Cover: Das Museum der Welt

Ab 21.2.2020

DAS MUSEUM DER WELT

Ein großer Abenteuerroman und ein unvergesslicher Held

Bartholomäus ist ein Waisenjunge aus Bombay, er ist mindestens zwölf Jahre alt und spricht fast ebenso viele Sprachen. Als Übersetzer für die deutschen Brüder Schlagintweit, die 1854 mit Unterstützung Alexander von Humboldts zur größten Forschungsexpedition ihrer Zeit aufbrechen, durchquert er Indien und den Himalaya. Bartholomäus verfolgt jedoch einen ganz eigenen Plan: Er selbst möchte das erste Museum seines großen und widersprüchlichen Landes gründen. Dafür riskiert er alles, was ihm etwas bedeutet, sogar sein Leben.

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 Leseprobe

5 Fragen an den Autor

Christopher Kloeble über seinen neuen Roman

Die Hauptfigur Ihres Romans ist ein indischer Waisenjunge. Er ist etwa zwölf Jahre alt, sehr intelligent und dient drei deutschen Forschern als Übersetzer. Können Sie ihn kurz vorstellen? 

Bartholomäus ist in Bombay (heute Mumbai) aufgewachsen, in einem jesuitischen Waisenheim. Er ist ein unendlich schlauer Kerl und beherrscht – behauptet er – mindestens ein halbes Dutzend Sprachen. Eine enge Beziehung hat er zu Vater Fuchs, einem Missionar, der neben Gott auch den »größten Wissenschaftler der Welt« anbetet: Alexander von Humboldt. Als der Missionar eines Tages verschwindet, muss Bartholomäus seinen eigenen Weg finden. Außerdem hat er sich fest vorgenommen, das erste Museum Indiens aufzubauen. Dafür sammelt er, wie er sagt, »die teuersten und schwersten und gefährlichsten Objekte des Kontinents, und selbst Unsichtbares wie Gefühle, Träume und Erinnerungen«. 

Sie erzählen von der aufwendigen Forschungsreise der Gebrüder Schlagintweit nach Indien und durch den Himalaja. Warum berichten Sie nicht aus der Perspektive von einem der Brüder? 

Es gibt genug Bücher, in denen aus Sicht eines westlichen Mannes beschrieben wird, wie er in entlegene Regionen der Welt vordringt. Mir war wichtig, diese alte Geschichte neu zu erzählen. Bartholomäus dreht den Spieß um und macht die deutschen Wissenschaftler zum Objekt. Wie muss man sich Indien um 1850 vorstellen. Was sollte da erforscht werden? Große Teile Indiens wurden von der britischen East India Company beherrscht, die das Land geschickt ausbeutete. Das führte 1857 zu einer großen, blutigen Rebellion. Die Schlagintweits reisten in den drei Jahren davor durch Indien. Sie wollten das Land magnetisch vermessen und, wie ihr großes Vorbild Alexander von Humboldt, in Ethnografie, Botanik, Meteorologie, Geologie neue Erkenntnisse gewinnen. Insbesondere in den Himalaja und die anderen Bergketten im Norden sollten die Schlagintweits reisen. Dafür besaßen sie oft keine Erlaubnis. Deshalb verkleideten sie sich als muslimische Händler. Sie beschrieben Bergpässe, Truppenbewegungen, die Art der Bevölkerung. Sie waren eben auch Spione. 

Bartholomäus macht die Reise seines Lebens. Was entdeckt der selbstbewusste Junge auf dem Weg durch sein Land? 

Als die Schlagintweits Bartholomäus mit auf ihre Reise nehmen, damit er für sie übersetzt, ändert sich für ihn alles. Er muss lernen, ohne seine Waisenhaus-Familie zu bestehen. Aus dem eigensinnigen Jungen wird ein junger Mann. Dabei muss er sich nicht nur Bedrohungen wie bösartigen Thugs, verdeckt operierenden Verrätern, ungeahnten Berghöhen, Opiumhändlern und seinen Erzfeinden – den Engländern – stellen, sondern auch seiner eigenen Vergangenheit. 

Ihr Roman ist vieles zugleich: ein herrlicher Abenteuerroman, ein historischer Roman, ein Spionageroman. Auf welche Quellen stützten Sie sich, was haben Sie erfunden? 

Die Inspiration zu diesem Buch kam von meiner Schwiegermutter, der Kunsthistorikerin Dr. Jutta Jain-Neubauer. Sehr hilfreich waren die umfangreichen Veröffentlichungen der Schlagintweits. Mindestens ebenso nützlich war mir mein Leben in Indien. Da meine Frau in Neu-Delhi aufgewachsen ist, verbringe ich viel Zeit in Südasien. Bei der Arbeit habe ich mich eng an allen Details der Reisen orientiert. Aber natürlich hätte ich keinen Roman schreiben müssen, um die Reise der Schlagintweits nachzuzeichnen. Darum kommt Bartholomäus zu Wort. Man könnte behaupten, er ist erfunden. Aber ich bin mir ganz sicher: Es gab diesen Jungen, der zum größten Abenteuer seiner Zeit aufgebrochen ist. Sonst hätte ich niemals über ihn schreiben können.

Der historische Hintergrund

Dr. Jutta Jain-Neubauer über die Brüder Schlagintweit und ihre wegweisenden Studien zum indischen Subkontinent


Im Europa des 18. Jahrhunderts löste die Ästhetik der Neugier auf die weite Welt, welche von der Aufklärung ausging, das Streben aus, Regionen jenseits der damals bekannten Grenzen zu erforschen und zu studieren. Das führte zu einer Reihe von Expeditionen in ferne Länder. Aufgrund der geografischen Reisen der Niederländer, Dänen, Franzosen, Spanier, Portugiesen, Italiener und Briten im 17. Jahrhundert wurde die Welt jenseits von Europa den Europäern bekannt. Dies führte zu einer Ausdehnung des Handels und zur Kolonialherrschaft in den neuen Gebieten. Ein bedeutender Nebeneffekt jener geografischen Reisen und Entdeckungen war die Wahrnehmung europäischer Interessen in wissenschaftlichen Bereichen wie etwa Botanik, Zoologie, Geologie, Mineralogie, Kartografie und Rassenkunde sowie das Studieren von Sitten und Gebräuchen der Menschen außerhalb der europäischen Hemisphäre. Die Disziplinen Anthropologie und Ethnografie wurden an diesem Scheideweg geboren. Am Ende des 18. und während des gesamten 19. Jahrhunderts führten europäische Universitäten, wissenschaftliche Institute und Gesellschaften sowie einzelne Forscher Expeditionen in Kolonien auf der ganzen Welt durch, um Material für die oben genannten Wissenszweige zu studieren und zu dokumentieren.

Einer der bekanntesten, engagiertesten und renommiertesten Wissenschaftler, der aus der wachsenden intellektuellen Leidenschaft der damaligen Zeit hervorging, war Alexander von Humboldt. Er führte systematische und wissenschaftliche Feldarbeiten in Süd- und Mittelamerika durch, insbesondere auf dem Gebiet der Botanik und der botanischen Geografie, was zu seinen bahnbrechenden Beiträgen in Wissensbereichen wie Biogeografie, Geomagnetik und Meteorologie führte. Sein mehrbändiges Opus Magnum Kosmos ist der Versuch, verschiedene Zweige wissenschaftlicher Erkenntnis zu vereinen, um eine ganzheitliche Wahrnehmung des Universums zu vermitteln. Humboldts Arbeit und Philosophie inspirierten eine Reihe jüngerer Wissenschaftler. Zu den wichtigsten gehörten die Brüder Schlagintweit, Adolph (1829–1857), Robert (1833– 1885) und Hermann (1826–1882), die aufgrund ihrer umfangreichen Studien über die Alpenregionen bekannt geworden waren und 1849 ihre Pionierarbeit Untersuchungen über die physicalische Geographie der Alpen in ihren Beziehungen zu den Phænomenen der Gletscher, zur Geologie, Meteorologie und Pflanzengeographie veröffentlicht hatten – demselben Jahr, in dem sie auch Humboldt in Berlin begegneten und offenbar die Bedeutung wissenschaftlicher Erkundungen im Himalaya und im übrigen Indien erörterten. Humboldt war bekanntlich selbst daran interessiert, in Indien zu forschen, aber aus politischen Gründen konnte er von der britischen East India Company dafür keine Erlaubnis erhalten.

Auf Humboldts Empfehlung hin beauftragte die East India Company die Brüder Schlagintweit mit einer detaillierten und umfassenden Kartierung und Dokumentation Indiens in allen wichtigen Bereichen der Geografie, Geologie, Flora und Fauna sowie mit kulturellen, historischen und sozialen Studien. Die Bedeutung einer solchen Indienreise und der damit verbundenen wissenschaftlichen Erkundungen war groß, da ihr Material auf Feldforschungen, persönlichen Beobachtungen und akribischen Dokumentationen beruhte – und das in einer Zeit, als in Europa oft erfundene und falsche Darstellungen von Indien kursierten.

Mit finanzieller Unterstützung des preußischen Königs reisten die Brüder von 1854 bis 1857 nach Indien. Sie untersuchten das Land manchmal zusammen aber meistens auf getrennten Reisen. Wobei jeder Bruder sich einer bestimmten Region widmete und sie sich gelegentlich wieder trafen, um Notizen zu vergleichen und über weitere Routen und Forschungen zu entscheiden. In Indien reisten sie mithilfe von Ochsenkarren, Sänften, Pferden und Dampfschiffen und machten Notizen über ihre Beobachtungen, soziale, religiöse und kulturelle Praktiken der Bevölkerung und über antike Denkmäler. Tausende von Seiten mit Notizen und Hunderte Skizzen sowie Aquarelle waren das Ergebnis ihrer akribischen, mühevollen und umfassenden Feldarbeit. Am Ende reisten Hermann und Robert mit dem Schiff zurück und erreichten Berlin am 17. Juni 1857. Adolph träumte davon, sich Humboldt als ebenbürtig zu erweisen, und beschloss, den Landweg über Zentralasien und Russland zu nehmen. Er wurde jedoch Opfer revolutionärer Umwälzungen in der Region und am 28. August 1857 in Kashgar wegen Spionage enthauptet. Zuvor hatte er jedoch alle seine Habseligkeiten und Forschungsmaterialien nach Indien zurückgeschickt, so dass diese später Preußen erreichten und mit den Forschungsmaterialien seiner Brüder vereinigt wurden.

Die im britischen Dienst stehenden Brüder Schlagintweit brachten zahlreiche Gegenstände aus Indien nach London. Diese wurden in die Sammlungen des India House Museum aufgenommen. In einer Notiz von Hermann und Robert Schlagintweit an J. C. Melvill des India House [Schlagintweit Brief L/F/2/230 vom 20. 6. 1859 (Sammlung der British Library)] werden folgende Gegenstände erwähnt, die übergeben wurden: »212 ethnographische Köpfe, 51 Hände und Füße, 250 Samenproben, 600 Baumteile, 281 Papier- und Textilproben, 160 zoologische Objekte in destilliertem Wein eingelegt und zusätzlich einige ethnographische Objekte, tibetische Drucke, Gebetsfahnen, religiöse Masken, Siegel«. Auch erwähnen die Brüder Schlagintweit ihre 700 Originalskizzen, die »ziemlich gleichmäßig über die Länder Indiens und Hochasiens verteilt« waren und die für eine Veröffentlichung in 20 Bänden mit jeweils 35 Farbzeichnungen vorbereitet wurden. Auf Initiative des »verstorbenen Freundes Baron Humboldt« erklärte sich der deutsche Verleger F. A. Brockhaus bereit, diese Mammutaufgabe für 2300 bis 2500 Thaler zu übernehmen.

Weitere äußerst bedeutende Gegenstände der Brüder Schlagintweit, die Deutschlands historische Verkettung mit Rassentheorien verdeutlichen, sind eine Reihe von »Masken«, die, mit derselben Technik wie bei der Herstellung von Totenmasken, von lebenden Menschen in Indien abgenommen wurden. Anscheinend haben die Brüder Schlagintweit mehr als hundert solcher Masken hergestellt, indem ein Gipsabguss von Gesichtern angefertigt und dieser dann in Bronze oder Kupfer gegossen wurde. Jene Masken standen im Einklang mit dem Kolonialprojekt der Briten namens »People of India«, das die lokale Bevölkerung, ethnische Gruppen und auch Berg- und Waldstämme dokumentierte, um anhand dieses Wissens die britische Herrschaft zu sichern und auszubauen.

Zwar kann man der Dokumentation jener engagierten und gefährlichen Reise auf dem indischen Subkontinent sowie der unerschütterlichen und leidenschaftlichen Arbeit der Brüder Schlagintweit entnehmen, dass sie von einem wahren Streben nach universellem Wissen getrieben wurden. Dennoch verbündeten sie sich dafür mit den Briten. Und so wurden sie zu Partnern in den kolonialen, ausbeuterischen Expansionen.

Wenn wir uns mit Postkolonialismus auseinandersetzen, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die zuvor kolonisierten Gesellschaften heute mit Problemen kämpfen, die eng mit dem westlichen Streben nach Wissen verknüpft sind. Mit anderen Worten: Die Aufklärung und die darauf folgende Industrialisierung – das Aufblühen Europas also – konnten nur mittels der Unterwerfung und Plünderung der Kolonien geschehen.

In dieser Hinsicht gewinnt das Wirken der Brüder Schlagintweit eine hochaktuelle, kritische Relevanz. Das Nachvollziehen ihrer Reise damals beleuchtet unsere Gegenwart.

Dr. Jutta Jain-Neubauer
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