Cover: Da sind wir

»Alles ist ein außerordentliches Geheimnis«

Ein Interview mit Graham Swift über seinen neuen Roman ›Da sind wir‹, die Magie des Schreibens und seine Liebe zum Entertainment


Nachdem Ihr letzter Roman ›Ein Festtag‹ zum Weltbestseller wurde, hatten Sie schon mit dem Gedanken gespielt, keinen weiteren Roman mehr zu veröffentlichen. Jetzt erscheint ›Da sind wir‹.  Was ist passiert? 

Offenbar war der Gedanke kein bleibender, und ich habe ja auch nur mit ihm gespielt. Und wie das so ist – ›Da sind wir‹! ›Ein Festtag‹ zu schreiben war eine so intensive Erfahrung, außerdem war die Geschichte einer jungen Frau, die Schriftstellerin wird, ein Zeugnis von allem, was ich über das Schreiben für wahr halte, was sollte danach noch kommen? 
Ich weiß, dass ich den Roman nicht hätte schreiben können, wenn ich nicht alle anderen davor geschrieben hätte, und das machte mir bewusst, dass ich jetzt ein »Werk« hatte. Und es war ein weiterer Grund, warum ich dachte, mit ›Ein Festtag‹ sei ich an einem Schlusspunkt angekommen. In vielerlei Hinsicht habe ich zum Schreiben eine romantische Einstellung, aber ich hänge nicht der romantischen Überzeugung an, dass ein Schriftsteller »immer weiter schreiben« muss, dass er nicht innehalten und sich auf das, was er erreicht hat, besinnen kann, um dann zu dem Schluss zu kommen: Mein Werk ist vollendet. Vielleicht ziehe ich mich jetzt zurück. 
Shakespeare hat sich zurückgezogen! 
Aber in Wahrheit ist das mit dem Schreiben ganz anders. Ich brauche mich nur an die Zeit zu erinnern, als ich keine Ahnung hatte, dass ich ›Ein Festtag‹ schreiben würde, nicht die leiseste Spur einer Ahnung. Dann, eines Tages, »passierte« es. Plötzlich und mit einem außergewöhnlichen inneren Antrieb schrieb ich den Roman. Die Frage »Was mache ich jetzt?« stellte sich nicht mehr. Ich bin seit langer Zeit Schriftsteller und habe mehr als ein Dutzend belletristischer Bücher geschrieben, trotzdem weiß ich heute genauso wenig wie damals, als ich zu schreiben anfing, woher ein Roman oder eine Geschichte kommt. 
Es ist ein Geheimnis. Es passiert einfach. 
Ich habe gelernt, manchmal auf schmerzliche Weise, dass Schreiben keine Sache der Absicht ist, der Willensentscheidung oder des Entschlusses, so tugendhaft das auch wäre. Es passiert einfach. Nachdem ich ›Ein Festtag‹ geschrieben hatte, war ich also ganz entspannt. Ich hatte nichts vor. Ich brauchte nichts zu schreiben, es sei denn, etwas tauchte auf geheimnisvolle Weise auf und trieb mich zum Schreiben.
Genau das geschah, und ›Da sind wir‹ entstand. Ich hatte es nicht vorausgesehen. Ich wurde davon genauso überrascht wie von ›Ein Festtag‹. Ich bin auf alles, was ich veröffentlicht habe, sehr stolz, aber mein Stolz ist mit ehrlichem Staunen vermischt. Ich kann sagen: Es gab eine Zeit, da waren alle diese Bücher nicht da. Jetzt sind sie da. Sie sind geschehen. Es müsste offensichtlich sein, schon der Titel sagt es, dass es in ›Da sind wir‹ um ein paar fundamentale Dinge geht. Wie geschehen die Dinge? Wie entstehen sie, wie fangen sie an? Aber auch: Wie ist es möglich, dass etwas, das entsteht, wieder verschwindet? Wenn ich sage, meine Bücher »passieren«, ist mir bewusst, dass es da ein noch tieferes Geheimnis gibt, dem ich nicht aus dem Weg gehen kann: Irgendwie muss ich ihnen zur Existenz verholfen habe. Aber das kann ich weder erklären noch ergründen.

In ›Da sind wir‹ verlieben sich ein Entertainer und ein Zauberer im Sommer 1959 in dieselbe Frau. Was reizt Sie am flirrenden Showgeschäft der 50er Jahre? 

Meine Kindheit fiel in die 50er Jahre, meine Jugend in die 60er – eine gute Zeit, Jugendlicher zu sein. Als Junge war mir mit Sicherheit nicht bewusst, dass dies eine Zeit großer sozialer und kultureller Umwälzungen war, denen natürlich ein katastrophaler Krieg vorausgegangen war, mit materiellen Auswirkungen, an die ich mich heute noch erinnern kann, und in gewisser Weise habe ich sogar heute manchmal das Gefühl, dass er gerade erst vorbei ist. Aber in den 50er Jahren hatte die alte Welt noch Bestand, während eine neue sich entfaltete. 
Etwas Ähnliches – vielleicht noch ausgeprägter – hat sich meiner Meinung nach in den 20er Jahren ereignet, der Zeit der Handlung von ›Ein Festtag‹. Ein großer, traumatischer Umbruch hatte sich vollzogen, und danach bestand der Wunsch zurückzugehen zu dem, was davor bestanden hatte, während gleichzeitig das Vordringen in die Zukunft beschleunigt wurde. Der Ausgangspunkt von ›Ein Festtag‹ – dass Dienstmädchen einen Tag frei bekamen, um ihre Mütter zu besuchen –, eine Tradition, die zu der Zeit schon überholt war, ist ein gutes Beispiel für solche historischen Überschneidungen. 
In den 50er Jahren hatten die Menschen Radios, aber Fernsehen war für die meisten noch neu, und so gab es weiterhin die Theater, besonders die Varietés, wo populäre Live-Unterhaltung, eine Fortsetzung der alte »Music Halls«, geboten wurde. Im Grunde haben Radio und Fernsehen lange versucht, diese Tradition fortzusetzen und sie den Menschen in die Wohnzimmer zu bringen. Am längsten hielt sich das Varieté-Theater in Badeorten, wo Aufführungen oft in Theatersälen stattfanden, die auf einem Pier errichtet wurden – die »Pier-Shows«. 
In den 50er Jahren, selbst Anfang der 60er Jahre war es ungewöhnlich, dass Menschen, es sei denn, sie waren sehr reich, ins Ausland reisten. Die Idee, Ferien im Ausland zu machen – für uns das Gewöhnlichste von der Welt –, wäre mir in den 50er Jahren völlig unvorstellbar gewesen. Auch meinen Eltern. Ich hatte nicht die Erwartung, je in meinem Leben in ein anderes Land zu reisen. Mein Vater hatte andere Länder gesehen, weil er im Krieg war. 
All das veränderte sich ab Mitte der 60er Jahre von Grund auf. Davor machten die Menschen – einmal im Jahr, wenn sie Glück hatten – Ferien am Meer. In Großbritannien gibt es reichlich Strand. Hier tummelte sich die Nation, und ein Teil des Vergnügens war das Theater in den Strandbädern mit ihren Unterhaltungsshows. Für die meisten Urlauber war das ein fester Bestandteil ihrer Ferien. 
Wer mein Werk kennt, weiß, dass die Küste eine Faszination auf mich ausübt. ›Da sind wir‹ ist nicht mein erster Roman, in dem die Küste eine Rolle spielt. In meiner Essay-Sammlung ›Einen Elefanten basteln‹ gibt es einen Text mit dem Titel »I Do Like to Be Beside the Seaside«, was auch der Titel eines berühmten Liedes aus den Music Halls ist, der von dieser Faszination handelt. Den Kern der Sache bildet meiner Meinung nach dieses grundlegende Paradox: Die Menschen fahren an die Küste, wo sie dem Spiel und dem Vergnügen frönen, aber der Untergrund, auf dem sie sich bewegen, ist der elementare Streifen, wo Land und Wasser zusammenstoßen, und darin verbirgt sich eine Verunsicherung. Nichts könnte das besser versinnbildlichen als ein Pier, eine wankende Struktur, die ins Meer hinausgebaut wird und auf dem die Menschen zu ihrem Amüsement herbeiströmen und sich in einem Saal eine Show ansehen, während unter ihnen die Wellen an den Strand rauschen. 
Hinzufügen möchte ich, dass ich als Schriftsteller eine Schwäche für das Theater sowie für Schauspieler und Unterhaltungskünstler habe. Ich selbst hätte nie Schauspieler sein können und bin froh, dass ich Schriftsteller bin, ich glaube jedoch, dass zwischen den beiden Berufsgruppen kein so kategorischer Unterschied besteht. In beiden Fällen versuchen Menschen, aus sich selbst herauszutreten und in eine vorgestellte Welt einzutreten. Und obwohl man der Ansicht sein kann, dass Schreiben einen gewissen Mut voraussetzt, oder eine Anmaßung – einer schreibt ein ganzes Buch und legt es der Welt vor! –, spielt sich die Aktivität selbst doch an einem sicheren Ort ab, verglichen mit dem Auftritt auf einer Bühne und der Absicht des Schauspielers, das Publikum in seinen Bann zu schlagen. Ich bewundere diesen Mut, und ich bewundere die Fähigkeit von darstellenden Künstlern, die erreichen wollen, dass auf der Bühne etwas »geschieht«.
Meine Einstellung zur Unterhaltung, zum »Entertainment«, ist sehr offen. Manche würden Entertainment als eine mindere, eine vulgäre Kunstform abtun. Aber was möchte ich meinen Lesern bieten? Ich möchte sie unterhalten, ich möchte ihnen etwas geben, das ihnen gefällt. Unterhaltung und Zerstreuung findet man nicht nur beim Singen und Tanzen – obwohl es davon in ›Da sind wir‹ jede Menge gibt. 
Es ist durchaus möglich, dass wir an ernsten Dingen Gefallen finden und uns zur Unterhaltung mit ihnen befassen, und weil ich meine Leser in ihrer Aufgeschlossenheit und Lebenserfahrenheit respektiere, möchte ich ihnen diese Art von Unterhaltung verschaffen. Auch die schmerzlichsten Dinge können uns gefallen. Gehen wir wieder zu Shakespeare – warum sehen wir uns Tragödien an? Weil sie uns gefallen. 
Das Varieté, Hamlet, Macbeth, sie alle haben ihren Platz in der Vielfalt der Unterhaltung. Manch einer könnte sogar sagen, dass es bei Shakespeare etliche Varieténummern gibt. Überall mischt er Tragödie mit Komödie. Ich hoffe, auch in meinem Werk ist immer ein komischer Zug zu spüren, selbst an Stellen von großem Ernst. Und von wem sind noch einmal die Worte, die eine Erinnerung an unsere Ernsthaftigkeit und Anmaßung sind und gleichzeitig eine Befreiung davon: »Die ganze Welt ist Bühne.«? 
Um zurück auf die Frage und das glitzernde Showbusiness der 50er Jahre zu kommen. Natürlich liebe ich das alles. Natürlich liebe ich es, wenn Evie, die Assistentin des Zauberers, aus der Kiste steigt, im Federschmuck mit Glanz und Glitzer, die Arme in die Höhe wirft und ihre »strahlende und unversehrbare Gestalt« wiedergewinnt. Wem ginge es nicht so?

Als Motto stellen Sie ein Zitat von Joni Mitchell voran: »It‘s life‘s illusions I recall«. Was verbinden Sie damit?

Das Wort »Illusion« kommt in dem Roman mehrmals im Zusammenhang mit Magie vor, aber nach der Zeile, die ich zitiere, geht das Lied von Joni Mitchell, »Both sides now«, weiter: »I really don′t know life at all.« Das ist eine ziemlich ehrliche Feststellung, besonders, wenn man schon seit einiger Zeit auf der Welt ist. Und auch wenn es merkwürdig erscheinen mag, so ist das keine schlechte Ausgangshaltung für einen Schriftsteller. Alles ist ein außerordentliches Geheimnis.

Die Abwesenheit eines Menschen und der Schmerz, den sie verursacht, spielt im Roman eine zentrale Rolle. Vermissen Sie etwas, wenn Sie den Text zu Ende geschrieben haben? Und wie wissen Sie, wann er fertig ist?

Wenn überhaupt, erlebe ich einen großen Rausch der Freude, dass das Ding da ist, vollständig – auch wenn ich weiß, dass ich einiges umschreiben muss und der Text aus technischer Sicht nicht abgeschlossen ist. Aber es entsteht kein Verlustgefühl, und das ist auch nicht nötig. Wenn ein Buch fertig ist, bleibt es trotzdem nah bei mir. 
Ich weiß, viele Schriftsteller würden das Gegenteil sagen: Wenn es fertig ist, ist es vorbei, erledigt.
Das verstehe ich überhaupt nicht. Alle meine Bücher und Figuren bleiben mir nah. Mein erster Roman, ›Ein ernstes Leben‹, den ich vor vierzig Jahren schrieb, ist mir so nah wie ›Da sind wir‹. In gewisser Weise sehe ich hier weder Vergangenheit noch Gegenwart. Deshalb kann ich auch davon sprechen, dass mir meine Figuren »begegnen«. Sie sind hier und mir so nah, dass ich das Gefühl habe, sie könnten außerhalb der Bücher existieren, in denen sie vorkommen. Sollte ich also zu ihnen sagen: »Hallo, Jane«, »Hallo, Evie«, hoffe ich, dass sie zurückgrüßen und »Hallo, Graham« sagen würden. Das mag manchen Menschen seltsam vorkommen. Vielleicht gehört es zu der romantischen und unschuldigen Sicht, die ich zuweilen auf das Schreiben habe – ich bin der Ansicht, dass es ungeheuer wichtig für einen Schriftsteller ist, sich ein Gefühl von Unschuld zu erhalten, auch wenn sein Stoff alles andere als unschuldig ist. 
Aber nein, ich »vermisse« meine Bücher nicht, sie werden nicht zu Geistern, ihre Gegenwart ist für mich sehr wirklich. 

Sie sagten einmal, dass Schreiben für Sie keine autobiographische Übung sei. Ist es für einen Schriftsteller vielleicht sogar die größte Leistung, im oder hinter seinem Text zu verschwinden? So wie Ronnie, der Zauberer, die Kunst des Dinge- und Menschenverschwindenlassens auf die Spitze treibt und sich selbst verschwinden lässt?

Das sage ich auch heute noch. Ich möchte etwas schaffen, etwas entstehen lassen, das vorher nicht da war. Literarisches Schreiben würde mich nicht weiter interessieren, es wäre auch keine Literatur, wenn es einfach meine eigenen Erfahrungen in bearbeiteter Gestalt wären. Es erübrigt sich zu erwähnen, dass ich niemals ein Hausmädchen in den 20er Jahren war noch in den 50er Jahren Zauberer oder die Assistentin eines Zauberers. Vielleicht ist meine Antwort auf diese Frage mit meiner Antwort auf die letzte verknüpft. Ich bin kein autobiografischer Schriftsteller, aber ich habe oft das Gefühl, dass meine Geschichten sehr lebendig und persönlich sind. 
Und ist das nicht die grundlegende Aufgabe literarischen Erzählens: Etwas, das offenkundig künstlich erzeugt ist, lebendig werden und wirklich erscheinen zu lassen und die erzählte Geschichte zur eigenen Erfahrung des Lesers zu machen? Und, noch einmal in einem romantischen und unschuldigen Sinne, ist das nicht die wesentliche »Magie« von allem? Wenn Erzählen funktoniert, wandelt es sich in das Gegenteil von dem, was es zu sein vorgibt. Das Erfundene wird als wahr erfahren, es kann uns erkennbar und nachfühlbar besonders tiefe Wahrheiten über unsere Existenz vermitteln. Trotzdem bin ich kein Zauberer. Ich bin einfach ein Geschichtenerzähler. Womöglich versuche ich, in meinem Werk zu »verschwinden«, aber ich bin nicht Ronnie Deane (auch nicht der Große Pablo), genauso wenig wie ich Evie White oder Jack Robbins (oder der flinke Jack) oder Jane Fairchild [aus ›Ein Festtag‹] bin. 
Wer weiß, vielleicht gehört es zum Leben wie zur Bühne und zur Magie und ist eins seiner Geheimnisse, dass Menschen verwandelt werden können, dass sie unvermutete Aspekte ihrer selbst enthüllen oder entdecken können. Jane Fairchild verwandelt sich wundersamerweise von einem Hausmädchen zur Schriftstellerin, während sie unverkennbar Jane bleibt. 
Trotzdem sind meine Figuren nicht identisch mit mir, auch wenn sie mir sehr nah sind und ich sie alle liebe.

© Graham Swift, 2019
Aus dem Englischen von Susanne Höbel
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