Roman, Die Liebe in diesen Zeiten, Chris Cleave, dtv

Interview mit Chris Cleave über seinen Roman ›Die Liebe in diesen Zeiten‹

»Ich freue mich, wenn der Roman dazu anregt, unser heutiges Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten.« 


Wieso haben Sie ›Die Liebe in diesen Zeiten‹ geschrieben?

In Zeiten von harter Parteipolitik und sozialer Fragmentierung habe ich mich dafür interessiert, was uns mutig macht und was uns verbindet. Ich glaube, wir haben mehr gemein als wir denken und sind umso mehr dazu in der Lage, einander zu verzeihen. Versöhnung und Verzeihen haben einen weit unterschätzten Wert, weil sie uns einen.
Also ging ich gedanklich zurück zu einer Zeit, in der unsere Gesellschaft in einem mutigen Ziel geeint war – dem Sieg über den Faschismus. Ich wollte über diese Zeit so einnehmend und lebendig  schreiben – mit aller Romantik, Humor und auch der damit verbundenen Traurigkeit – dass man sich darin flüchten kann und vergisst, dass man eigentlich gerade einen Roman liest. Ich wünsche mir, dass die Leser die Lektüre so eindringlich erleben, dass sie davon fortgetragen werden; dass in ihnen ein starkes, gutes Gefühl aufsteigt und sie eine eigene Vision davon entwickeln, wie diese goldene Generation so mutig werden konnte und ein so starkes Gemeinschaftsgefühl entwickelt hat. Ich persönlich glaube, dass wir all das immer noch in uns tragen.

Sie beschreiben London während des Blitzkrieges unglaublich lebendig. Wie haben Sie dafür recherchiert?

Ich habe etwas ganz und gar verrufenes und altmodisches getan: Ich sprach mit älteren Leuten. Ich gehöre der letzten Schriftstellergeneration an, die mit Zeitzeugen sprechen kann – mit Menschen, die den Zweiten Weltkrieg in Großbritannien, als Gefangene oder Kämpfer an der Front erlebt haben. Ich fand es wichtig, ihnen zuzuhören, solange sie noch unter uns sind. Natürlich habe ich auch in Bibliotheken und Archiven recherchiert. Ich verbrachte ein ganzes Jahr in staubigen Kellern in London und las mich durch Aufzeichnungen von Evakuierungen und Logistiklisten. Ich weiß, wie viele Särge aus Karton aus London bestellt wurden und wie viele in jeder Nacht des Blitzkrieges verwendet wurden. Ich weiß, wie viel die Herstellung einer Beinprothese kostete und wer die besten produziert hatte. Ich kenne das Gewicht und die Konfigurationen der Bomben, die am wahrscheinlichsten Gliedmaßen zerfetzten. Fürwahr, ich weiß mehr über den Krieg als jeder, der währenddessen gelebt hat, hätte wissen können. Doch als das ist nichtig im Vergleich zu den Gesprächen, die ich mit den Zeitzeugen führte. Denn was man in keinem Archiv findet, ist das Abwesende. Das Fehlen der Sicherheit über den Verlauf von Liebe und Krieg, das Gefühl, das Ende nicht zu kennen. Ich bewundere die Veteranen, mit denen ich gesprochen habe. Wenn ich jetzt den Roman ansehe, dann scheint mir die Geschichte meine eigene zu sein, aber die Angst ist die ihre.

In ›Die Liebe in diesen Zeiten‹ wechselt die Handlung zwischen dem Leben in London und der Front. War dieser beständige Wechsel für Sie beim Schreiben schwierig?  Können Sie uns mehr über den Schreibprozess erzählen?

Beim Schreiben hatte ich den Roman als eine Geschichte von zweierlei Belagerungen vor Augen. Sowohl London als auch Malta waren effektiv blockiert, und so waren beide wie ein abgeschlossener, luftleerer Raum, in dem sich meine Figuren bewegten. Meine Strategie war einfach: die absolute Abgeschlossenheit meiner beiden Schauplätze zu wahren, während ich mich auf die die dünne und zerbrechliche Verbindung der Briefe zwischen ihnen konzentrierte. Was mir in den Jahren, die ich mit diesem Projekt verbracht habe, bewusst wurde und worin ich immer besser wurde, ist, mich gedanklich in meine Figuren hineinzuversetzen und zu erkennen, wie anders sie waren als wir heute sind. Ich habe nur begrenztes Verständnis für Leute, die glauben, unsere Vorfahren so sind wie wir. Nein. Wir sind neurotisch und schwach. Wir haben das höchst weinerliche Bedürfnis, uns selbst zu versichern, wie wichtig und geliebt wir sind und kommunizieren das ständig und oberflächlich über alle möglichen Kanäle. Unsere Vorfahren dagegen litten unter Funkstille und hatten nur äußerst begrenzt Papier und Tinte zur Verfügung. Ihre Briefe mussten mehr zwischen den Zeilen sagen als direkt mit Worten. Mein Schreibprozess bestand darin, jeden Morgen, bevor ich mich an den Schreibtisch setzte, das Foto meiner Großeltern anzusehen und mich daran zu erinnern, dass ich über Menschen schreibe, die viel mutiger waren als ich es bin.

Was hat sich an der Veröffentlichung Ihres Romans besonders gelohnt?

Ich freue mich, wenn das Buch dazu anregt, unser heutiges Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Ich denke, das ist die Mission eines Schriftstellers: neue Perspektiven und Blickwinkel eröffnen. Mit meinen ersten drei Romanen ›Brief an einen Attentäter‹, ›Little Bee‹ und ›Gold‹ tat ich das mit Figuren, die extreme Erfahrungen in unserer Gegenwart machten. Mit ›Die Liebe in diesen Zeiten‹ bin ich in der Zeit zurückgegangen, um diese Perspektivverschiebung zu erreichen.

Die vollständigen Originalinterviews finden Sie auf chriscleave.com und im Material für Lesekreise von Simon & Schuster.
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