Marlene Averbeck studierte Germanistik, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft. Sie arbeitet als freie Autorin und Rechercheurin für Film und Fernsehen und lebt mit ihrer Familie in Berlin.




Foto: © Susanne Schleyer / autorenarchiv.de

Fragen an die Autorin

1. Dass Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Modestadt schlechthin war, ist weitgehend in Vergessenheit geraten. Sie haben die Modemetropole Berlin wiederentdeckt. Wie kam das?

Das war eine zufällige Entdeckung. Ich war unterwegs und habe am Hausvogteiplatz die Gedenktafeln gesehen, die auf die Historie des Ortes verweisen. Dass Berlin und Mode irgendwann stärker miteinander verbunden waren, als es heute der Fall ist, war mir bis dahin unbekannt und führte zu einer ausführlichen Recherche, die der Anfang der Trilogie war.
 

2. Berlin war das Zentrum der Konfektionsmode. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

In Berlin entstand Konfektionsmode, vergleichbar mit Paris, der Stadt der Haute Couture. In den Anfängen war Konfektionsmode ausschließlich für wohlhabende Kundinnen und Kunden erschwinglich. Erst mit der Zeit eroberte die vorgefertigte Kleidung ein breites Publikum, wurde dann aber so erfolgreich, dass die Modelle in alle Welt exportiert wurden. Eine »Einkaufstour« nach Berlin oder Paris war für begüterte Menschen damals durchaus üblich.
 

3. Sie haben das fiktive Warenhaus LICHTENSTEIN kreiert. Gibt es dafür reale Vorbilder?

Es gab in Berlin zeitweilig bis zu 80 Warenhäuser, einige davon existieren heute noch. Die Konfektionsmode war ohne diese Konsumtempel nicht denkbar und umgekehrt ebenso. Insofern konnte ich mich breitflächig inspirieren lassen – durch kleine und große Warenhäuser. Einige verstanden sich mit ihrer anspruchsvollen Architektur und den artifiziellen Interieurs oder durch kulturelle Angebote wie Konzerte, Ausstellungen oder Leihbibliotheken auch als Orte der Bildung.
 

4. Im Warenhaus LICHTENSTEIN gehen zahlreiche Menschen aus und ein, Sie verfolgen die Lebenswege von vier Hauptfiguren. Warum haben Sie sich für diese vier entschieden?

Um in möglichst unterschiedliche Lebenswelten hineinschauen zu können. So erhalten wir einen Einblick in das Leben der wohlhabenden Inhaberfamilie, ins einfache Bürgertum, in das Leben von Menschen in den Weddinger Hinterhöfen. Auch in die Welt der Kultur wie Theater, Film und Kunst können wir eintauchen über die Figur der Schauspielerin. Das waren die damaligen „It-Girls“, die Kleidung auf den Leib geschneidert bekamen und auf der Bühne, im Film und im Privatleben präsentierten. Was heute gang und gäbe ist, nahm damals seinen Anfang.
 

5. Ihre Figuren sind bis in die Nebenfiguren hinein lebendig. Haben Sie eine Lieblingsfigur?

Um ehrlich zu sein: nein! Mich amüsieren beim Schreiben die zickige Frau Geheimrat, die beiden »Kommunikationsmultiplikatoren«, also die Meiersche mit der zerzausten Zwiebelfrisur oder die trinkfeste Grete ebenso wie Kiesewetter mit den Knöpfen an der Uniform, die stets abzufallen drohen. Oder die äußerlich zarte Frau Kaiser mit dem Charme eines Generals – ich mag jede und jeden von ihnen, und einige werden in den beiden folgenden Bänden stärker in Erscheinung treten.
 

6. Die LICHTENSTEIN-Saga umfasst drei Bände, die in den 10er-, 20er- und 30er Jahren des 20. Jahrhunderts spielen. Warum haben Sie sich für diese Zeit entschieden?

Genau genommen hätte ich einen Zeitraum von bis zu 150 Jahren erzählen können, das wären aber deutlich mehr Bücher geworden. Die Anfänge von Berlin als Modemetropole liegen in den 1830ern, endgültig untergegangen ist diese Epoche mit dem Mauerbau. Die Jahrzehnte, die ich herausgegriffen habe, umfassen die Blütezeit und deren Zerstörung. Nach dem Zweiten Weltkrieg lebte die Berliner Modewelt noch einmal auf, ohne die alte Bedeutung wiedererlangen zu können – und trotzdem ist auch diese Zeit erkundenswert.
 

7. Was bedeutet Mode für Sie persönlich?

Mich interessiert Mode im historischen Kontext, denn ich sehe sie durchaus als Spiegel einer Gesellschaft. In der Gegenwart finde ich die Frage von Nachhaltigkeit entscheidend. Mode hat, wenn man alle Produktionsschritte bis hin zum Verkauf berücksichtigt, einen wesentlichen Anteil am jährlichen weltweiten CO2-Ausstoß. Häufig ist die Herstellung in vielen Ländern noch mit menschenunwürdigen Arbeitsumständen – zum Teil schlichtweg mit Ausbeutung – verbunden. Das sind für mich die Themen, an denen sich Mode zukünftig messen muss. Und wir können das mitsteuern, indem wir entscheiden, wie und wo wir kaufen und wie wir mit abgelegter Kleidung verfahren.
 
merkzettel (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Merkzettel


zum Merkzettel
warenkorb (0)

Es befinden sich keine Artikel in Ihrem Warenkorb


Gesamtbetrag:
0,00 €
inkl. MwSt. zzgl. Versand
My dtv

Jetzt registrieren