Christina Berndt: Individuation

Interview mit Christina Berndt über Individuation

Ihr neues Buch trägt den Titel ›Individuation‹. Was ist ›Individuation‹ – in einem Satz gesagt?
Individuation ist die Selbstwerdung von uns Menschen – die Entwicklung all unserer Anlagen, Fähigkeiten und Möglichkeiten hin zu der Person, die wir gerade sind oder die wir sein wollen.

Lange Zeit gingen Psychologen davon aus, dass die Persönlichkeit durch unsere Gene und die frühe Kindheit festgelegt wird – und dadurch im Kern unveränderlich ist. In Ihrem Buch vertreten Sie die gegenteilige These. Wie also entsteht Persönlichkeit?
Die Psychologie von der Persönlichkeit wurde in der Tat in den letzten Jahren ordentlich durchgerüttelt. Wir sind durch Gene und frühe Kindheit keineswegs so festgelegt, wie das selbst Fachleute lange Zeit geglaubt haben. Vielmehr verändern wir uns ständig. Durch jede Begegnung, durch jedes Ereignis wandeln wir uns, unser „Ich“ ist vom ersten Tag unseres Lebens an im ständigen Fluss. Das mag für manche erschreckend klingen, aber vor allem ist es eine große Chance. Wir können uns nämlich auch aktiv stärker verändern als bislang gedacht – wenn wir es denn wollen.

Welchen Einfluss haben Schlafmangel oder die Darmflora auf unsere Persönlichkeit?
Dazu gibt es ganz faszinierende neue Forschungsergebnisse. Beide verändern offenbar unser Wesen. Beim Schlaf zeigt das im Grunde schon die Alltagserfahrung: Wer zu wenig geschlafen hat, wird aggressiv oder verhält sich wie ein Betrunkener. Aber der Einfluss des Schlafmangels geht noch weiter: Aktuelle Forschungen belegen, dass sich nach einer durchwachten Nacht zahlreiche Gene verändert haben – darunter auch solche, die für unsere Stressreaktion zuständig sind. So zeigt sich mehr und mehr, wie wichtig Schlaf für eine gesunde Seele ist. Bei der Darmflora ist der Zusammenhang noch nicht ganz so klar. Aber die Hinweise mehren sich, dass die Zusammensetzung der Bakterien in unserem Darm einen Einfluss auf unsere Psyche hat. Manche Darmbewohner scheinen das Auftreten von Depressionen beeinflussen zu können, andere wirken sich auf unsere Ängstlichkeit aus. Offenbar sitzt in unserem Darm so etwas wie eine Unterabteilung unserer Seele. Die Schlussfolgerung ist: Antibiotika könnten schädlich für die Psyche sein, manche Probiotika aus dem Joghurt könnten das Wohlbefinden steigern. Mit den einen sollte man also sorgsam umgehen, die anderen könnte man vielleicht in Zukunft gezielt als Medikamente gegen psychische Krankheiten nutzen. 

In Ihren früheren Büchern haben Sie sich intensiv mit ›Resilienz‹ und ›Zufriedenheit‹ auseinandergesetzt. Haben diese einen Einfluss auf die Persönlichkeit?
Zunächst einmal gilt der Umkehrschluss: Die Persönlichkeit hat einen Einfluss darauf, wie zufrieden wir sind und wie gut wir mit Krisen und Herausforderungen umgehen können. Denn beides hängt von unserem Charakter ab. Aber unsere Einstellung spielt ebenfalls eine Rolle: Sowohl Zufriedenheit als auch Resilienz sind eine Frage unserer Haltung, haben mit bewussten Entscheidungen zu tun: Möchte ich mich von einer Sache runterziehen lassen? Bin ich bereit, etwas Positives darin zu sehen? Kann ich mich dazu motivieren, an das Gute zu glauben? Diese Dinge machen ebenso zufrieden wie resilient – und man kann sie üben. Wenn man sie dann beherrscht, haben sie wiederum einen Einfluss auf die Persönlichkeit: Man wird zufriedener, gelassener und emotional stabiler.

Was raten Sie Menschen, die ihre Persönlichkeit bewusst verändern wollen, z.B. aufgeschlossener werden wollen?
Auch das kann man gezielt üben. Dazu haben Wissenschaftler ganze Kataloge mit kleinen Übungsaufgaben zusammengestellt, die man nach und nach steigern kann. Diese Aufgaben finden sich auch in meinem neuen Buch ›Individuation‹. Wer gerne extrovertierter werden möchte, kann mit einer einfachen Übung beginnen. Sagen Sie Hallo zu einem Verkäufer in einem Geschäft, lautet so eine Übung. Oder: Fragen Sie einen Verkäufer in einem Laden, wie es so läuft. Wenn man diese Aufgaben meistert, kann man die nächsten Schwierigkeitsgrade erproben, zum Beispiel einem Freund von einem Gedanken erzählen, den man noch nie mit jemandem geteilt hat. So kann man positive Erfahrungen sammeln. Man merkt: Wenn ich mich nach außen wende, ist das gar nicht schlimm, meistens reagieren die Menschen nett, freundlich, erfreut. Mit der Zeit wird man dadurch ganz automatisch aufgeschlossener. 

Haben Sie selbst auch schon einige der Übungen aus dem Buch ausprobiert? Falls ja: Was war Ihr schönstes Erlebnis bzw. die positivste Resonanz?
Mich reizen manche Übungen zur Verträglichkeit sehr. Dabei geht es mir gar nicht darum, wirklich verträglicher zu werden, denn ich bin bereits ein sehr umgänglicher, freundlicher Mensch. Aber ich finde es reizvoll, besser im Vergeben und Einfühlen zu werden - auch, um mich selbst vor negativen Gedanken zu schützen. Deshalb übe ich sehr regelmäßig eine der schwierigsten Aufgaben zum Steigern der Verträglichkeit: Gründe für das Verhalten anderer Menschen zu finden, die einen schwer irritiert haben. Wenn man sich ganz bewusst in Zeitgenossen mit unangenehmem Auftreten hineinversetzt und Verständnis entwickelt, dann tut einem das auch selbst gut: Man wird stärker in der Welt verankert; man entdeckt, dass die wenigsten Menschen einem feindlich gesonnen sind und dass es vielmehr oft Umstände in ihrem Leben gibt, die sie zu unangenehmen Handlungen antreiben. Dadurch findet man leichter Frieden mit anderen Menschen, auch wenn diese sich wirklich unangenehm verhalten.

© Interview: Stephanie Mache / dtv
 
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