2. Preis

Wir hatten eine Lehrerin – Frau Liechtenstein-, die es grundsätzlich schaffte, mit der Kreide dermaßen über die Tafel zu kratzen, dass es uns die Fußnägelchen aufrollte. Wir konnten uns nicht konzentrieren, weil wir bereits mit vorverzerrtem Gesicht und stocksteif darauf warteten, dass gleich dieses Kratzgeräusch kommt (muss eigentlich ein lustiger Anblick gewesen sein).
 
Ich übertreibe auch nicht wenn ich sage, dass Frau Liechenstein ein Gegener des damalig genutzten Overheadprojektors war und lieber alles an der Tafel – aaaarghhh – individuell aufmalte – zu unserem Grausen. Sie selbst mochte dieses Geräusch ( … und wie ich das gerade aufschreibe kommt mir so der Gedanke, dass man hier vielleicht schon von einem Fetisch sprechen kann :-)). Doch ich schweife ab.
 
Jedenfalls hatte ich eines Tages eine, wie ich heute noch finde, sensationelle Idee. Ich stand etwas früher als sonst auf, nahm aus unserem Kühlschrank die Butter mit (die in der guten Rosenthal-Dose, die den Transport übrigens nicht überlebte). In der Schule angekommen nahm ich den brrrrr-ekligen-Tafelschwamm (erinnert sich noch jemand daran, wie der immer gemufft hat, weil er klatschnass einfach in die Ecke geworfen wurde?) und rieb damit ein paar mal über die Butter. Dann habe ich mit dem Schwamm die komplette Tafel eingebuttert, die, als ich fertig war, aussah als ob sie niegelnagelneu wäre.
Ich war stolz wie Bolle :-)
 
Zwei Fliegen mit einem Schwamm: Erstens sah die Tafel sowas von gepflegt aus und zweitens würde die Kreide nun nicht mehr so kratzen… das war jedenfalls der Plan.
 
Als dann der Unterricht losging, Frau Liechtenstein zu ihrem ganz persönlichen Zepter griff und anfing, die Tafel zu bearbeiten und ich jedem mutvoll in Erwartung einer tiefen Stille ins Gesicht lächelte, passierte – nichts. Einfach nichts. Frau Liechtenstein schrieb und schrieb und schrieb und es stand nichts auf der Tafel.
 
Im ersten Moment dachte ich, die Tafel haette ein Eigenleben entwickelt und würde sich nun weigern, die Worte samt Kratzgeräusch aufzunehmen (nicht zu vergessen: wir waren ja damals im Stephen-King-Zeitalter). Ähnlich wie bei »Christine« mit diesem Auto, das auf einmal unkontrolliert Leute umfährt …
 
Aber nein, die Lösung war viel einfacher – und leider auch teurer. Ich hatte mit der Butter natürlich die Tafel unbrauchbar gemacht, so dass die Kreide einfach nicht mehr geschrieben hat.
 
Wer mich verraten hat, dass ich es war? Mein eingefrorenes, stolzes Lächeln. Während andere noch mit verzogenem Mund und geschlossenen Augen da saßen, konnte ich nicht fassen, dass mein Plan schiefgegangen war und stach aus der Menge wie grünkariertes Karnickel.
 
Aber danach war ich DIE HELDIN. DIE HELDIN der ganzen Schule! Ich hörte es am flüstern, wenn ich durch die Gänge lief und merkte es an den Blicken der Schüler aus den Klassen über mir. Selbst in der Mensa überließ man mir die grössten Teller und auch die Köchin gab mir eine extra-Portion bei Pommes & Pudding (nur so kann ich mir mein leichtes Übergewicht erklären!!!).
 
SO HABE ICH ÜBERLEBT!
 
P.S.: Die Tafel musste ich übrigens bezahlen – Kredit gabs von Papa. Der übrigens – wie ich heute noch behaupte – im tiefsten Inneren mega-stolz auf seine einfallsreiche Tochter war :-) Nichtsdestotrotz durfte ich danach die Schuld mit niederen Haushaltsdiensten abarbeiten. Das ganze ging bis Weihnachten, an dem ich, das möchte ich abschließend nicht vorenthalten – eine selbst von meiner Mutter zusammengeklebte Rosenthal-Butterdose geschenkt bekommen habe …

Heike Frenzel

5. Preis

Born to be a Outsider

Bevor ich nun aber mehr über meine Schule berichte, sollte ich Ihnen mehr über meinen Stand in eben jener erzählen.
Ob dies für die Geschichte wichtig ist? Ja, absolut.

In der Schule gibt es seit jeher mehrere Gruppen:

Die Streber
Man sollte meinen, sie sind die wirklichen Außenseiter. Da es aber stets eine ganze Ansammlung ist und diese meist noch außerschulische Aktivitäten wie Schachklub und dergleichen besuchen, hat sich diese Gruppe als Nicht-Rand-Gruppe etabliert.
Streber zeichnen sich durch außergewöhnliche schulische Leistungen aus. Ein Durchschnitt jenseits der 1,9 ist nicht akzeptabel. Sogar eine eigene Ausdrucksweise besitzen die Anhänger dieser Gruppe. Sie enttarnen sich, sobald sie den Mund aufmachen. Dialekt oder Kraftausdrücke sucht man hier vergebens.
Vom Aussehen her unterscheiden sie sich enorm von der breiten Masse. Es werden Pullunder und Hemden oder Blusen getragen, der Ranzen ist schlicht und die restliche Bekleidung besteht meist aus einfachem Stoff.
Ich gehörte nicht dazu.

Die Beliebten
Zu dieser Gattung gehören die hübscheren Damen und Herren eines jeden Jahrgangs. Zumeist sind sie die Ersten, die Make-up für sich entdecken und stets einen lockeren Spruch auf den Lippen haben. Diese Gruppe bestimmt die meisten Trends. So heißen Mitmenschen aus sozial schwächeren Gebieten neuerdings »Ghetto-Schlumpf«. Die Jogginghose ist salonfähig und kostet mittlerweile nahezu so viel, wie eine Jeans und coole Sachen sind nicht mehr cool, sondern »Endlaser«. Was auch immer das bedeuten mag.
Auch hierzu gehörte ich nicht.

Die Aufmüpfigen
Eine Ansammlung zumeist junger Männer, die ein Mundwerk haben, das so manchen Politiker in den Schatten stellen würde. Die Kleidung ist normal und damit praktisch zum Vermöbeln schwächerer Mitschüler. Der Notendurchschnitt siedelt sich jenseits der 4,0 an. Für gewöhnlich findet man diese Gruppe vor der Tür des Klassenzimmers oder vor der Tür des Rektors.
Dies war ebenfalls nicht meine Gruppe.

Die Nervigen
Ja, hier haben wir eine absolute Minderheit, aber dennoch erwähnenswert. Von jeder der bisher angesprochenen Gruppen gibt es einen Vertreter, welcher nicht zu 100% in die jeweilige Gruppe passt. Die Nervigen zeichnen sich durch unentwegtes Quatschen aus. Sie mixen ihre Sprache aus Hochdeutsch und Dialekt, durchsetzt mit anderen Sprachen. Sie diskutieren bevor sie zuschlagen, werden vor die Klassenzimmertür gestellt, bleiben dort aber nicht. Ja, das sind die Nervigen.
Nicht meine Gruppe.

Die Außenseiter
Here we go! Die Außenseiter sind eine Minderheit, aber jede Klasse braucht sie. Sie sind zumeist Sündenbock für alles: Die Arbeit am Ende des Schulstoffs – Schuld des Außenseiters. Doppelstunden in Mathematik und Englisch – Schuld des Außenseiters. Der vergessene Turnbeutel des Schlägers – Schuld des Außenseiters.
Äußerlich fällt der Außenseiter erst einmal nicht auf, es gibt ihn in allen Formen und Variationen. Meist dauert es eine Weile, bis überhaupt ein Außenseiter gefunden wird. Und manchmal sorgt vermeidlich Banales für diese Position.
So auch bei mir: Ich passte in keine der angeführten Gruppen und hing somit ein wenig zwischen den Stühlen. An jeder Macke der einzelnen Gruppen wusste ich etwas auszusetzen.
Doch der Sportunterricht, wahrlich ein völlig nutzloses Fach, sorgte dafür, bereits in der Grundschule, meinen Weg als Außenseiter zu ebnen.

Wir spielten eine Art Baseball-Spiel. Nur ohne Schläger und mit Softball statt hartem Lederball. Vier Spieler wurden auf einem Spielfeld verteilt und die restlichen mussten sich an den rechten Rand des Feldes stellen. Der Erste in der Reihe musste nun einen weichen Ball so weit als möglich in das Spielfeld werfen und sofort drei feste Punkte abrennen (also wie beim Baseball), ohne dass die verteilten Spieler vorher den Ball bekamen und zurück zum Anfang warfen.
Ich war an der Reihe. Dunkel erinnere ich mich daran, dass es am Abend zuvor Sauerkraut mit Leberwurst und Kartoffelbrei gab.

Kohl ist ein böser Witz der Natur. Die Darmflora des Menschen wird selbst durch wenige Bissen von Kohl völlig aus dem Einklang gebracht. Die Zersetzung dieses Nahrungsmittels setzt Gase frei. Und das stets dann, wenn man nicht damit rechnet oder es gar nicht brauchen kann.
Ich nahm den Ball und wanderte mit meinem Blick die Gegenspieler ab. Danach schaute ich auf den Boden vor mir und überlegte, in welche Richtung ich werfen sollte. Da ich nicht weit werfen konnte (es gelang mir einfach nie), musste ich also pokerfacemäßig bluffen.
Gesagt, getan! Ich holte mit der rechten Hand weit aus, mein ganzer Körper stand unter Spannung, was sich als böse Falle herausstellen sollte. Und als meine Bauchmuskeln sich verkrampften, um den Ball mit all meiner Kraft raus aufs Spielfeld zu befördern, öffnete mein Darm seine Pforten und es ertönte ein hallendes und ohrenbetäubendes Geknatter.
Der Ball flog. Alle standen total erstarrt da und folgten mit ihren Augen, wie ich so schnell ich konnte, die drei Punkte bis zum Ziel ablief. Der Ball blieb weiter unbeachtet von der gegnerischen Mannschaft.
Und als ich dann das Ziel erreichte, ertönte schallendes Gelächter. Jeder, wirklich jeder, hatte diese peinliche Situation mitbekommen.
Und für mich hieß das: Danke, Körperfunktion (welche im Übrigen jeder Mensch und so manches Tier besitzt) – a new Outsider was born.

Anfangs ging mir diese Position ganz schön auf den Zeiger, aber ich lernte, damit zu leben. Ein Motto der Außenseiter ist »Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s gänzlich ungeniert« und das stimmt zu 100%.

Ich durfte strebern, ich durfte mich crazy kleiden, ich durfte mich im Schminktopf vergreifen, ich durfte den Unterricht stören, ich durfte einfach alles, weil es niemanden interessierte, man ist die Minderheit. Von Außenseitern geht keine Gefahr aus. Einfach herrlich. Im Nachhinein betrachtet.

Susanna Montua

8. Preis

Habt ihr einige Minuten Zeit? Dann begleitet mich doch auf eine kleine Reise. Vorsicht, es ruckelt etwas. Oh, ich muss nachjustieren. Wir befinden uns im Jahr 1965 in einer Stadt im Südwesten.
Guckt nicht so erschrocken!  Ja, das ist ein Klassenzimmer in einer Klosterschule, aber ich bringe euch heil wieder raus. Ganz sicher!
Da vorn, an der Tafel, das ist Fräulein Vollmer. Merkwürdig, ich habe sie immer für älter gehalten, aber von hier aus sieht sie aus wie Anfang Dreißig, höchstens. Wie immer trägt sie etwas in pudrigen Violetttönen, ihre Farbskala reicht von altrosa bis mauve. Ihre gesamte Erscheinung wirkt immer irgendwie ... staubig .Gut dreißig Schülerinnen sitzen artig in ihren Bänken, den Blick nach vorn gerichtet. Affenschaukeln, dicke Zöpfe, Pagenköpfe. Die Kleine da in der ersten Reihe, die fädchendünne mit der dicken Brille, könnte euch bekannt vorkommen. ...Tauscht diie Brille gegen Kontaktlinsen, gebt 25 cm an Länge und einige stattliche Kilos zu ...na, fällt der Groschen? Grinst nicht, ihr seid mit dem Alter auch nicht schlanker geworden.
Elisabeth ist eine gute Schülerin, aber irgendetwas an ihr veranlasst die Pädagogen dazu, ihr immer einen Platz ganz vorne zuzuweisen, während ihre großen Schwestern sitzen dürfen, wo sie wollen. Unter uns gesagt, die beiden sind sehr liebe und fleißige Mädchen, aber doch ein bisschen fad, naja.
Gerade scheint sich Elisabeth zu langweilen. Sie zappelt herum, kramt ein Blatt heraus und beginnt, etwas aufzuschreiben.
»Elisabeth, pass bitte auf! Was kritzelst du da?«
Mädchen, mach jetzt bloß keinenFehler. Treudoofer Augenaufschlag - »Ich mache mir ein paar Notizen« - und gut ist.
Grundgütiger!!! Das darf doch nicht wahr sein!  »Ich schreibe bloß ein Gedicht auf - ich bin gleich fertig.«
Fräulein Vollmer! Lassen Sie es gut sein. Elisabeth legt das Blatt weg und Sie fahren mit Ihrem hochinteressanten Lehrervortrag fort.
Nein! Sie können doch nicht allen Ernstes eine Schülerin (und gar diese !) auffordern, einen Ihnen unbekannten Text vorzutragen. Haben Sie denn gar nichts in Ihrem Lehrerinnenseminar gelernt?
Das kann doch alles Mögliche sein!
Zu spät! Elisabeth beginnt zu lesen, schüchtern zuerst, dann zunehmend sicherer, getragen vom Rhythmus der Verse und vielleicht auch angespornt vom unterdrückten Kichern der anderen Mädchen.

Ein zartlila Wölckchen schwebt herein.
Fräulein Vollmer, ätherisch und fein.
Hellblonde Haare, stets so adrett,
als säße sie jede Nacht im Bett
mit einem dicken Kissen im Rücken
um die Löckchen nicht zu zerdrücken.
Klingelnde Reifen am zierlichen Arm,
hochgeschlossen, denn das hält warm.
Dezent schminkt sie das Gesicht,
doch an Puder spart sie nicht.
Sie schwäbelt stark - das ist extravagant.
Ihr Unterricht? Leider uninteressant.

Bei den letzten Worten erstirbt sie Stimme der jungen Poetin.

Kommt bloß weg hier! Dieses schrille Keifen ist ja nicht auszuhalten!

Wie es weiterging?
Tja, ihr könnt es euch denken. Man hat der Kleinen keine Lorbeerkränze gewunden. Das Fräulein petzte bei der Mutter Oberin, der Schulleitung, was keine kluge Entscheidung war, denn das kleine Gedicht erlangte dadurch eine fragwürdige Popularität.
Elisabeth hat aus der Sache gelernt. Sie perfektionierte in den folgenden Monaten ihre Fähigkeit, mit dem kittfarbenen Wandanstrich der Schulräume zu verschmelzen und zog  in Erwägung, ob nicht Notlügen, mochten sie auch Höllenfeuer und ewige Verdammnis nach sich ziehen, manchmal das geringere Übel seien. Und sie hat das Schreiben, das ihr viel Freude bereitet hatte, vollständig aufgegeben.

C. K.

10. Preis

Ich war während meiner Schulzeit fünf Jahre in unsere Theater-AG und habe das Schauspielern geliebt.
In der 10. Klasse kam dann ein neuer Junge (die waren eh immer eine Rarität im Theater!) dazu und die meisten Mädchen waren sofort verknallt in ihn, darunter natürlich auch ich.
Bei mir hat es dann aber länger angehalten und ich war ernsthaft verliebt in ihn.
In den Sommerferien vor unserem Abschlussjahr habe ich dann eine eigenen Theaterfassung von „Stolz und Vorurteil“ geschrieben, in der großen Hoffnung, dass wir das Stück spielen und er und ich als Mr. Darcy und Elisabeth Bennet gecastet werden.
So ist es dann auch passiert und wir haben zusammen dieses große romantische Liebespaar gespielt.
Und auf wundersame Weise ist mein Plan aufgegangen und nach einigem hin und her hat er sich tatsächlich auch in mich verliebt.
Das war vor vier Jahren und wir sind immer noch zusammen und genauso glücklich wie damals.

Anonym

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