich durch und ließ mir nichts anmerken. Ganz so, wie ich als Kind erzogen worden bin. Ich hoffte, dass sich der Nebel von selbst auflösen würde und ich von selbst wieder zu mir kommen würde. Und so war es schließlich auch. Es klingt so rational und notwendig, aber glauben Sie mir, das war das längste und schwierigste Jahr meines Lebens. Langsam, Schritt für Schritt, begann ich zu spüren, wie sich Mutterschaft anfühlen sollte, bis jede Faser meines Ichs davon durchdrungen war.

Ich entwickelte außerdem einen scharfen Sinn für Mütter, die ich auf Spielplätzen und bei Ärzten traf, in deren Augen ich eine Leere sehen konnte, die über die physische Erschöpfung nach ein paar durchwachten Nächten hinausging.

Ich arbeitete als freiberufliche Übersetzerin und begann schließlich, Kurzgeschichten zu schreiben. In mir trug ich eine Geschichte, die erzählt werden wollte. Obwohl ich sie in Gedanken entwarf und durchstrukturierte, brachte ich nie ein Wort davon zu Papier. Als ich dann endlich ein Seminar im Romaneschreiben belegte, sollte ich gleich am ersten Tag eine Textprobe von 25 Seiten einreichen. In dieser Nacht dachte ich mir eine Frau aus, die an einer postpartalen Depression leidet und mit Hilfe eines Psychiaters das Knäuel rund um das Verschwinden ihrer Tochter entwirren will. Der Titel änderte sich über die Jahre, aber die Geschichte blieb dieselbe. Eine Geschichte vom Muttersein, von Fehlern, von Einsamkeit. Und von Erlösung. Ganz besonders von der Erlösung.
Während einer dieser Nächte am Computer las ich das Gedicht ›Nostros‹ von Louise Gluck, und die letzten zwei Zeilen trafen ins Schwarze: Wir sehen uns die Welt nur einmal richtig an, in der Kindheit. Der Rest ist Erinnerung. Diese Zeilen brannten sich mir ein und in den Jahren danach erlebte ich meine Kindheit ein weiteres Mal, als ich meine Tochter aufwachsen sah. Ich hoffte, dass unser holpriger Anfang bei ihr keine Spuren hinterlassen hatte – immerhin kann ein so schmerzvolles und irrationales Erleben wie diese ersten Monate nicht einfach so im Nichts verschwinden. Es musste doch bei ihr eine Art Erinnerung an diese Zeit geben, an die Liebe, die ihr zugestanden hätte und die sie zunächst nicht erhielt.

Als ich den ersten Entwurf von ›Remember Mia‹ schrieb, durchlebte ich diese Monate wieder und wieder und hob das Spiel mit den Erinnerungen, diesen wirren kleinen Fragmenten, unzuverlässig und dennoch mächtig, auf eine neue Ebene: Amnesie. In ›Remember Mia‹ leidet Estelle an einer postpartalen Depression und kann sich das Verschwinden ihrer Tochter Mia nicht erklären. Die Polizei glaubt ihr nicht und sie wird zur Hauptverdächtigen. Ihre verschwommenen Erinnerungen sind der Schlüssel zu den wahren Ereignissen jener Nacht. Was sie jedoch nicht weiß, ist, ob sie verantwortlich für die Ereignisse ist.

Ich habe seitdem mit unzähligen Frauen gesprochen, die ihre Erfahrungen mit mir geteilt haben. ›Remember Mia‹ ist ihnen allen und unseren Kindern gewidmet. Ihre Tapferkeit und ihr Mut beeindrucken mich bis heute zutiefst. Estelle hat in ›Remember Mia‹ vor allem einen Wunsch: »Mia, ich wünsche mir, dass wir einander an einem anderen Ort und in einer anderen Zeit wiedersehen, und wenn das geschieht, möge mein Körper perfekt dafür geformt sein, dass du dich fest an mich schmiegen kannst.«

Habe ich schon von Erlösung gesprochen? Ich habe sie schließlich gefunden. Am Muttertag vor ein paar Jahren schenkte mir meine Teenager-Tochter ein hübsches Einmachglas mit einem Schraubdeckel. »Das ist ein Erinnerungsglas. Ich habe alles aufgeschrieben, woran ich mich, seit ich geboren wurde, erinnern kann.« Mein Herzschlag setzte kurz aus, und vor meinem inneren Auge tauchte ein Bild von einer Hand auf, die ungeschickt versuchte, Samen aus dem Schmutz zu picken. Auf farbige Papierzettelchen hatte sie all jene Momente aus ihrer Kindheit aufgeschrieben, an die sie sich erinnerte. Ich las sie alle mit klopfendem Herzen. »Gefällt es dir?« fragte sie mit erwartungsvollen, großen Augen. »Das ist das beste Geschenk überhaupt«, sagte ich und umarmte sie. Und flüsterte mir selbst zu: Es ist gut. Alles ist gut.

Alexandra Burt

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